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4 000 Flieger und Arbeiter vor dem Rathaus

Die Ereignisse vor 100 Jahren hatten auch die Schließung der Goldenen Kugel zufolge.

Von Kai-Uwe Schwokowski

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Das in Großenhain stationierte Militär war die Fea 6 (Fliegerersatzabteilung), das Husarenregiment und das 102. Reservebataillon. Am 6. November 1918 fingen Funker der Fea 6 auf dem Flugplatz am späten Nachmittag einen Funkspruch der Kieler Matrosen über die Ausbreitung der revolutionären Bewegung ab. Daraufhin versammelten sich im Hof der Fliegerkaserne etwa 3 000 Soldaten und wählten einen Soldatenrat unter Vorsitz des Fliegers Franke.

Eine Abordnung, bestehend aus dem Fliegerunteroffizier Neumann und dem Gefreiten Paul Pfütze, traf sich daraufhin mit den Vorstandsmitgliedern der SPD-Ortsgruppe Gustav Heinze und Wilhelm Thielemann. Dort wurden für den nächsten Tag Maßnahmen festgelegt, die in der Übernahme der Husarenwache in der Kaserne, der Wahl eines erweiterten Soldatenrates und der Entwaffnung der Offiziere bestanden.

Am 8. November warfen Großenhainer Flieger über Dresden Flugblätter als Proklamation des Großenhainer Soldatenrates ab, nach welchen die Beschlüsse des Kieler Soldatenrates anerkannt werden sollen. Nachmittags fand eine machtvolle Kundgebung von etwa 4000 Fliegern und vielen Arbeitern der Betriebe auf dem Hauptmarkt statt. Gegen 21 Uhr wurden das Postamt und die beiden Bahnhöfe durch Militärposten besetzt. Ebenfalls wurden zwei Proklamationen des Soldatenrates an den Plakattafeln angeschlagen. In den frühen Morgenstunden des 9. November besetzte ein 50 Mann starkes Kommando des Soldatenrates das Rathaus und hisste auf dem Turm die rote Fahne. Im Rathaus fand die Konstituierung des Arbeiter- und Soldatenrates sowie des Vollzugsausschusses statt. Als weitere Maßnahmen erfolgten die Kontrolle des Großenhainer Tageblatts, die Entwaffnung und Gewahrsanahme verdächtiger Offiziere und die Schließung der Restauration im Hotel „Goldene Kugel“, des Verkehrslokals der Offiziere.

Am 10. November fand eine Massenversammlung auf dem Hauptmarkt statt. In dieser wurden die zwölf Mitglieder des Arbeiterrates bestätigt. Mit dem Waffenstillstand einen Tag später fungierte der Arbeiter- und Soldatenrat als Ordnungsorgan, welches durch seinen Vollzugsausschuss unter Vorsitz von Leutnant Edgar André handelte. Die wichtigste Aufgabe war die Sicherstellung der Ernährung der Bevölkerung und die Versorgung mit Brennstoffen. Diese und weitere Aufgaben sind aus einer Proklamation des Vollzugsausschusses vom 12. November ersichtlich.

Seit dem 17. November durchstreiften rote Husarenpatrouillen den Amtsgerichtsbezirk und nahmen die Polizeigewalt wahr. Der Arbeiter- und Soldatenrat von Großenhain löste sich im März 1919 auf, nachdem am 19. Januar die Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung im Reich und am 9. Februar in Sachsen die Stadtverordnetenwahlen stattfanden. Todesopfer, Schwerverletzte, Plünderungen und Zerstörungen sind in dieser stürmischen Zeit Dank des besonnenen Verhaltens von Revolutionären und Gegnern in Großenhain nicht vorgekommen.