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Abschied vom Nikolaiturm

Der Zirkel Görlitzer Heimatforscher betreut seit 35 Jahren den Turm. Jetzt schwindet die Kraft.

Von Ralph Schermann

An diesem Sonntag kann der Nikolaiturm besichtigt werden. Am 31. Oktober auch. Wer es bis dahin nicht tat, hat etwas verpasst. Denn es werden die letzten Turmöffnungen sein, die der Zirkel Görlitzer Heimatforscher anbietet. „Das Fähnlein der zehn Aufrechten ist zu alt geworden“, sagt Claus Bernhard, seit 1989 Vereinsvorsitzender. 73 Jahre ist das Durchschnittsalter. Zwar bleibt der Zirkel bestehen, trifft sich weiter regelmäßig auf der Langenstraße, doch „unsere Zeit als Türmer ist abgelaufen“, bedauert Bernhard. Personell und gesundheitlich ist die Betreuung der sieben Turmetagen nicht mehr zu stemmen.

Der ehrenamtliche Historiker Claus Bernhard steht seit 1989 an der Spitze des Zirkels Görlitzer Heimatforscher, der 35 Jahre lang auch den Nikolaiturm betreute. Als dieser 1980 erstmals für die Besucher geöffnet wurde, war der Andrang groß. Seitdem hat da

Der Mietvertrag ist gekündigt, zum Jahresende geben die Heimatforscher den Turm an die Stadtverwaltung zurück. Das auf der 3 418. Zirkelsitzung verkünden zu müssen, fiel dem Vorstand nicht leicht. Eigentlich sollte bei diesem Treff kräftig gefeiert werden: 60 Jahre Zirkelleben, 35 Jahre Turmführungen. Es wurde ein Treff mit Wehmut, aber mit vielen Erinnerungen.

Es waren 14 Mitglieder, die 1955 an einer Stadtführung des Lehrers Wilfried Flaschel teilnahmen, organisiert vom Waggonbau-Kulturhaus. Jene Führung blieb legendär, weil die Teilnehmer im Anschluss mehr erfahren wollten. Sie gründeten den Zirkel Görlitzer Heimatforscher, den Lehrer Flaschel bis 1971 leitete. Zehn Mitglieder waren vorgeschrieben, es gab da sogar Wartezeiten. In den ersten Jahrzehnten gingen die Forscher in den Untergrund. Erkundet wurden Keller, Gewölbe, Kanalisationen. Viele Altstadtstraßen wurden vermessen, skizziert, fotografisch dokumentiert und in Modellen dargestellt. Der Zirkel widmete sich dem Schrickelschen Garten nahe dem Lindenweg (heute wieder Privatbesitz) und barg Teile der berühmten Brücke. Umfangreiche Studien ließen ein lebendiges Bild des Görlitzer Kaufmanns Schrickel (18./19. Jahrhundert) entstehen; die Ergebnisse wurden im „Görlitzer Magazin“ publiziert, über das Schrickelsche Haus ein Faltblatt herausgegeben. 1962 konnten sich die Heimatforscher in dieses Haus auf der Langenstraße einmieten und im Lauf der Zeit einen Raum zu einer sehenswerten Heimatstube ausbauen.

Als Kulturgruppe des VEB Waggonbau gab es keine Geldprobleme. Nach der Wende schon. Heute ist die Miete vom Verein nur mit viel Mühe noch aufzubringen. Eine institutionelle Förderung hat das Görlitzer Kulturamt bereits 1997 gestrichen. Man kümmere sich nur um Zeugnisse deutscher Lebenskultur, hieß es, das wäre austauschbar. Zu verstehen ist die Entscheidung des damaligen Kulturamtsleiters bis heute nicht. Denn die Zirkel-Enthusiasten können aus ihrer 60-jährigen Geschichte auf viel Außenwirkung verweisen, die auch das Landesamt für Archäologie nach anfänglicher Skepsis lobend erwähnte. Nicht umsonst ehrte man sie 1977 mit dem Kunstpreis der Stadt Görlitz. Im Gedächtnis blieben der von ihnen 1980 an der Nieskyer Straße wieder errichtete Gedenkstein für den 1853 verunglückten Johann Gottlieb Bogner ebenso wie ein Brunnenfund 1981 auf der Hugo-Keller-Straße. Auf dem Nikolaifriedhof legten sie den Grundstock zur Erhaltung dieses Kleinods, was später die IG Nikolaifriedhof weiterführte. In den 1970er Jahren wechselte die von Freunden liebevoll verwendete Anrede „Kellerasseln“ in „Turmfalken“. Das kam so: Als 1969 Studenten der TU Dresden den seit 1904 leer stehenden Nikolaiturm untersuchten, halfen Zirkelmitglieder bei Kellergrabungen. Ein Vereinsmitglied schlug vor, den Turm für Ausstellungen zu nutzen. Die Stadtverwaltung erteilte unbürokratisch ihren Segen. Dann sollte es zehn Jahre dauern, bis das zum Taubenhort verkommene Gemäuer gereinigt, Trennwände umgestaltet und das innere Mauerwerk restauriert waren. Auch Elektrik, Fußbodenausbesserung und Fensternachbauten erfolgten in Eigenleistung. Als Sternstunde erwies sich 1974 die Entdeckung von Malerei unter sechs Farbschichten. Schließlich wurde eine Sachsendreier-Münze (1746) gefunden und für den Verein zum Glückspfennig. Am 13. September 1980 konnten die Zirkelfreunde erstmals „ihren“ Turm öffentlich präsentieren – mit Türmerstube und thematisch ausgerichteten Sammlungen. Das DDR-Fernsehen stellte das Bauwerk und den Zirkel vor, der zudem seit 1992 jährlich eine neue Sonderausstellung im Turm beisteuerte. Und bis heute wurden vom Zirkel knapp 90 000 Arbeitsstunden geleistet, davon allein 15 000 im Turm – Führungen, Aufsichten und Sonderschauen sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. 48 000 Besucher wurden insgesamt gezählt.

Kai Wenzel vom Kulturhistorischen Museum zeigt sich davon beeindruckt: „Wir wissen diese Arbeit zu schätzen, auch wenn sie nicht in jeder Phase wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.“ Zwischen Rathaus und Museum laufen Gespräche für eine Lösung für den Nikolaiturm. Und dann sorgt Kai Wenzel auf der 3 418. Sitzung doch noch für Feierlaune: „Der Turm wird fortbestehen, so wie Sie ihn aufgebaut haben. Das sei Ihnen hiermit versichert!“

Mitarbeit: Claus Bernhardt