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Ärger in Mekka

Sind die Saudis noch gute Verwalter der heiligen Stätten? Viele bezweifeln das.

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© Reuters

Von Martin Gehlen, SZ-Korrespondent in Kairo

Einen derart hasserfüllten Schlagabtausch zum Hadsch hat es seit einer Generation nicht mehr gegeben. Nur in den Gründungsjahren der Islamischen Republik nach 1979 fielen die beiden Kontrahenten am Golf ähnlich wüst übereinander her wie dieser Tage. Die schrille Tonlage setzte Anfang der Woche Irans Revolutionsführer Ali Khamenei, der das saudische Königshaus als „kleine, kümmerliche Teufel“ und als „Mörder“ abkanzelte, die sich nach der tödlichen Massenpanik 2015 „absichtlich grausam“ verhalten hätten.

Empört retournierte der saudische Obermufti und sprach allen Schiiten den Status als Muslime ab, was Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif als „bigotten Extremismus“ zurückwies. Die iranische Führung ärgert vor allem, dass Saudi-Arabien nach der größten Hadsch-Katastrophe aller Zeiten, die letztes Jahr mehr als 2 400 Menschen das Leben kostete, darunter 460 Iranern, immer noch keinen Untersuchungsbericht vorgelegt, geschweige denn sich bei den Familien der Opfer entschuldigt hat. Dem inkompetenten saudischen Königshaus müsse die Aufsicht über die heiligen Stätten in Mekka und Medina entzogen werden, giftete Khamenei.

Anonym begraben?

Stattdessen sind es nun die iranischen Pilger, die erstmals seit drei Jahrzehnten von der muslimischen Wallfahrt ausgeschlossen sind. Bis heute vermissen Familien aus mehr als 30 Ländern ihre Angehörigen, die von den saudischen Behörden nach dem Massensterben vermutlich irgendwo in Mekka anonym begraben wurden. Fest steht lediglich, dass zur Unglückszeit einer der Zugänge zur Jamarat-Brücke bei Mina, wo die Pilger symbolisch den Teufel steinigen, geschlossen war. Wer diese Blockade veranlasst hat, ob es gar jemand aus der Königsfamilie mit seinem Gefolge war, darüber schweigt man sich in Riad aus. Auch die Zahl der Toten beziffert Saudi-Arabien wider besseren Wissens nach wie vor auf 769.

Beide Kontrahenten am Golf befinden sich seit Jahren in einem Kalten Krieg, der sich nach dem erfolgreichen Atomabkommen Teherans erheblich verschärfte. Saudi-Arabien fürchtet ein Wiedererstarken der Islamischen Republik, die im letzten Jahrzehnt durch ein beispielloses internationales Sanktionsregime in Schach gehalten wurde. Iran wiederum will erneut regionale Hegemonialmacht werden und liefert sich daher auf allen Schlachtfeldern des Nahen Ostens – in Syrien, Irak und Jemen – harte Konflikte mit der ölreichen Monarchie. Als Riad direkt nach Neujahr den schiitischen Prediger Nimr al-Nimr hinrichten ließ, zündete ein Mob die saudische Botschaft in Teheran an. Seitdem sind die diplomatischen Beziehungen vollends gekappt.

Zwei Millionen Pilger werden in diesem Jahr wieder in der Geburtsstadt des Propheten Mohammed erwartet. Auf dem Flughafen in Kairo öffnet sogar ein spezieller Terminal, um die Massen der Frommen in ihren weißen Gewändern abzufertigen. Umgerechnet 2 000 bis 5 000 Euro muss ein Muslim im Durchschnitt berappen, ein VIP-Hadsch mit Luxushotel und Blick auf die schwarze Kaaba kann leicht das Zehnfache kosten.

Man habe keine Mühe gescheut, optimal für die Sicherheit und den Komfort aller Pilger zu sorgen, erklärte Innenminister und Vizekronprinz Mohammed bin Nayef. Die Zufahrtswege zur Jamarat-Brücke wurden noch einmal verbreitert, Teile der Zeltstadt in Mina umgesetzt und die Zeit für das Steinigungsritual auf zwölf Stunden begrenzt. Obendrein bekommen alle Pilger erstmals ein elektronisches Armband, auf dem ihre persönlichen Daten gespeichert sind.

Neben den fünf täglichen Gebeten, den Almosen, dem Glaubensbekenntnis und dem Fasten im Monat Ramadan gehört der Hadsch zu den fünf Säulen des Islam. Laut Koran sollte jeder Muslim einmal im Leben an der großen Wallfahrt teilnehmen. Zunächst umrunden die Beter siebenmal die Kaaba in der Großen Moschee.

Höhepunkt des Hadsch ist das Gebet auf dem Berg Arafat, 15 Kilometer östlich von Mekka. An dieser Stelle soll der Prophet Mohammed im siebten Jahrhundert seine letzte Predigt gehalten haben. Bis zum Sonnenuntergang bitten die Gläubigen Gott um Vergebung – für viele Pilger der emotionalste Moment der Wallfahrt, weil sie dies als Vorahnung auf das Jüngste Gericht empfinden.