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Als der Völkermord ins Wohnzimmer kam

Vor 40 Jahren veränderte die US-Fernsehserie „Holocaust“ die Bundesrepublik. Jetzt wird sie noch einmal ausgestrahlt.

Auf dem Weg in den Tod: Josef Weiss (Fritz Weaver, 2. v. l.) und seine Frau Berta (Rosemary Harris, mit Pelzkragen) werden zusammen mit anderen Juden deportiert. © WRD

Sie sind in ihren besten Jahren und ahnen doch: Vielleicht haben sie das Leben schon bald hinter sich. Josef Weiss wurde bereits vor Monaten aus Berlin ins Warschauer Getto deportiert, seine Frau Berta ist eben erst angekommen. Nun sitzen sie in einem Café, in dem es keinen Kaffee mehr gibt. Sie haben viel verloren, aber sie haben einander wieder. Unter Tränen sagt Berta ihrem Mann: „Ich habe dich noch nie so sehr geliebt wie jetzt.“ Bewegt antwortet Josef: „Ich dich auch nicht.“

Rührselig? Vielleicht. Rührend? Unbedingt. Gerade deshalb zog die US-Fernsehserie „Holocaust“ vor 40 Jahren in Deutschland viel Kritik auf sich. Doch gerade deshalb wurde sie zu einem Ereignis, das nicht nur die deutsche Medienlandschaft, vielmehr auch den gesellschaftlichen Blick auf die NS-Zeit verändert hat – und damit letztlich die Bundesrepublik.

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Eine Frage der Logistik 

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Zum ersten Mal wurde der Völkermord an den Juden mit den dramatischen und ungeheuer suggestiven Mitteln des Spielfilms erzählt, aus Perspektive der Opfer. Insofern ist die Wiederausstrahlung von „Holocaust“ ab dieser Woche auch eine Art Geschichtsstunde. Denn mit zumindest teilweise trivialen Mitteln schaffte diese US-Serie von außen, was in fast 35 Jahren seit Kriegsende trotz Hunderter Bücher, diverser KZ-Prozesse, Bühnendramen, Romanen und Dokumentationen im Inneren nicht gelungen war: das Unfassbare fassbar zu machen, dem – bis dato weitgehend anonymisierten – Leiden der Juden Gesichter zu geben. Von Menschen, die bis auf ihr Jüdisch-Sein ganz normale Deutsche waren, mit denen man sich identifizieren konnte.

Bomben gegen eine TV-Sendung

So konfrontierte „Holocaust“ seine Zuschauer auf dem direktesten Weg, über Emotionen, mit der NS-Vergangenheit. Auf eine Weise, die sie mehrheitlich erschütterte, zum Nachfragen animierte, zum Diskutieren. Es war ein Meilenstein der Aufarbeitung: Wer die gesamtgesellschaftliche Verantwortung für die Schoa auch durch Wegsehen und Mitlaufen leugnen wollte, hatte fortan schlechtere Karten als zuvor.

Wer „Holocaust“ heute sieht, kann das ohne den Kontext der Siebziger kaum nachvollziehen. Vieles, was einst daran neu war, gehört inzwischen zur Normalität der spielfilmerischen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Etwa die Verdichtung komplexer historischer Ereignisse in einer Familiengeschichte, seit dem 19. Jahrhundert ein klassisches Mittel der Literatur. „Holocaust“ spiegelt in den Schicksalen weniger Menschen fast alles, was durch die NS-Rassepolitik den Juden angetan wurde: Ausgrenzung, Existenzzerstörung, Pogromnacht, Zwangsarbeit, Euthanasie, Vernichtung durch Arbeit, Hunger, Kugeln, Gas.

Im Zentrum steht die Geschichte der Familie von Josef Weiss. Der Arzt wird aus seiner Praxis geworfen, ins Getto deportiert und später nach Auschwitz, wo man ihn wie seine Gattin Berta ermordet. Tochter Anna wird von einem SA-Mann vergewaltigt, zerbricht daran und wird zusammen mit anderen „Geisteskranken“ getötet. Sohn Karl landet ebenfalls im KZ, seine „arische“ Frau Inga folgt ihm freiwillig. Nur Karls Bruder Rudi kann entkommen, flieht in den Osten, schließt sich Partisanen an und überlebt als Einziger.

„Held“ der Parallelhandlung aus Perspektive der Täter ist Erik Dorf. Angestachelt von seiner Frau, getrieben von Ehrgeiz und persönlichen Überzeugungen steigt er in der SS-Hierarchie höher und höher. Er wird zur rechten Hand von Reinhard Heydrich und Adolf Eichmann und beteiligt sich maßgeblich an Organisation und Durchführung des Völkermordes.

Normale, unmenschliche Menschen

Auch wenn das Drehbuch Erik Dorf innere Konflikte und eine gewisse Tiefe gönnt; Die Nazis respektive SS-Männer bilden den größten Schwachpunkt von „Holocaust“. Weil sie allesamt bis in die niederen Chargen eindimensionale Charaktere sind, schlecht, grausam, pervers, fanatisch. Somit unterschlägt die Serie das Beklemmendste am Völkermord: dass auch die meisten Täter ganz normale Menschen waren, die trotzdem Unmenschliches taten.

Ungleich differenzierter zeichneten Autor Gerald Green und Regisseur Marvin Chomsky die Gemeinschaft der Juden, ihr Hauptthema. Viele gaben sich widerstandslos dem Schicksal hin, einige kollaborierten mal mehr, mal weniger notgedrungen mit den Nazis. Andere kämpften, wagten sogar den offenen Aufstand. Das ist einerseits bemerkenswert selbstschonungslos. Andererseits räumt es auf mit dem Mythos der Lämmer, die sich sämtlichst ergeben zur Schlachtbank führen ließen.

Am schonungslosesten ging „Holocaust“ freilich mit den nichtjüdischen Deutschen um. Die Drastik der Darstellungen, insbesondere aber die Unmissverständlichkeit, mit der Green und Chomsky die deutschen Verbrechen zeigten, führte schon im Vorfeld der Erstausstrahlung 1979 zu heftigen Auseinandersetzungen.

Auch in der ARD hielten viele die Serie für zu „trivial“ und qualitativ „indiskutabel“. Schließlich einigte man sich darauf, den Vierteiler nur im Dritten, aber dafür in allen Regionalprogrammen auszustrahlen. Besonders lauter Protest erklang aus der DDR. Hier hatten ebenfalls viele Menschen die Vorfeld-Debatten und vorbereitenden TV-Dokumentationen mitverfolgt und beschwerten sich über die „kurzsichtige Entscheidung“ der ARD; die Dritten waren diesseits des Eisernen Vorhangs fast nur in grenznahen Gebieten zu empfangen.

Es kam sogar zu Gewaltaktionen und einem Großeinsatz der Polizei. Just während der ersten Folge von „Holocaust“ erloschen Hunderttausende Bildschirme. Rechtsextremisten hatten Sendeleitungen gesprengt und wollten die Verbreitung von „Historischen Lügen“ auf diese Weise verhindern. Auch in konservativen Reihen regte sich viel Widerstand. Die Mär von den mehrheitlich unschuldigen Deutschen wurde hartnäckig verteidigt: Papa und Opa waren keine Nazis!

„Bankrott der Schulen und Unis“

Den gegenteiligen Erfolg der Serie konnte das nicht beeinträchtigen. Trotz Auslagerung in die dritten Programme erreichte sie Einschaltquoten von bis zu 39 Prozent. Allein der WDR musste im Laufe von Folge eins über 30 000 Anrufe bewältigen; die extra eingerichteten Hotlines brachen zusammen. Bis weit nach Mitternacht – an einem Arbeitstag – blieb noch die Hälfte der Zuschauer vorm Fernseher, verfolgte anschließende Expertenrunden und beteiligte sich per Telefon. Tage- und wochenlang diskutierten viele Deutsche in West und auch in Ost über das Gesehene, zu Hause, auf der Arbeit, an der Uni, in der Kneipe. Und überall registrierten Pädagogen ein riesiges Bedürfnis von Schülern, darüber zu sprechen.

Gesellschaft, Medien, Politik und insbesondere die Wissenschaft wurden von dieser Eruption kalt erwischt. Trotz medialer Reflexion und intensiver Debatte über die Auschwitzprozesse der Sechziger war es ihnen nicht gelungen, dem Blick auf die Täter und deren Machtstrukturen einen adäquaten Blick auf die Opfer gegenüberzustellen und das Bewusstsein für eine kollektive Verantwortung der damaligen Gesellschaft zu schaffen. Eine „Bankrotterklärung unserer Schulen und Universitäten“ nannte das die Frankfurter Allgemeine. Der Spiegel wertete „Holocaust“ und die Folgen als „Schwarzen Freitag der Geschichtswissenschaft“, was einige Historiker auch kleinlaut einräumten.

Verständlich, wenn gerade sie sich nur unwillig der Erkenntnis stellten: „Holocaust“ war der erste Beweis dafür, dass Geschichtsdarstellungen in Massenmedien das historische Bewusstsein der Menschen stärker prägen als jede andere Vermittlungsinstanz. Zumal der historische Rahmen der Serie, bei aller Trivialität ihrer Mittel und hohen Emotionalität, weitgehend faktentreu und seriös und sie selbst damit „wahrhaftig“ genug blieb.

Nun aber setzte ein regelrechter Boom des Themas in den Medien und Lehrplänen ein. Auch die Geschichtswissenschaft zog mit, es kam zu einem ungeheuren Forschungs- und Publikationsschub. Was unter anderem dazu führte, dass seither statt des Zweiten Weltkriegs der Völkermord an den Juden im Zentrum der deutschen Erinnerungskultur steht. Und das bis dahin selbst in der Forschung gebräuchliche NS-Wort „Endlösung der Judenfrage“ ersetzt wurde – durch „Holocaust“.

Man darf es so sagen: Dieses TV-Ereignis hat einen guten Teil beigetragen zur vielleicht aufgeklärtesten und selbstbewusstesten Leistung der meisten Deutschen mit Blick auf ihre Identität: die Annahme der im Holocaust gründenden Verantwortung dafür, dass sich in diesem Land Rassismus und politischer Extremismus nicht noch einmal durchsetzen können.

Bis zum 30. Januar strahlen WDR, NDR und SWR die Serie „Holocaust“ noch einmal aus. Auch in der ARD-Mediathek sind die einzelnen Folgen abrufbar.