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In der Huschhalle erschlagen

In dem Löbtauer Imbiss wurde die Leiche eines Mannes gefunden. Der Tote war ein gebürtiger Ungar. Der mutmaßliche Täter stammt aus Dresden. Nun wird gegen den 35-Jährigen ermittelt.

© Tino Plunert

Von Ralf Hübner und Christoph Springer

Dresden. Tätowierte Männer sitzen und trinken Bier. Einer zockt am Spielautomaten. Bierdunst liegt in der Luft. Äußerlich erinnert nichts daran, dass in diesem stadtweit als „Huschhalle“ bekannten kleinen Imbiss an der Tharandter Straße in Löbtau, einem kleinen blass-rosa Pavillon, zwölf Stunden zuvor ein Mensch bei einem Gewaltverbrechen das Leben verloren hat.

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Der Tote stammt aus Ungarn und wohnte in Dresden. Er ist 61 Jahre alt geworden. Am Dienstagabend war er in der Huschhalle zu Gast, vielleicht gehörte er sogar zum Stammpublikum. Das weiß die Polizei bisher noch nicht. Sicher ist aber: Gegen 23 Uhr wurde sein Leichnam in einem Toilettenraum entdeckt. Andere Gäste des Lokals haben ihn gefunden und die Polizei alarmiert. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des 61-Jährigen feststellen. Seine Verletzungen lassen auf ein Verbrechen schließen.

Am Tag danach läuft der Betrieb in der Huschhalle wie immer. Als eine Neue zur Männerrunde stößt, ist bei der Begrüßung mit Umarmungen kurz das Wort „erschlagen“ zu vernehmen. Dann schweigt sie. Auf Fremde oder bei Fragen reagiert die Runde unfreundlich bis aggressiv. „Wir sagen nichts. Nimm die nächste Straßenbahn.“, sagt einer im gelben T-Shirt und kommt drohend näher. Der Atem verrät, auch er hat zu dieser Mittagsstunde schon mindestens ein Bier intus.

Wenige Stunden später steht fest, dass der Ungar erschlagen wurde. Der Täter hat mehrfach auf ihn eingeprügelt. Das hat die Obduktion des Toten ergeben. Die Todesursache steht indes noch nicht fest. Sie soll in den nächsten Tagen durch weitere Untersuchungen geklärt werden.

Zu dieser Zeit sitzt der mutmaßliche Täter schon im Gefängnis. Es ist ein 35-jähriger Deutscher aus Dresden. Der Mann wohnt in Löbtau, nicht weit entfernt von der Huschhalle. Zeugenaussagen haben die Polizei noch am Dienstagabend auf seine Spur geführt. Die Beamten fuhren nach Mitternacht zu seiner Wohnung und nahmen ihn dort reichlich zwei Stunden nach der Tat fest.

Ein Richter hat am Mittwochnachmittag entschieden, dass der verdächtige Löbtauer ins Gefängnis muss. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln wegen Totschlags gegen den Dresdner. Der 35-Jährige habe sich nicht zu dem Geschehen in der Nacht zuvor geäußert, berichtete Polizeisprecher Marko Laske. Deshalb ist noch offen, in welchem Verhältnis Opfer und Täter zueinander standen. „Wir müssen klären, ob der Täter auffällig wurde“, sagt Laske. Vielleicht seien der Dresdner und der Ungar auch gemeinsam zur Toilette gegangen. Details zum Tatabend kennt die Polizei noch nicht, die Beamten stehen am Anfang ihrer Ermittlungen.

In der Huschhalle, die täglich 23 Stunden geöffnet hat, ist da längst wieder Alltagsbetrieb. Inhaber Michael Wirt stand am Dienstagabend selbst hinter dem Tresen, berichtet eine Mitarbeiterin am Telefon. Er schlafe und sei deshalb nicht zu sprechen.

Auch am Spätnachmittag ist der Chef des Minilokals mit Freisitz neben der Kreuzung Kesselsdorfer Straße/Tharandter Straße nicht zu sprechen. „Ich muss jetzt bedienen“, ruft seine Mitarbeiterin noch in den Telefonhörer und legt dann auf. Das Lokal neben der Weißeritz war früher ein Wartehäuschen für die Straßenbahn. Dort hielt vor der Wende die Linie 12 nach Altcoschütz, drinnen gab es einen kleinen Fahrscheinverkauf und zwei Telefonzellen. Die Säulen unter dem Vordach an der Tharandter Straße stammen aus dem Bauschutt des im Krieg zerstörten Löbtauer Rathauses. Ihren Namen hat die Huschhalle von einer Trinkstube, die gegenüber in den Eingangstrümmern des ehemaligen Hotels „Dreikaiserhof“ entstanden war. Dort huschte man nach Feierabend schnell auf ein Bier rein – bis zum Abriss 1970. Das Lokal von Michael Wirt heißt offiziell „Imbiss am Dreikaiserhof“. Doch die Dresdner kennen es nur unter seinem Spitznamen.

Der Ruf ist schlecht, nicht jeder wagt sich dort ohne Bedenken zum Bier hin. Ein 40-jähriger Anwohner in kurzen Hosen hat von der Tat gehört. Er wirkt nicht überrascht. „Dort passiert immer wieder etwas. Das ist nicht das erste Mal.“, sagt er und erinnert an die Frau, die eines Morgens halbtot auf der Wiese hinter dem Haus am Ufer des Flüsschens Weißeritz gefunden wurde. Das war vor drei Jahren im Juli. Das Publikum an der Huschhalle beschreibt er als „Schluckies bis zum Gehtnichtmehr.“

Andere haben von dem Verbrechen noch nicht gehört. Doch einen überraschten Eindruck machen auch sie nicht. „Dort würde ich nie allein hingehen, und schon gar nicht als Fremder“, sagt ein 42-Jähriger in einem grünen T-Shirt und Jeans. Dort laufe man Gefahr, ausgeraubt zu werden. Eine Frau nickt kurz, als sie von der Tat erfährt. Die Huschhalle mache immer einen so negativen Eindruck. „Wegen der Klientel dort.“ Die Polizei ermittelt weiter.