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Abschied von zwei „Lichtgestalten“

Mitarbeiter und Bekannte gedenken in Leipzig der verunglückten Gründer von Unister. Ihre letzte Ruhe fanden Thomas Wagner und Oliver Schilling schon vor Wochen in Dessau.

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© dpa

Thomas Schade

Leipzig. Vor allem junge Leute in Schwarz sind am Donnerstag in den großen Saal des Leipziger Kongresszentrums am Zoo gekommen. Das 120-jährige Veranstaltungshaus beherbergt gewöhnlich freudigere Anlässe als diesen. Auf der Bühne stehen die Bilder zweier junger Männer, beide erst Ende 30. Zwischen ihnen ein Gebinde aus Sonnenblumen und Astern. Vor den Bildern Kränze und Sträuße – die Anteilnahme von Firmen wie Google, Air Berlin oder Expedia. Ein Bild der Stadt Leipzig komplettiert die Szenerie. Leise schwingen die Klänge von David Bowies „Ground Control to Major Tom“ durch die Luft.

Mehr als 300 Gäste nehmen Abschied von Thomas Wagner und Oliver Schilling, den beiden Mitbegründern des Internetkonzerns Unister. Am 14. Juli waren die Männer mit einem Kleinflugzeug auf der Rückreise aus Venedig, als ihre Chartermaschine über Slowenien abstürzte und alle vier Insassen in den Tod riss. Seither, so der langjährige Unternehmenssprecher Dirk Rogl, leiste Unister Trauerarbeit.

Auf der Trauerfeier, bei der insbesondere Mitarbeiter und Geschäftspartner, aber auch Angehörige Abschied von den beiden Managern nahmen, sprach Rogel von „widrigen Umständen“, die Wagner und Schilling nach Venedig geführt und auch den Absturz des Flugzeuges verursacht hatten. Aber die Wahrheit werde sich ihren Weg bahnen. Noch könne man nur ahnen, was „wirklich in Venedig passiert ist“.

Wagner und Schilling waren am 13. Juli dorthin gereist, um sich mit einem Kapitalgeber zu treffen. Unister steckt angeblich schon seit 2015 in Geldnot. Gegen Thomas Wagner und andere Mitarbeiter ermittelte die Generalstaatsanwaltschaft. Ein Prozess erschien unausweichlich, Wagner drohte angeblich eine Haftstrafe. In den Wochen vor dem Unglück habe der 38-Jährige nur noch dafür gearbeitet, Beweise zu sammeln, die seine Reputation wiederherstellen sollten, hieß es bei der Trauerfeier.

Dirk Rogl, der zum Führungskreis bei Unister gehört, würdigte seine verstorbenen Kollegen. Er nannte Oliver Schilling eine „Lichtgestalt des modernen Online-Marketings“. Thomas Wagner habe mit seinen Ideen den Reisemarkt revolutioniert. Rogl beschrieb ihn als genial, unglaublich großzügig und menschlich bescheiden. Sein einziger Luxus sei sein Porsche gewesen, er fuhr einen Boxter, das kleinste Modell. Auch als Chef von zeitweilig bis zu 2 000 Mitarbeitern soll Wagner stets bodenständig geblieben sein. Er trug Jeans, T-Shirt und Turnschuhe, lebte in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Stadtteil Gohlis. Unister machte da schon im Reisegeschäft einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Euro.

Von Wagner ist überliefert, dass er sonn- und feiertags im Büro arbeitete, um der Konkurrenz voraus zu sein. Dirk Rogl hob hervor, dass Wagner unendliches Vertrauen in seine Mitarbeiter und Geschäftspartner gehabt habe. „Das könnte ihm zum Verhängnis geworden sein.“

Nachdem, was bisher bekannt wurde, waren Wagner und Schilling in Venedig an einen Falschgeldbetrüger geraten, der ihnen einen Millionenbetrag in bar abgenommen hat. Dafür erhielten sie einen Koffer voller Falschgeld. Auch wenn die Umstände der Reise nach Venedig noch nicht vollständig aufgeklärt seien, so sei Wagner in seinen Augen weder ein Abzocker, noch ein Steuerhinterzieher oder Betrüger, sagte Rogl. Nach dem Flugzeugunglück mussten zahlreiche Unister-Firmen Insolvenz anmelden. Noch während in Leipzig die Trauerfeier lief, ging am Donnerstag die Nachricht um, dass nun auch die Betriebsgesellschaft des Reiseportals Ab-in-den-Urlaub.de mit rund 178 Mitarbeitern und zwei weitere kleinere Töchter des Internetkonzerns Insolvenz beantragt haben.

Mittlerweile sucht Insolvenzverwalter Lucas Flöther nach Investoren für Unister. Es laufe die entscheidende Phase, teilte er vor wenigen Tagen mit und sprach von etwa 20 Interessenten.

Ihre letzte Ruhe hatten die beiden Unister-Gesellschafter bereits am 9. August im engsten Kreis in Dessau gefunden, Wagners Geburtsort. Dort hatten Familien, engen Freunde und Mitarbeiter von den beiden Abschied genommen. Die Angehörigen mussten warten, bis die sterblichen Überreste von Thomas Wagner und Oliver Schilling aus Slowenien überführt waren. Nach dem Absturz hatte man diese vor Ort gerichtsmedizinisch untersucht und Medienberichten zufolge eingeäschert. Nach Dessau an die Gräber der beiden Männer wurden unmittelbar nach der Trauerfeier auch die Blumen gebracht, die viele Trauergäste vor ihren Bildern abgelegt hatten.