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Abschied vom Jubelkönig

Sylvano Comvalius verlässt Dynamo, weil er nach Hause will und ihn der Trainer nicht braucht. Dafür kommt ein Neuer.

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© Worbser

Von Tino Meyer

Telstungen. Als Dynamo Dresdens Mannschaftsbus gestern Mittag kurz vor zwölf vorfährt, schließt der Hoteldirektor das Jackett und öffnet die Tür zu seiner Vier-Sterne-Anlage. Zuerst betritt Cheftrainer Uwe Neuhaus das Haus. Nach und nach folgen die anderen, insgesamt 19 Spieler, zwei Co-Trainer, Physiotherapeuten, Zeugwart sowie Unmengen an Taschen, Kisten und sonstigem Zubehör. Dass in Teistungen mindestens einer fehlt, fällt trotzdem auf. Sylvano Comvalius ist mit seinen 1,92 Metern kaum zu übersehen – und auf eigenen Wunsch in Dresden geblieben, und zwar zum Kofferpacken. Der Stürmer wird Dynamo bereits nach einer Saison wieder verlassen.

Kritisch beäugt: Offenbar passt Sylvano Comvalius nicht in das Konzept von Dynamo-Trainer Uwe Neuhaus.
Kritisch beäugt: Offenbar passt Sylvano Comvalius nicht in das Konzept von Dynamo-Trainer Uwe Neuhaus. © Robert Michael

Diese Nachricht kommt überraschend und doch wieder nicht. „Der Trainer hat mir gesagt, dass ich bei ihm nur noch dritte Wahl wäre. Ich will aber spielen und nicht nur auf der Bank sitzen“, erklärt der 27-Jährige, der in seiner Karriere in den vergangenen sechs Jahren bereits für neun Vereine in sieben Ländern gespielt hat. Ein echter Weltenbummler, dessen überraschender wie überstürzter Abschied vom hiesigen Fußball-Drittligisten also ins Bild passt.

Die sportliche Unzufriedenheit aber ist nur ein Teil der Wahrheit. Vielmehr hat Comvalius auch genug von den Wanderjahren und sein Wechsel vor allem private Gründe. Den gebürtigen Amsterdamer zieht es zurück nach Hause, zurück zu seinem inzwischen vierjährigen Sohn Milan. „Ich habe seit einiger Zeit familiäre Probleme und will wieder öfter und näher bei meinem Sohn sein“, sagt Comvalius. Deshalb sucht er einen neuen Verein, den er mit dem Regionalligisten Hessen Kassel offenbar auch schon gefunden hat. „Wir befinden uns in guten Gesprächen“, bestätigt der Angreifer. Sein Heimweg würde sich dann auf gut drei Stunden halbieren.

Freistellung fürs Trainingslager

Am Ende bedingt das Sportliche das Private und umgekehrt, was sich bereits in der Rückrunde mehr als angedeutet hat. Auch Neuhaus spricht von einer Sache, die schon länger schwelt und am Sonnabend nun Endgültigkeit erlangt hat: nämlich als Comvalius zu ihm ins Trainerzimmer gekommen ist und um seine Freistellung gebeten hat; zunächst fürs Trainingslager, de facto aber für immer.

„Es ist schade, dass bei Dynamo nach einem Jahr wieder Schluss ist. Aber so ist das im Fußball“, meint der Niederländer, der vielleicht nicht der ganz große Kicker ist, aber ein bemerkenswerter Mensch mit herausstechenden Eigenschaften: professionell, ehrlich, selbstkritisch, weltoffen. Wie das so im Fußball inzwischen selten ist.

Bei Dynamo hat er in dieser einen Saison zudem die Extreme seines Berufs wie kaum ein Zweiter kennengelernt. In Erinnerung bleiben wird den Fans insbesondere sein Jubel auf der Tribüne nach seinem Siegtor in der Hinrunde gegen Chemnitz. Damals, sagt er, sei er der Jubelkönig gewesen. Nicht vergessen wird Comvalius aber auch die Pfiffe bei seiner Auswechslung ein halbes Jahr später gegen Wehen Wiesbaden. „Das tat mir weh“, hat er danach gesagt und zumindest versucht, Verständnis zu zeigen: „Wir haben vier Spiele hintereinander verloren, und ich bin Stürmer. Die Fans erwarten Tore von mir. Und wenn das nicht klappt, bin ich der Sündenbock.“

Bemerkenswert ist im Nachhinein aber der damalige Erklärungsversuch in eigener Sache. „Die Leute“, meint er, „schauen nur auf unser Spiel und das Ergebnis. Das ist auch gut so. Aber wir haben alle auch ein Privatleben, und das ist nicht immer so einfach.“ Am Dienstag oder Mittwoch will Comvalius im Trainingslager vorbeikommen und sich persönlich von seinen Mitspielern verabschieden. Feststeht damit auch, dass Dynamo in absehbarer Zeit einen Nachfolger präsentieren wird. „Das kann man sich an einer Hand ausrechnen“, meint Neuhaus dazu.

Nichts sagen möchte er indes zum Interesse an Giuliano Modica. Der 24-jährige argentinische Innenverteidiger vom Regionalligisten Offenbach soll den aussortierten Dennis Erdmann ersetzen. Kein Kommentar heißt es dazu auch von Vereinsseite, was einer Bestätigung des so gut wie perfekten Transfers gleichkommt. Gut möglich also, dass Modica am Sonnabend dabei ist, wenn der Hoteldirektor in Teistungen die Tür schließt und der Bus wieder abfährt.