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„Wir bleiben hier“

Es ist eine Bruchbude, in der Dirko Goebel in Leipzig lebt. Eine neue Wohnungsgenossenschaft war die Rettung.

Laura Röllmann, Tobias Bernet und Dirko Goebel (v.l.nr.) vor ihrem Haus in Leipzig.
Laura Röllmann, Tobias Bernet und Dirko Goebel (v.l.nr.) vor ihrem Haus in Leipzig. © Hazel Sheffield

Von Hazel Sheffield

Dirko Goebel ist der letzte verbliebene Mieter eines einst prunkvollen Eckhauses in Leipzig. Eine Wendeltreppe führt in verlassene Räume, in denen der Blick auf Holzfußböden, hohe Decken und Kachelöfen fällt und die frühere Pracht des Gebäudes erahnen lassen. Seit 1990 wurde das Gebäude unter anderem für Partys und Kunstprojekte genutzt, während mehrere Vermieter nacheinander daran scheiterten, es in einem guten Zustand zu halten. Nun fangen Eimer Wasser aus undichten Stellen auf, Klebeband hält angeknackste Wasserleitungen zusammen und Decken sind von Feuchtigkeit und Schimmel entstellt. 

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Aber Goebel will nicht gehen. Er hat sich sein Zuhause in einem der unteren Geschosse eingerichtet, eine kleine Küche von Hand eingepasst und ein Hochbett gebaut, um Raum zu schaffen für Sofas und seine Bücher. Über die Jahre hat er kontinuierlich Angebote abgewiesen, gegen Geld auszuziehen und so einen potenziellen Verkauf blockiert. „Ich habe das Geld abgelehnt, weil mein Herz an diesem Haus hängt“, sagt Goebel. „Ich will hierbleiben.“

Im letzten Jahr gelang es der neu gegründeten „Solidarischen Wohnungsgenossenschaft“ (SoWo), das Haus zu kaufen. Goebel ist hocherfreut. Schon vorherige Mieter hatten sich ausgemalt, das Gebäude zu kaufen und zum Wohnen zu renovieren, doch sie waren nicht so gut organisiert. Anfang 2018 hat sich die SoWo Leipzig mit der Schweizer Stiftung Edith Maryon zusammengetan, um sich das Gebäude für 1,65 Millionen Euro zu sichern. Dabei übernahm sie Goebels Mietverhältnis.

Jetzt ist Goebel Teil einer Projektgruppe, die eine Sanierung organisiert, mit der dauerhaft erschwinglicher Wohnraum für etwa 40 Menschen geschaffen wird, plus Platz für Gewerberäume im Erdgeschoss. Als Genossenschaftsmitglied ist Goebel daran beteiligt, die Wohnungen von Grund auf wiederherzustellen und entscheidet mit, wie sie geführt und verwaltet werden.

Wohngenossenschaften erleben eine Renaissance in Deutschland. Seit der Wiedervereinigung ist eine Welle gemeinschaftlichen Wohnens entstanden. Manche dieser Bewegungen haben sich seither institutionalisiert. Eine davon ist das 1992 gegründete Mietshäuser Syndikat, das mittlerweile mehr als 100 Wohninitiativen in ganz Deutschland vereint.

Diese Kooperativen der nächsten Generation sind auf einer langen Tradition genossenschaftlichen Wohnens gebaut. Rund 15 Prozent des Wohnbestandes in Leipzig sind im Besitz von Genossenschaften. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie Teil der DDR-Planwirtschaft.

Auf Tobias Bernet (l.), Laura Röllmann und Dirko Goebel wartet noch viel Arbeit.
Auf Tobias Bernet (l.), Laura Röllmann und Dirko Goebel wartet noch viel Arbeit. © Hazel Sheffield

Goebel wurde 1976 in Leipzig geboren und wuchs in einer solchen Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft auf. Er erinnert sich an gemeinschaftliche Aktionen zum Putzen der Gemeinschaftsflächen, Sportmannschaften, die nach Häuserblocks organisiert waren, und Medaillen für die aufgeräumtesten Straßen. Viele Bewohner sind mit dem Gedanken vertraut, Verantwortung für die Pflege und Verbesserung gemeinsamer Wohnbereiche zu teilen.

Genossenschaftliches Wohnen wird beliebter, da die Mieten in vielen deutschen Städten stark ansteigen. Noch 2011 war Leipzig mit durchschnittlich 5 400 Euro Jahresmiete die günstigste deutsche Großstadt. 2017 kostete eine Wohnung derselben Größe im Durchschnitt 7 560 Euro.

Tobias Bernet, Mitgründer und Vorstand der SoWo, zog 2008 aus der Schweiz nach Leipzig, um sich als Sozialwissenschaftler mit alternativen Nutzungsformen von leer stehenden Gebäuden zu befassen. Damals standen dafür noch zahlreiche Häuser zur Verfügung. Er sagt: „Es gab eine kurze Zeit, in der vieles möglich war, als die Grundstückspreise noch niedrig waren, und es eine kritische Masse von Menschen gab, die willens waren, etwas zu tun.“

Die Georg-Schwarz-Straße war einmal eine geschäftige Einkaufsstraße, doch als Bernet in Leipzig ankam, hatte sie einen schlechten Ruf. Viele Gebäude waren verlassen. Alternative Wohnprojekte begannen, Häuser günstig zu kaufen und zu renovieren. Die Gründung der SoWo stellt einen Versuch dar, dieses Konzept in einer angespannteren Wohnungsmarktsituation weiterzuentwickeln. Die Genossenschaft hat über 120 Mitglieder und besitzt zwei Mietshäuser. Sie plant, weitere zu kaufen. Je mehr Gebäude in Händen der Genossenschaft sind, sagt Bernet, desto günstiger ist die Bewirtschaftung für alle.

Obwohl der Kauf des Hauses in der Georg-Schwarz-Straße zunächst von der Stiftung Edith Maryon finanziert wurde, muss die Gruppe insgesamt über drei Millionen Euro aufbringen, um die Gebäude- und Sanierungskosten abzudecken.

Laura Röllmann ist Psychologiedoktorandin und ein Mitglied der Projektgruppe. Die Gruppe sammelt Genossenschaftsanteile und Darlehen von Freunden und Verwandten, um rund 650 000 Euro an Eigenkapital aufzubringen. Eines Tages wird Röllmann als Bewohnerin zu Goebel dazustoßen. „Das Genossenschaftskonzept ist den Menschen hier nicht fremd, das hilft.“

Hat die Gruppe einmal ihr Eigenkapital aufgebracht, wird sie an eine ethisch arbeitende Bank wie die Triodos herantreten, zu deren Geschäft die Unterstützung von kollektiven Wohnprojekten gehört. Manuel Ehlers, Relationship Manager Nachhaltige Immobilien bei Triodos in Berlin, sagt, die Bank finanziere Projekte wie dieses als Teil ihrer Überzeugung, Nachhaltigkeit über bedingungsloses Profitstreben zu stellen. „Wir streben danach, nur Projekte mit einer positiven Auswirkung auf die Gesellschaft zu finanzieren“, sagt er.

Die SoWo hofft, die Sanierung des Gebäudes bis 2020 fertigzustellen. Die Projektgruppe hat schon große Mengen Müll entsorgt und schadhafte Fußbodendielen herausgerissen. Die Arbeiten haben das Haus wie eine Hülle zurückgelassen. Man kann sich kaum vorstellen, wie es renoviert und bewohnt aussehen wird. Aber Goebel ist zuversichtlich. „Als ich das Geld abgelehnt habe, um in diesem Haus zu bleiben, haben mir viele Freunde gesagt, ich sei verrückt. Ich war der Einzige, der glaubte, dass man etwas machen könnte“, sagt er. „Nun, da es viele gibt, die daran glauben, scheint es nicht mehr so verrückt!“