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Als Blinder beim Dynamospiel

Frank Herrmann aus Lampertswalde nahe Großenhain sieht nichts – aber lässt sich die Heimspiele im DDV-Stadion nicht entgehen.

© Jörg Richter

Von Jörg Richter

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Dresden. Ups, da ist es passiert. Frank Herrmann hat sich an einem Autospiegel gestoßen. Er ist blind und verlässt sich auf mich, dass ich ihn sicher ins DDV-Stadion geleite. „Du bist jetzt doppelt so breit als sonst“, sagt er zu mir. Der 54-Jährige hat sich bei mir untergehakt. Ich soll immer etwas vorausgehen und er hinterher. So klappt das als Blindengespann zwischen den Tausenden von Dynamofans, die zum Zweitligaspiel gegen Nürnberg pilgern. Doch was will ein Blinder dort?

Thomas Großmann und André Escher kommentieren ehrenamtlich das Spiel für das Dynamo-Blindenradio. © Jörg Richter

Das habe ich mich auch gefragt, als Frank Herrmann mir vor ein paar Wochen davon erzählte, dass er regelmäßig zu den Heimspielen von Dynamo Dresden geht. „Ich habe sogar eine Jahreskarte“, sagt er stolz. In der vergangenen Saison habe er 14 von 17 Spielen „gesehen“, da habe er sich entschlossen, dieses Mal gleich eine Dauerkarte zu holen. Die gilt gleichzeitig auch als freier Eintritt für eine Begleitperson. Diesmal also für mich. Sonst sind es entweder sein Sohn, seine Tochter oder manchmal auch Bernd Richter, der Leiter des Männergesangsvereins Lampertswalde, dem Herrmann angehört. Sorgen braucht er sich jedenfalls keine zu machen, dass er nicht zu den Heimspielen der Schwarz-Gelben kommt. „Meist fahren wir mit dem Zug“, erzählt er. „Da kann jeder auch ein Bierchen trinken.“ Und praktisch ist es auch. Der Bahnhof im heimatlichen Lampertswalde liegt nur fünf Minuten zu Fuß von seinem Haus entfernt. Quasi um die Ecke. Vom Hauptbahnhof Dresden sind es dann nur zehn Minuten bis zum DDV-Stadion. „Das ist nicht weit“, sagt er. Und außerdem erspart man sich das ewige Parkplatzsuchen vor dem Spiel und die noch viel nervenderen Autoschlangen nach dem Spiel, die gefühlte Stunden brauchen, um wieder wegzukommen.

Wir sind am Einlass angekommen. Der Security-Mann tastet erst mich ab, dann Frank Herrmann. Er soll auch seine Dynamo-Mütze absetzen. Es könnte ja was drunter sein, Böller oder so. Selbst als Blinder hat man keinen Vertrauensvorschuss beim strengen Wachpersonal.

Endlich sind wir drin. Das Stadion ist schon ordentlich gefüllt. Wir müssen schier endlose Stufen steigen, fast bis ganz nach oben unters Dach. Mit seinem Blindenstock tastet Frank Herrmann jede einzelne Stufe ab und macht den nächsten Schritt. Ich führe ihn, geh immer einen Schritt voraus.

Oben angekommen, werden wir auch schon erwartet. André Escher verteilt Kopfhörer und kleine Empfangsgeräte. Er und sein Freund Thomas Großmann werden in den nächsten knapp zwei Stunden Herrmanns Augen sein. Jetzt wird mir klar, warum ein Blinder so ein begeisterter Stadionbesucher sein kann.

Seit 2012 kommentieren Escher (36) und Großmann (33) gemeinsam die Dresdner Heimspiele extra für Blinde und Sehschwache. Beide sind seit ihrer Kindheit leidenschaftliche Dynamo-Fans. Bei Escher fing es mit sieben Jahren an. Großmann war sechs, als er zum ersten Mal im Stadion war. Beide engagieren sich seit mehr als zehn Jahren ehrenamtlich für körperlichbehinderte Fans. Erst für die Rollstuhlfahrer, jetzt für die Leute, die sehr schlecht oder gar nichts mehr sehen. So wie Frank Herrmann. Seit der Frauenfußball-WM 2011, die auch in Dresden ausgetragen wurde, gibt es die technischen Voraussetzungen für das Blindenradio, so Großmann. Damals war er Behindertenbeauftragter bei der SGD. Großmann erzählt: „Ein Jahr später kam dann einer vom Verein und sagte: Beschäftige dich mal damit. Wir brauchen ein Blindenradio.“

Großmann nahm sich seinen Kumpel André dazu, um die Spiele gemeinsam zu moderieren. „Wir haben absolut keine journalistische Ausbildung“, sagt Escher. Er kann viel und vor allem schnell reden. So bekommen ihre Zuhörer sehr zeitnah mit, was unten auf dem Spielfeld passiert. Thomas Großmann spricht ein klein wenig langsamer. „Aber er ist der Sachlichere von beiden, während André alles sehr aus Dynamo-Sicht kommentiert“, sagt Frank Herrmann. „Aber sie ergänzen sich hervorragend“, lobt der Lampertswalder.

Auch als kurz vor der Halbzeitpause Dynamo in Rückstand gerät, schimpft Escher ins Mikro: „Das war doch kein Foul!“ Dresdens Neuzugang Florian Ballas hatte einen Nürnberger im Strafraum ungeschickt von den Beinen geholt. Irgendwie habe es der Stürmer der Gäste auf dieses Foul auch angelegt, kommentiert Großmann, aber leider könne man da auch Elfmeter pfeifen. Der Schiedsrichter, an dem auch Großmann im weiteren Spielverlauf kein gutes Haar lässt, hat gepfiffen. Strafstoß. Dynamo liegt 0:1 hinten. „Das ist ärgerlich“, sagt Frank Herrmann, der das Spiel per Kopfhörer aufmerksam verfolgt. Mit ihm sind es an diesem Tag insgesamt sieben Blinde und Sehschwache. Alle sitzen in der Nähe der Plattform für die Fernsehkameras, gegenüber der VIP-Tribüne. Unterhalb der Kameras sitzt das Kommentatoren-Team des Bezahlfernsehsenders Sky. Und noch ein paar Sitzen tiefer, sitzen Großmann und Escher. Vor ihnen steht eine kleine Kamera. Aber sie ist nicht auf das Spielfeld gerichtet, sondern auf sie. Die Filmaufnahmen, die so entstehen, stellen sie meistens montags oder spätestens dienstags ins Facebook. „Mittlerweile kennt uns das halbe Stadion“, sagt Großmann. André und Thomas sind Kult und für ihre maximal acht Zuhörer – so viele Empfangsgeräte hat Dynamo zurzeit – unverzichtbar.

Da ein Empfangsgerät noch übrig ist, kann ich es mir ausleihen. Ich möchte selbst erfahren, wie es ist, im Fußballstadion zu sitzen, nichts zu sehen und das Spiel zu hören. Es klappt, aber man muss sehr aufmerksam sein. Ab und zu öffne ich die Augen, um zu sehen, wo der Ball gerade ist. Frank Herrmann kann das nicht. Und doch ist er immer auf Ballhöhe, weiß genau, ob sich das Leder gerade links von ihm in der Dynamo-Spielhälfte befindet, oder rechts im gegnerischen Strafraum.

Die 90. Spielminute ist angebrochen. Der Schiedsrichter zeigt fünf Minuten Nachspielzeit an. Dynamo liegt immer noch 0:1 zurück und startet einen verzweifelten Angriff nach dem anderen. Ich beschließe, nun nur noch auf das Blindenradio zu hören. Augen zu und durch! Bis zum bitteren Ende! Vier Minuten Nachspielzeit sind vorbei. Plötzlich hebt sich die Stimme im Kopfhörer: „Der Ball kommt in den Strafraum. Testroet! Toooor.“ Ich halte es nicht mehr aus, öffne die Augen. Unten auf dem Spielfeld liegen sich die Dynamos in den Armen. Ringsum jubeln die Fans. Auch Frank Herrmann hat sich längst erhoben und springt vor Glück. Seine Welt ist nicht mehr schwarz wie sonst, sondern schwarz-gelb!