Teilen: merken

22 Liter Fett gegen 20 000 Euro

Mit fast 100 Kilo und dem Lipödem kämpfte sich Antje Wensel durch die Wüste. Jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben.

© Cao Xijia/www.4deserts.com

Von Michaela Widder

Jammern ändert nichts. Machen alles. Das weiß sie, und deshalb steht Antje Wensel mit ihrem neun Kilo schweren Rucksack gefüllt mit Astronautennahrung, Energiepülverchen, Daunenjacke und Isomatte vor der Registrierung in Swakopmund. „Sind Sie schon mal so was gelaufen?“, sagt ein Helfer von der Organisation. Die Frage ist heikel, auch wenn sie nicht boshaft gemeint ist. Aber Antje Wensel kennt diese Blicke auf ihren unförmigen Körper, dazu die Sprüche. Sie ist abgehärtet, hat es sich und der Welt längst bewiesen, dass ihr Körper mehr kann, als wonach er aussieht.

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Naturbestattung in der Region

Die letzte Ruhe mitten im Wald. Im Bestattungswald werden regelmäßig kostenlose Führungen veranstaltet, bei denen Sie den Wald kennenlernen können.

Trotzdem kommen am Abend des 20.  April Zweifel auf. 250 Kilometer durch die Namib, die älteste Wüste der Welt. Beim Sahara Race muss sie die nächsten sechs Tage jeweils einen Marathon laufen – und oft noch weiter. Von Etappe zu Etappe wird es schwieriger, der Sand tiefer, die Hitze unerträglicher. Weil sie unrhythmisch läuft, mal rennt, mal marschiert, ist sie meist allein unterwegs.

Der vierte Tag wird zur Grenzerfahrung. 81 Kilometer ist die Königsetappe lang, in der Mittagshitze sind es 45 Grad, dazu bläst ein Gegenwind von 50 Stundenkilometern. Es geht schwer, und für Antje Wensel mit ihren 96 Kilo auf 1,75 Meter noch ein bisschen schwerer als für ihre Konkurrenten. Wie sie ihre ganze Masse durch den Sand wühlen muss, wird sie später erzählen. Vorbei an Top-Läufern, die wie tot in den Sträuchern liegen und aufgeben. Nach mehr als 20 Stunden erreicht sie das Ziel für diesen Tag und weint vor Erschöpfung.

Kein Sport, keine Diät – nichts half

Über ihren langen Weg zur Ultraläuferin erzählt Antje Wensel an diesem Sonntag auf der Leipziger Buchmesse. Ein „bisschen Horror“, gibt die 34-Jährige zu, hat sie davor, „auf der Literaturbühne“ zu stehen. Sie ist nicht die Extrovertierte, die große Rednerin – und überhaupt: „Wen soll meine Geschichte interessieren?“, hatte sie schon Co-Autor und Extremläufer Rafael Fuchsberger gefragt, als er im April 2017 mit der Idee eines gemeinsamen Buches noch am Strand in Namibia auf sie zukam. Ein knappes Jahr später stellt die Bischofswerdaerin ihre Läufer-Biografie „Du kannst, wenn du willst“ vor. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die jahrelang ihren Körper nicht versteht, die sich von Rückschlägen und Handicaps nicht unterkriegen lässt.

Wie ein nasser Sack hing Antje Wensel im Schulsport an der Kletterstange, sie war nicht die gänzlich Unsportliche, aber schon immer ein paar Kilos zu schwer. Das änderte sich auch nicht, als sie in Fitnessstudios rannte und sich von Low Carb, Trennkost zu „FdH“ hangelte. „Da musst du halt weniger essen.“ Wie sie dieser Spruch nervte. Nichts half. Nichts. Was blieb, war Frust.

Selbstvertrauen schöpft sie erst Jahre später durch ihr neu entdecktes Hobby. Ihr Freund Ralf, den sie im Urlaub auf der afrikanischen Insel Boa Vista kennengelernt hatte, begeistert sie 2014 fürs Laufen. Nur zwei Wochen nach ihrem ersten Zehn-Kilometer-Lauf in Leipzig startete sie in ihrer Heimatstadt Bischofswerda beim Halbmarathon über 21 Kilometer, sie wollte zu viel zu schnell, weiß sie heute. „Ich war die Letzte. Mir ist der Besenwagen fast in die Hacken gefahren.“

Sie rennt weiter. Irgendwann müssen die Pfunde purzeln, denkt sich Antje Wensel in der Vorbereitung auf ihren ersten Marathon im Oktober 2015 in Frankfurt. Doch es passiert das Gegenteil. Fast 100 Kilo bringt sie auf die Waage, ihr Körper verändert sich. „Meine Arme und Beine sind explodiert. Und alles ist mit Fett überlagert“, erzählt sie. Jeder T-Shirt-Kauf ist ein Kampf, Ärmelnähte drohen fast zu reißen. „An der Stelle, wo sich normalerweise deutlich das Knie abzeichnet, lässt es sich bei mir nur erahnen. Mein Po macht dem von Jennifer Lopez Konkurrenz, allerdings ist meiner eine Kraterlandschaft“, schreibt sie in ihrer Biografie schonungslos über ihre Figur.

Ihr Körper ist ein Buch mit sieben Siegeln, er scheint gegen jegliche sportliche Betätigung resistent zu sein. Ein Standardspruch der Ärzte, die ihr Übergewicht als Adipositas abgestempelt hatten: „Gehen Sie besser zum Aquajogging. Marathon ist bei ihrem Gewicht nicht gut.“ Doch ihre neue Leidenschaft aufgeben? Niemals. Antje Wensel träumte schon lange von einem Etappenrennen in der Wüste, obwohl sie gar kein Outdoor-Freak sei. 2016 buchte die Läuferin mit der läuferuntypischen Figur das Abenteuer Namibia. „Ich muss meine Träume mit Leben füllen“, sagt sie.

Die Generalprobe geht schief. Bei ihrem ersten Ultramarathon über 75 Kilometer auf Boa Vista löste sich die Haut von ihren blutenden Füßen, weil die Schuhe viel zu klein waren. Ihre Oberschenkel rieben aneinander, die Mischung aus Schweiß, Salz und Sand fühlte sich bei jedem Schritt an, „als würden meine Beine mit Schmirgelpapier bearbeitet werden“. Nach 19 Stunden schleppte sie sich ins Ziel, das Zeitlimit hatte sie deutlich überschritten.

Wie sollte sie es wenige Monate später sechs Tage lang durch die Wüste schaffen? Die Sachbearbeiterin eines Dresdner Energieversorgers, die täglich zwischen Großdrebnitz und der Landeshauptstadt pendelt, trainierte fortan noch härter. Bis zu 120 Kilometer lief und marschierte sie an sechs Tagen in der Woche.

Dann der Schock mitten in der Vorbereitung auf Namibia. Bei einem Arztbesuch im Februar 2017 bekam sie endlich eine Diagnose, sie leidet am Lipödem, einer chronischen Stoffwechselkrankheit. „Es war erlösend, aber auch total schlimm.“ Denn nun war klar, sie könnte so weit laufen wie einst Forrest Gump im Kinofilm und würde trotzdem niemals die 20 Kilo verlieren, die irgendwie nicht zu ihr gehören. Das Lipödem ist eine Fettstoffverteilungsstörung meist an Armen und Beinen, die in Deutschland jede zehnte Frau betrifft.

Als Therapie gegen die fortschreitende Krankheit soll die junge Patientin mehrmals in der Woche zur Lymphdrainage gehen und maßgefertigte Kompressionsstrümpfe tragen, die enger als jeder Tauchanzug sitzen. Sommer wie Winter. Ein Leben lang. Als sie Ärzten von ihrem Vorhaben in der Wüste berichtet, stößt sie wie erwartet auf Ablehnung. „Ach herrje, das ist wohl nicht das Richtige für Sie“, bekommt sie als Antwort.

Höllische Schmerzen nach der OP

Aufhalten lässt sie sich nicht. Zurück von ihrem Wüsten-Abenteuer hört sich Antje Wensel nach Alternativen um und entscheidet sich für mehrere Operationen, um das krankhafte Fett absaugen zu lassen. „Viele denken an Schönheits-OP, und das Prinzip ist auch ähnlich, aber in meinem Fall einfach medizinisch notwendig.“ Doch die Krankenkassen in Deutschland bezahlen das Fettabsaugen nicht. Seit August ließ sie sich in Berlin in einer Privatklinik viermal operieren, erst die Oberarme, danach die Unterschenkel und dann die Oberschenkel sowie das Gesäß. 20 000 Euro kosten alle Eingriffe zusammen.

Trotz der höllischen Schmerzen nach jeder OP hat sie den Schritt nicht bereut. Es sei geschenkte Lebensqualität, sagt sie. „Viele kranke Fettzellen wurde entfernt, das Gewebe wird nie wieder so wuchern.“ Insgesamt 22 Liter Fett wurden abgesaugt, die Waage zeigt aber erst neun Kilo weniger als früher an. Da soll sie noch Geduld haben, meinen die Ärzte.

Für Antje Wensel ist es schon ein neues Lebensgefühl. Als sie sich zwei Wochen nach der ersten Operation zum ersten Mal wieder selbst die Haare wäscht, empfindet sie eine „unbeschreibliche Leichtigkeit in den Armen“. Eine Alltagstätigkeit, die vor einem Jahr eine Tortur war. „Ich musste immer eine Pause einlegen, da das Gewicht der Arme so immens war, dass ich sie nicht für längere Zeit über dem Kopf halten konnte“, beschreibt sie ihr früheres Körpergefühl. Auch morgens nach dem Aufstehen hatte sie schon schwere Beine wie andere nach einem Marathon.

Dieses bleierne Gefühl ist weg. Die vierte Operation, die sie erst Ende Februar hatte, hinterlässt noch Spuren. Doch allmählich verschwinden die blauen Flecke, die Schmerzen lassen nach. Die Wüstenläuferin plant längst am nächsten Großprojekt, obwohl sie das vergangene halbe Jahr kaum gelaufen ist. Im Juli soll es 250 Kilometer durch die Wüste Gobi in der Mongolei gehen. „Du kannst es, wenn du willst“, weiß Antje Wensel – und das nicht erst seit ihrem gleichnamigen Buch.

„Du kannst es, wenn du willst: Mein schwerer Weg zur Ultraläuferin“, Antje Wensel, Rafael Fuchsgruber, Delius Klasing, 22,90 Euro.