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Gnade ist, zusammen alt werden

Margot und Armin Nestler aus Lauenstein sind ein ungewöhnliches Paar - nicht nur, weil sie schon 70 Jahre verheiratet sind. Ihre Energie ist die Liebe.

Armin und Margot Nestler aus Lauenstein feiern nach 70 Jahren Ehe ihre Gnadenhochzeit.
Armin und Margot Nestler aus Lauenstein feiern nach 70 Jahren Ehe ihre Gnadenhochzeit. © Egbert Kamprath

"Ich bedaure nur eine Sache in unserem Leben", sagt Margot Nestler: "Dass so viele Tanzsäle zugemacht haben." Margot Nestler ist 92 Jahre alt, genauso alt wie ihr Mann Armin. 1950 haben die beiden Lauensteiner geheiratet. Das war vor 70 Jahren und ergibt nun ein seltenes Jubiläum: Die beiden feierten am Mittwoch ihre Gnadenhochzeit. Silber, Gold, Diamanten und die Eiserne Hochzeit liegen längst hinter ihnen. "Liebe ist - zusammen alt werden", sagt Margot Nestler und drückt ihrem Mann den Arm: "Ich könnte nicht einschlafen ohne ihn." 

Und Armin Nestler antwortet auf die Frage, wie er vor über 70 Jahren die fesche 22-jährige Margot von sich überzeugen konnte: "Ich weiß immer noch nicht, wie ich das eigentlich gemacht habe." Dass er nicht der einzige Verehrer war damals, ist mit Blick auf das Hochzeitsfoto genauso glaubhaft wie mit Blick auf die strahlende Frau an seiner Seite. Vielleicht waren die anderen ja nicht so gute Skispringer. "Er ist ja jede Schanze zwischen Lauenstein und Altenberg runter, auf selbstgebauten Ski", erzählt Margot.

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Noch wahrscheinlicher lag es an seiner Freude am Tanzen. "Das schweißt zusammen", sagt seine Frau heute: "Wir waren jede Woche zweimal im 'Goldenen Löwen', unsere Kinder haben wir so lange zu den Großeltern gebracht." Vor zwei Jahren haben sie zuletzt miteinander getanzt, "da haben die anderen einen Kreis um uns gebildet, weil sie uns so gern zugeschaut haben." 

Später gratulieren Enkel und Urenkel

Das Leben grundsätzlich von der fröhlichen Seite zu nehmen und das Beste aus jeder Lebenslage zu machen - so könnte das unausgesprochene Motto der Nestlers lauten. Als sie 1955 mit ihrem drei Monate alten Sohn Uwe - später folgte noch eine Tochter - in das Haus zogen, in dem sie heute noch leben, war ihnen klar, dass sie jegliche Reparaturen selbst in die Hand nehmen mussten. Dach, Fenster, Heizung der Villa erneuerten sie im Laufe der Zeit. Erst vor ein paar Jahren konnten sie das majestätische Haus kaufen, zusammen mit ihrem Sohn und dessen Familie, die nun die erste Etage bewohnt. Die Tochter lebt in Bayern, fünf Enkel und vier Urenkel werden später noch gratulieren kommen. 

Das Hochzeitsbild von Margot und Armin Nestler von 1950.
Das Hochzeitsbild von Margot und Armin Nestler von 1950. © Bildstelle

Bis heute nimmt Armin die Dinge gern selbst in die Hand: "Gut, die Beine wollen nicht mehr so, aber die Hecken schneide ich schon noch", sagt er. "Ihn hält der Garten fit, mich unser Urenkel", sagt Margot Nestler: "Da muss ich ständig irgendwas holen und bringen." Auf dem Couchtisch steht ein riesiger Strauß roter Rosen - den hat Sohn Uwe morgens zur Feier des Tages vorbei gebracht. Ein zweiter Strauß mit orange- und roséfarbenen Nelken steht auf dem TV-Schrank. Armin Nestler war nach seinem Sohn im Blumenladen, die Rosen waren also schon weg. Aber die Nelken haben ihn an die fünfziger Jahre erinnert: "Das war ja ein Abenteuer damals, so eine Hochzeit", sagt er. "Richtiger Wein war nicht zu bekommen." Doch sein Vater konnte wenigstens Apfelwein heranorganisieren. Aus den Kaninchen im Stall von Margot Nestlers Mutter kochte Armins Onkel einen erstklassigen Rollbraten. Die Mutter backte einen hohen Kuchenturm. "Alle haben zugelangt, niemand hat etwas vermisst, alle waren fröhlich."

Mit der Waschschüssel auf den Marktplatz

Der Werkzeugmacher und die Wirtschaftsprüferin arbeiteten zuletzt 28 Jahre beim Telefontechnik-Hersteller EPD in Lauenstein, der nach der Wende von Spinner übernommen wurde. "Bis heute führe ich meine Haushaltsbücher selbst", sagt Margot Nestler. Mit ihrer akribischen Buchführung hat sie ihrer Familie jedes Jahr den Urlaub in Ungarn ermöglicht: "Weil wir keine Lust hatten, erst lange auf einen Trabant zu warten, haben wir einen Saporoshez gekauft. Den gab es gleich." Armin glich den winzigen Front-Kofferraum mit einem selbstgeschweißten Dachgepäckträger aus, und Margot wird gar nicht fertig mit aufzählen, was sie darauf alles festschnürten: "Die Betten, das Zelt, der Kocher, die Waschschüssel - wir haben ja sogar Kartoffeln mitgenommen, weil wir so wenig Geld in Ungarn hatten", erzählt sie. Beide lachen darüber, wie sie in Brünn bei strömendem Regen im Auto übernachteten, die Waschschüssel hatten sie vorher rausgeräumt: "Dass wir mitten auf dem Marktplatz standen, hatten wir abends gar nicht gemerkt." 

Jetzt, mit 92, setzt sich Margot Nestler einfach nicht hin. Zuerst sollen die Besucher Platz finden. Der Lauensteiner Ortsvorstand Siegfried Rinke und Kay Hardelt, der für die Wählervereinigung im Lauensteiner Ortschaftsrat sitzt, haben einen Präsentkorb vorbei gebracht und werden nun auf die große Eckcouch komplimentiert.  Die Schwiegertochter soll die Schnittchen-Platte holen, der Sohn den Sekt aus dem Kühlschrank und den Gästen einschenken. Die Gnadenhochzeit - wäre das nicht ein Termin, bei dem sich das Paar bedienen lassen sollte? "Jaja, sicher, aber erst, wenn es alle anderen bequem haben", sagt Margot und setzt sich nur halb. 

Schon damals in Ungarn auf dem Zeltplatz waren sie bald die Familie, bei der sich alle anderen trafen. "Die aus dem Westen konnten sich in Ungarn alles kaufen und kamen sogar in Wohnmobilen", erinnert sich Margot: "Aber wohl gefühlt haben sich letztlich alle bei uns."  

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