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Aha-Effekte eines Bahnchefs

Richard Lutz ist erstmals seit Amtsantritt in Dresden. Die SZ hat ihn begleitet.

© Robert Michael

Von Michael Rothe

Das sechsköpfige Empfangskomitee steht schon eine Viertelstunde vor Ankunft des EC 171 am Gleis 7 des Bahnhofs Neustadt. Der große Chef aus Berlin hat sich am Donnerstag um 9 Uhr in Dresden angesagt – das erste Mal, seit Richard Lutz vor fast genau einem Jahr zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn bestellt wurde. Der 53-Jährige hatte Rüdiger Grube beerbt, der im Januar überraschend zurückgetreten war. Dessen Nachfolger braucht keinen roten Teppich, schon gar nicht beim „Regionentag“, der ihn etwa einmal im Monat in ein Bundesland führt. Nun also Sachsen.

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Dem Bahnchef passt auch dieser Anzug aus Spint 364. © Robert Michael
Die von ihm geschweißte Kehlnaht ist brauchbar. © Robert Michael
...zumindest als Andenken. © Robert Michael
Einer von uns: Lutz nimmt in der Brückenwerkstatt ein Bad in der Menge. © Robert Michael

Der Eurocity hält auf die Minute. Kurze Begrüßung, dann beginnt für den Boss von weltweit über 300 000 Mitarbeitern, zwei Drittel davon in Deutschland, die Basisarbeit. Das erste Staunen gibt’s in der Bahnhofshalle. Lutz erlebt das 117 Jahre alte sanierte Sandsteingemäuer erstmals und ist begeistert: von Helligkeit, Sauberkeit und der Fotoausstellung, die alle zwei Monate wechselt. „Da kann Frankfurt nicht mithalten“, räumt er neidlos ein. Es soll nicht der letzte Aha-Effekt bleiben.

Lutz’ Statthalter für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hatte ein automobiles Programm gestrickt – obwohl die erste Station nur 600 Meter entfernt ist. „Brückenwerkstatt Dresden seit 1927“ steht dort auf einer Stahlplatte an der Zufahrt. Mächtig und leicht angerostet, verheißt sie Gewicht und Tradition. Die Adresse sei ihm bei seiner Auswahl wichtig gewesen, sagt Eckart Fricke, Konzernbevollmächtigter für den Südosten. „Die Werkstatt hat auch das Blaue Wunder saniert und ist die einzige, die noch mit Gussteilen und Nieten umgehen kann“, so der Regionalchef. Sollte demnächst die Sanierung des Chemnitzer Viadukts beschlossene Sache sein, seien die Künste der Dresdner auch dort gefragt.

Peter Grimm, Standortleiter der DB-Bahnbau-Gruppe in Dresden, skizziert das Leistungsspektrum der rund 250 Mitarbeiter, ein Drittel davon in der Brückenwerkstatt. Mit Bahn-, Straßen- und Fußgängerbrücken, Signalauslegern, Stahlsonderkonstruktionen und Rekonstruktion erwirtschaften sie 120 Millionen Euro Jahresumsatz. Selbst der wie auf Stelzen sitzende Bürotrakt sei eine Eigenleistung, sagt er. Der hohe Gast aus Berlin staunt, auch beim anschließenden Rundgang. Der gelernte Diplomkaufmann ist aufgeräumt, hat die Antennen auf Empfang und auch mal einen Witz parat.

Lutz vergeht nur kurz das Lachen, als ihm Oberbauleiter Michael Falk beim Rundgang zwei praktische Arbeiten aufträgt. In Saarbrücken, beim letzten „Regionentag“, war ihm derlei erspart geblieben. Doch der bodenständige Pfälzer macht jeden Gag mit. Kaum zu glauben, dass der Mann mit dem spitzbübischen Lächeln jahrelang ernste Miene machen musste als Kassenwart der milliardenschweren Bahn. Der Spross einer Eisenbahnerfamilie hat viel zu sagen, redet aber nicht mehr als nötig, schon gar nicht schön. Er gilt als kompetent, verbindlich, sachlich, ist aber auch begeisterungsfähig und hemdsärmelig. Als er in der Umkleide den Schweißeranzug anzieht, darf sein Gefolge bleiben.

Die Hosen muss der Bahnboss erst nächste Woche runterlassen: mit der Bilanzvorlage. Heikel sollte auch das nicht werden, denn es ist bereits durchgesickert, dass 2017 ein Rekordjahr war mit 42,7 Milliarden Euro Umsatz sowie fast 2,2 Milliarden Euro Vorsteuergewinn und mit 2,05 Milliarden Reisenden, mehr als je zuvor.

„Das sieht gar nicht so schlecht aus“, begleitet Oberbauleiter Lutz’ Brennschneidversuch. Aus 10er-Stahlblech soll der Mann aus Berlins Bahntower ein handgroßes Herz zaubern – ein Job für das 2. Lehrjahr. „Wenn’s runterfällt, hat er’s geschafft“, flüstert der 37-Jährige. Es fällt. Applaus.

Später soll der promovierte Betriebswirt noch eine Kehlnaht an einem stählernen T-Träger schweißen. „Mein Vater war zwar Lehrwerksmeister in einem Bahn-Ausbesserungswerk, hat seine Fähigkeiten aber nicht auf mich vererbt“, baut er vor. Er nimmt die Schweißmaske und macht sich ans Werk. „Nichts, was wir verwenden könnten“, bewertet Betriebsrat Jens Steinert das Ergebnis. Aber brauchbar: als Briefbeschwerer oder Ständer für das haltlose Stahlherz. Und für Lutz ein Andenken. Das Resultat des 2. Versuchs wird signiert – „Toller Tag bei Euch“ – und bleibt da. In der Dresdner Werkstatt entstehen bis zu 35 Meter lange Brückenteile, „auch für Stuttgart 21“, sagt Standortleiter Peter Grimm. Er sei „der Quotenwessi“, so der Hesse. Bei seiner jungen Truppe müsse der erste Schuss sitzen, so der 54-Jährige. „Sie hat keine Probestücke und richtig Druck.“

Der Konzernchef kennt diesen Zustand. Seine Regionalsparte verliert Strecken und die Güterbahn Frachtaufkommen an die Konkurrenz. Kunden klagen über Zugausfälle, Chaos am Bahnsteig, verpasste Anschlüsse. Das Pünktlichkeitsziel von 81 Prozent wurde 2017 verfehlt. Lutz verspricht Besserung – auch durch Digitalisierung.

Draußen vor der Halle glüht ein Grill Marke Eigenbau, ein Werk der Lehrlinge. Rund 100 Mitarbeiter kommen zu Gratis-Bratwurst und Chef-Gucken. „Heute ist für uns ein Festtag“, sagt Werkstattmeister Ronald Pohl. Lutz sei der erste Konzernchef, der sich mal blicken lasse. Zum Schluss gibt’s ein Großfamilienfoto. Der Chef genießt das kurze Bad in der Menge – und muss weiter.

Im Ex-Sitz der Reichsbahndirektion in der Ammonstraße informieren ihn leitende Bauingenieure von DB Netz über sächsische Großprojekte, darunter die geplante Tunnelstrecke Dresden–Prag und die fast fertige Güterbahntrasse Knappenrode–Horka. Projektleiter Ulrich Mölke schildert die Unvereinbarkeit von Wechsel-/Gleichstrom an der deutsch-polnischen Grenze und lädt Lutz zum Start am 7. Dezember ein. Der Konzernchef notiert sich den Termin und rät schlagfertig zur Problembehebung: „Da könnten wir ja AC/DC einladen.“ Der Name der Rockband ergibt sich aus der englischen Abkürzung beider Stromarten.

Den Dresdner Hauptbahnhof, die letzte Station am „Regionentag“, kennt Lutz von Privatbesuchen in Dresden. Dennoch eröffnet ihm Bahnhofsmanager Heiko Klaffenbach optisch und verbal neue Einblicke. Lutz zückt sein Handy und macht Fotos von der Station, die 2014 zu Deutschlands schönster gekürt wurde und 2017 bei der Kundenzufriedenheit ganz vorn landete.

Aber auch dort ist nicht alles super. Lutz ist begeistert vom Reisezentrum mit Kaffee-Ecke und Wohlfühlatmosphäre vor Ziegelsteinoptik. Doch Centerchefin Annegret Stephan klagt über teils zu lange Wartezeiten für die Kunden und zu wenig Personal. Ihr oberster Chef hört geduldig zu und greift zum Notizbuch. Dann trifft er vor dem internen Termin mit regionalen Managern noch zwei Mitarbeiter, die sich ehrenamtlich engagieren und beim Wettbewerb der Bahn-Stiftung gewonnen haben.

Auch für den Bahnchef war der Ausflug in der Region ein Gewinn. „Man glaubt, nach 23 Jahren alles zu kennen und wird doch immer wieder überrascht“, sagt Lutz. Er habe „Menschen getroffen, die für die Bahn brennen“. Bei solchen Trips sehe er, was man besser machen kann. Das sei beeindruckend. Und auch vom ersten Jahr ganz oben im Bahntower zieht der leidenschaftliche Schachspieler ein positives Fazit und Parallelen. „Es war viel los auf dem Brett, ich hatte eine Menge zu tun“, so der deutsche Jugendvizemeister von 1981. So oder so: Lutz ist am Zug. Kurz vor 15 Uhr geht’s zurück nach Berlin. Und dort ins Büro am Hauptbahnhof. Für jemanden, der Bahnchef als zweiten Vornamen führt, ist ein Arbeitstag länger als ein „Regionentag“.