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Als die Elbe zugefroren war

Vor 55 Jahren waren zuletzt winterliche Spaziergänge auf dem Fluss möglich. In diesem Jahr ist es damit nichts geworden.

© SZ-Archiv

Dresden. Die strengen Frostgrade der vergangenen Tage haben sich auf der Elbe mit „Pfannkucheneis“ bemerkbar gemacht. So nennen die Fachleute die dicken Eisschollen, die auf dem Fluss treiben. Für eine geschlossene Eisdecke wie zuletzt vor 55 Jahren hat es auch 2018 nicht gereicht. „Dazu muss es mindestens zehn Tage hintereinander Dauerfrost geben mit strengen Nachttemperaturen unter minus zehn Grad“, sagt die Sprecherin des Landesamtes für Umwelt und Geologie, Karin Bernhardt. Die eine strenge Winterwoche dieses Jahres war zu kurz. Außerdem kommt es auch auf Wasserstand und Fließgeschwindigkeit des Flusses an.

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Im Jahr 1963 war die Elbe in Dresden 35 Tage lang zugefroren. © H.-J. Freudenberger

In früheren Jahren galt eine zugefrorene Elbe als ein zwar seltenes, aber regelmäßig wiederkehrendes Naturereignis. In den Geschichtsbüchern ist es bisher 37-mal vermerkt. Allein im vergangenen Jahrhundert bedeckte 1901, 1912, 1929, 1940, 1947, 1954 und letztmalig 1963 eine geschlossene Eisdecke den Fluss. Es war einer der kältesten Winter im vergangenen Jahrhundert überhaupt – Dauerfrost mit teils extremen Minusgraden. Nach und nach froren alle Flüsse, Kanäle und Seen zu, auch die Küsten von Nord- und Ostsee waren vereist. Ab Mitte Januar 1963 gingen die Temperaturen in Dresden wochenlang weit unter null Grad zurück, nachts wurden bis minus 30 Grad gemessen. Die Weichen der Straßenbahn froren ein, Busse konnten den Verkehr kaum bewältigen. Soldaten und Arbeiter halfen beim Abladen der Kohle von Güterwaggons am Kraftwerk. Theater und Kinos mussten vorübergehend schließen. Werktätige wurden zu Wintereinsätzen abgestellt. Beim Abriss der Sophienkirche versagten die Presslufthämmer.

Ganze 35 Tage war die Elbe komplett zugefroren. Die Menschen spazierten zu Fuß über den Fluss. Die Fährleute hatten Wege angelegt, abgesteckt und gestreut, wo sonst ihre Fähren fuhren. Regelmäßig wurde die Eisdicke gemessen. Betreten werden durfte die Elbe erst ab durchgängig mindestens zwölf Zentimetern. Entsprechend den Messergebnissen waren die Wege angelegt. Sie verliefen zumeist nicht gerade, sondern schlängelten sich über die dicksten Stellen des Eises. Diese Mühe musste bezahlt werden: An beiden Ufern stand ein Schaffner der Verkehrsbetriebe und kassierte für den Übergang fünf Pfennige. In der Presse wurde gewarnt, von den markierten Wegen abzuweichen.

Dem damals 17-jährigen Lehrling Hans-Jürgen Freudenberger ist die tägliche Fahrt in der ungeheizten Kasten-Straßenbahn von Dresden-Plauen zu seinem Lehrbetrieb Ihagee-Kamerawerk in Striesen in Erinnerung geblieben. „Die endete zumeist an einer zugefrorenen Weiche mit einem anschließenden mehr oder weniger langen Fußmarsch bei minus 20 Grad.“ Die eisigen Temperaturen haben ihn jedoch nicht davon abhalten können, auch ein Eishockey- Freundschaftsländerspiel der DDR gegen die UdSSR zu besuchen. Das ging im offenen Eisstadion gleich neben dem Heinz-Steyer-Stadion über die Bühne. Der 17-Jährige musste frierend ansehen, wie die DDR-Kufencracks der Sbornaja unterlagen. „Das Spiel ging mit 0:10 verloren. Ich habe das auf der Tribüne irgendwie überstanden“, erinnert er sich.

Wann immer die Elbe zufror, nutzten das die Dresdner zu einem Spaziergang auf dem Fluss. So auch im Februar 1912, als der Winter mit bis zu minus 22 Grad Nachttemperaturen die sächsische Residenz fest im Griff hatte. Auch im Winter 1928/29 vergnügten sich die Dresdner wie schon Jahre zuvor an der Augustusbrücke auf der Elbe. Die absolute Tiefsttemperatur in jenem Winter wurde am 11. Februar 1929 mit minus 30,5 Grad Celsius gemessen. Die Elbe war bis zur Mündung zugefroren. Auch wenn der Winter 1939/40 nicht ganz so eisig war, reichten die Minustemperaturen aus – so etwa am 11. Januar mit minus 24 Grad –, dass die Elbe zuging. Und auch da nutzten viele Dresdner den eisbedeckten Strom für ausgiebige Spaziergänge und winterliches Sportvergnügen. Es wurden sogar „Eiswanderungen“ von Dresden nach Meißen unternommen. Ein Blick in alte Fotoalben verrät: Damals fotografierten sich Familien gern auf dem Eis der Elbe.

Chemische Abwässer, die teilweise wie ein Frostschutzmittel wirkten, waren später der Grund dafür, dass die Dresdner auch in harten Wintern und bei extremer Kälte wie etwa 1987 auf solche Vergnügen verzichten mussten. Die jetzt deutlich bessere Wasserqualität erhöht wieder die Chancen für das seltene Naturspektakel.