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Alte Leichenhalle wird Stein für Stein sichtbar

Junge Freiwillige aus sieben Ländern graben auf dem Jüdischen Friedhof. Für viele ist es eine neue Aufgabe.

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© Matthias Weber

Von Jan Lange

Zittau. Mit einer Spitzkelle kratzt Susanna Ragno die Erde beiseite. Zentimeter für Zentimeter. Immer mehr kommen die Reste einer alten Mauer zum Vorschein. Es sind die Überbleibsel der früheren Leichenhalle auf dem Jüdischen Friedhof am Rande Zittaus. Das Gebäude wurde am 10. November 1938 zerstört und nach dem Krieg sehr wahrscheinlich abgetragen. Das einzige Dokument ist ein Bauplan, der im Zittauer Stadtarchiv vorhanden ist. Er ist auch die Grundlage, auf der die Reste der Leichenhalle nun freigelegt werden sollen.

Schon 2013 gab es erste Grabungen auf dem Jüdischen Friedhof. Ein Jahr später war noch mal eine Gruppe Studenten auf dem Gelände tätig. Nach einer Pause im vorigen Jahr geht es nun weiter. Diesmal handelt es sich allerdings nicht um Studenten, die sich mit Archäologie oder Religionswissenschaften beschäftigen, sondern um eine Gruppe internationaler Freiwilliger. Sie kommen aus Thailand, Russland, Frankreich, Tschechien, Spanien, Großbritannien und Italien. Susanna Ragno ist beispielsweise in Mailand zu Hause. Die 20-Jährige studiert in ihrer Heimat Kunstgeschichte und nimmt nicht zum ersten Mal an einem internationalen Freiwilligeneinsatz teil.

Während sich ihre Kommilitonen in den Sommerferien in der Sonne bräunen, gräbt Susanna Ragno lieber nach alten Mauerresten. Alle Steine werden systematisch sortiert, geputzt und inventarisiert. Sie sollen später noch ausgewertet werden.

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Die junge Italienerin ist bei den Arbeiten am Ende des Grabungsfeldes auch auf den Rundbogen des Anbaus gestoßen. Es ist eines von mehreren Grabungslöchern. Dass die Gruppe nicht nur an einer Stelle gräbt, hat seinen Grund. Die zum Friedhofsausgang zugewandte Seite der früheren Leichenhalle ist bereits teilweise freigelegt, mit der Grabungsstelle am anderen Ende der Wiese soll nun die Größe des Gebäudes deutlich werden. Die im Bauplan angegebenen Maße sollen so überprüft werden.

Der Großteil der jungen Freiwilligen hatte bisher noch nichts mit archäologischen Grabungen zu tun. Ganz ohne Experten geht es natürlich nicht. Geleitet werden die Arbeiten auf dem Jüdischen Friedhof von Archäologen der Freien Universität Berlin, die den freiwilligen Helfern gleichzeitig Fachwissen und Geschichte der jüdischen Gemeinde in Zittau vermitteln. Zu ihnen gehört Vincent Haburaj, der an der Berliner Uni Landschaftsarchäologie studiert hat und hier ab Herbst auch seine Doktorarbeit schreiben wird.

In den mehr als zwei Wochen – die Gruppe weilt seit dem 10. August in Zittau – lernen die jungen Leute auch die Region näher kennen. „Wir haben eine Stadtführung gemacht, waren im Zittauer Gebirge wandern und bei der O-See-Challenge“, berichtet Jan Kirchhoff, Leiter der Netzwerkstatt der Hillerschen Villa.

Die Netzwerkstatt betreut den Jüdischen Friedhof, bietet zum Beispiel Führungen an, und hat auch den Arbeitseinsatz der internationalen Helfer gemeinsam mit der Vereinigung Junger Freiwilliger aus Berlin organisiert. Die derzeitigen Grabungen finden in Kooperation mit dem Sächsischen Landesamt für Archäologie statt, wie Jan Kirchhoff erklärt.

Für die jungen Menschen aus aller Welt heißt es schon bald wieder Abschied nehmen – am Freitag treten sie die Rückreise in ihre Heimatländer an. Die Grabungsstellen werden vorher wieder abgedeckt und geschlossen. Eines der Löcher soll allerdings geöffnet bleiben. Denn die Ergebnisse der aktuellen Grabungen wollen die Mitarbeiter der Netzwerkstatt beim Tag des offenen Denkmals am 11. September interessierten Besuchern präsentieren. Um 14 und 16 Uhr wird es an diesem Tag kostenlose Führungen über den Jüdischen Friedhof geben, kündigt Jan Kirchhoff an. Danach wird auch diese Stelle wieder mit einer Grasnarbe abgedeckt. Langfristig soll das Fundament der alten Leichenhalle sichtbar gemacht werden, so der Netzwerkstatt-Leiter.

Gern würde Vincent Haburaj weitergraben, um den Anschluss an die Friedhofsmauer zu finden. Doch ein konkretes Nachfolgeprojekt gebe es derzeit noch nicht. Erstmal müssten die Grabungsfunde ausgewertet werden, danach könne entschieden werden, wie und wo weitergegraben werden könnte. Vielleicht könnten beim nächsten Einsatz auch mal Jugendliche aus der Region mitmachen, wünscht sich Jan Kirchhoff. Schließlich sei es ein Teil der Zittauer Geschichte.

Über den Jüdischen Friedhof Zittau ist auch eine Broschüre erschienen, die für 3 Euro unter anderem im SZ-Treffpunkt Zittau erworben werden kann.