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Alles eine Ansichtssache

Wahlkampf? Beschönigung? Freundliche Geste? Wie ich die Dankesfeier von Stanislaw Tillich als normaler Gast erlebte.

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© Anna-Lena Behrens

Von Rasmus Wittrin

Döbeln/ Dresden. Die Schlange vor dem Eingang der Dresdener Energieverbundarena, in der die Dankesfeier für Flüchtlingshelfer stattfindet, ist weder zu kurz, noch zu lang. Diese Art von Schlange lernen wir im Verlauf der Feier zu schätzen. Wir, das sind Sabine Feige und Rolf Wittrin, die im Asylbewerberheim Deutschunterricht geben, sowie Sarah, Sylvia, Anna-Lena, Pia und ich. Wir arbeiten bei den Spürhunden, der Kinder- und Jugendgruppe der landeskirchlichen Gemeinschaft, mit. Deren Leitung obliegt ebenfalls Rolf Wittrin.

Nachdem wir uns einen Platz gesucht haben, beginne ich, mich umzusehen. Eine Band spielt. Offensichtlich – eine ganze Menge Leute laufen mit Pommes, Toast oder Suppe herum – gibt es etwas zu essen. Die große Halle ist gut gefüllt. Es scheinen, entgegen einigen Prognosen, doch die meisten gekommen zu sein.

Als wir uns etwas zu essen geholt haben, was eine Viertelstunde Anstehzeit gekostet hat, macht die Band auf der Bühne Platz für Stanislaw Tillich, unseren Ministerpräsidenten. Aus seiner Rede habe ich mir vor allem einen Satz gemerkt: „Wir werden handeln.“ Ein ziemlich plakativer Satz, finde ich. Er reizt mich, nachzufragen, wie das denn konkret aussehen soll.

Nachdem Martin Dulig, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr auch noch eine Rede gehalten hat, gibt es sogar die Möglichkeit, meine Frage loszuwerden. Es wird angekündigt, dass Tillich sowie einige Staatsminister und Landtagsabgeordnete zum Gespräch bereitstünden.

Gute Musik verkürzt die Wartezeit

Dieses Angebot wird ziemlich gut genutzt, wie Sarah, Sylvia, Anna-Lena, Pia und ich feststellen müssen. Es ist wirklich sehr schwer, an den Ministerpräsidenten ranzukommen. Auf der einen Seite die Personenschützer, auf der anderen Leute wie wir, die mit Tillich reden oder einfach ein Selfie machen wollen.

Doch dieses Warten hat auch seine guten Seiten: Zum einen wird die Zeit durch wirklich gute Musik verkürzt, zum anderen kommt man mit Leuten ins Gespräch. Über aktuelle Flüchtlingspolitik, besonders über die von Österreich, über den Sinn und Unsinn dieser Veranstaltung. Als wir es nach einer guten halben Stunde und einigen Rückschlägen endlich schaffen, zu Tillich vorzustoßen, kann ich meine Fragen loswerden und wir machen ein Gruppenbild. Auf meine Frage, wie Tillich denn konkret handeln will, beginnt er mit der verstärkten Unterstützung des Ehrenamts mit einigen Projekten, die ich aufgrund der lauten Musik – wir müssen uns regelrecht anschreien – jedoch nicht alle verstehe. Er verweist auf ein neues Gesetzespaket, das bald verabschiedet werden soll.

Und der Sinn der Feier? Zurzeit werden ja viele politische Vorschläge und Aktionen als „plakatives Wahlkampfgeschwafel“, das „nur dem Stimmenfang“ dienen würde ohne viele Worte abgeschlagen oder verurteilt. Die drei in Kürze bevorstehenden, ziemlich wichtigen Landtagswahlen tragen dazu ihren Teil bei. Verständlich, finde ich.

Gibt es in der Politik nur Negatives?

Doch in Sachsen wird es bis zu den nächsten Landtagswahlen noch eine ganze Weile dauern: bis zum Sommer 2019 nämlich. Mag sein, vielleicht ist es sogar wahrscheinlich, dass Ministerpräsident Stanislaw Tillich sich schon mal aufwärmt für diesen nächsten Wahlkampf, aber bei den ganzen Diskussionen rund um diese Veranstaltung hatte ich vor allem einen Gedanken: Muss man an der Politik denn immer nur das Negative sehen? Muss man sich selbst immer nur als potenziellen Wähler sehen, der sich nicht manipulieren lassen will? Ich will das nicht. Deshalb bin ich auch zu der Feier gegangen.

Außerdem habe ich schon oft gehört, wie sich Leute über fehlende Anerkennung für die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer seitens der „großen Politik“ beschwert haben. Auch da sehe ich den Zusammenhang nicht zwischen den zahlreichen symbolischen Absagen und ebendiesen Beschwerden. Man kann sich das Leben auch schwerer machen, als es ist. Meiner Meinung nach kommt es oft darauf an, wie man selbst etwas sieht oder auch sehen will. Ich sehe die Dankesfeier vor allem als freundliche Geste, bei all den Gründen, die bei Tillichs Entschluss dafür auch noch eine Rolle gespielt haben mögen.

Auch Clausnitz als Grund für die Absagen kann ich nicht bis ins letzte Detail nachvollziehen. Schließlich sollte man sich die Stimmung doch nicht von offensichtlich fremdenfeindlichen Pöblern verderben lassen. Ich persönlich bin froh und dankbar über diese – leider ziemlich umstrittene – Art der Politik.