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Angriff auf die „Mangelwirtschaft“

Ein rechter Mob überfällt eine alternative Groß-WG mit Böllern und Buttersäure. Ein Racheakt, sagen die Ermittler.

© Matthias Rietschel

Von Karin Schlottmann

Die Angreifer kamen in der Nacht. Von drei Seiten flogen Steine, Böller und Flaschen mit Buttersäure gegen Fenster und Mauern. Judith Seifert wollte gerade ins Bett gehen, als die Sprengsätze vor, hinter und neben dem Haus explodierten. Sie habe Licht gesehen und Nebel im Garten. Ein Böller landete in einem Zimmer, ein Pflasterstein knallte gegen den Kachelofen in der Küche im 1. Stock. Ein Mitbewohner stand just in diesem Zimmer, er wurde zum Glück nicht getroffen. „Das Ganze hat etwa fünf Minuten gedauert“, sagt die 27-Jährige. Die mit Sprengsätzen präparierten Flaschen und die übelriechende Buttersäure verfehlten ihr Ziel und explodierten draußen im Garten. Der Mob verschwand so schnell, wie er gekommen war.

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Ein Nachbar alarmierte die Polizei. Die 18 Hausbewohner, von denen die meisten in dieser Nacht im Oktober vorigen Jahres zu Hause waren, brauchten eine Weile, sich von dem Schreck zu erholen. „Alle waren durcheinander.“ Der Vorgarten lag voll mit Steinen, die Polizei nahm den Pflasterstein aus der Küche und Böllerreste mit. Der Sachschaden ist inzwischen weitgehend behoben. Unterstützer und Freunde haben Geld für Reparaturen und Sicherheitsglas gespendet.

Karlsruhe schickte die GSG 9

Judith Seifert, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ist so eine Art Sprecherin des Wohnprojekts „Mangelwirtschaft“ in Dresden-Übigau. Der Angriff der rechtsextremen Bande sei nicht gänzlich überraschend gekommen, sagt sie. Im Herbst 2015 hat es zahlreiche Angriffe nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen linke Aktivisten und Einrichtungen gegeben. In Übigau, berichtet Seifert, standen zwei Wochen vor der Attacke fünf bis acht Vermummte vor dem Haus. Nazi-Sticker klebten an Briefkasten und Autos. Seifert vermutet, dass die Hausgemeinschaft wegen ihres Engagements für die Flüchtlinge in der Übigauer Turnhalle zum Angriffsziel wurde. Anwohner und Pegida-Unterstützer hatten den Zugang zu der Turnhalle drei Wochen lang blockiert, um die Unterbringung von Asylbewerbern zu verhindern. „Wir haben deutlich gemacht, dass wir die Proteste gegen die Flüchtlinge nicht gutheißen“, sagt Seifert.

Auch der Bundesgerichtshof (BGH) spricht von einem Racheakt. In einem „schwarzen Chat“ habe sich die Gruppe im Verlauf des 18. Oktober 2015 zum nächtlichen Angriff auf das Gebäude verabredet, heißt es in einem BGH-Haftbeschwerde-Beschluss von Mitte Mai. 20 bis 30 Angreifer aus Dresden und Freital hätten sich unter einer Brücke in der Nähe des Hauses getroffen und dann Sprengsätze und Steine auf die Fenster geworfen. Ziel sei es gewesen, das Haus unbewohnbar zu machen.

Die meisten Täter sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Im April hat die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen übernommen und die Spezialtruppe GSG 9 nach Sachsen geschickt. Die Anklagebehörde wirft den acht Tatverdächtigen Mitgliedschaft in der rechtsterroristischen Vereinigung „Terrorgruppe Freital“ sowie versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vor. Sie legt ihnen nicht nur diesen Überfall zur Last. Die Gruppe soll auch Angriffe auf zwei Flüchtlingsunterkünfte in Freital verübt haben. Noch liegt die Anklage nicht vor. Der Prozess vor dem Oberlandesgericht Dresden wird vermutlich erst Ende des Jahres beginnen. Die Bewohner der „Mangelwirtschaft“ denken darüber nach, in dem Verfahren als Nebenkläger aufzutreten.

Anfang 2014 wurde das Hausprojekt gegründet. Das Gebäude hat drei Etagen und sechs Wohnungen. In einem Hinterhaus im Garten stand früher eine Heißmangel – daher der Name „Mangelwirtschaft“. Vor dem Kauf stand das Haus lange leer. Erst nach einem Jahr intensiver Sanierungsarbeiten konnten die Bewohner einziehen. Jetzt teilen sich die 18 Bewohner, darunter Studenten, Auszubildende und Berufstätige zwischen 18 und 33 Jahren, das Haus.

Gemüsegarten, Pool und Sauna

Die Höhe der Miete richtet sich nach dem jeweiligen Einkommen. Jeder entscheidet selbst, wie viel er zahlen kann. Es gibt einen Gemüsegarten, einen Pool und eine kleine Sauna. Allerdings ist noch immer einiges zu tun. Zurzeit wird das Nebengebäude renoviert. Vielleicht entsteht ein Internet-Café für Flüchtlinge darin oder ein anderes Projekt. „Ganz fertig werden wir wahrscheinlich nie“, sagt Seifert.

Einige Nachbarn leben seit 30 Jahren oder noch länger in der Overbeckstraße, sagt Seifert. Da fällt so eine Wohngemeinschaft natürlich aus dem Rahmen. Das Verhältnis zu den Nachbarn sei entspannt. Nach dem Einzug hat die Hausgemeinschaft sie zu Kaffee, Kuchen und Besichtigung eingeladen. An dem Tag lief die Wäscherolle zum letzten Mal, dann wurde sie einem Museum übergeben. Mit Rücksicht auf die Nachbarn verzierte die Groß-WG nur die Rückwand des Hauses mit großen und bunten Malereien.

Eigentümer der Immobilie ist ein Verein ohne wirtschaftliche Interessen. „Andere leisten sich eine Wohnung mit Dachterrasse, mein Luxus ist dieses Hausprojekt.“ Sie lebe lieber mit vielen anderen interessanten Menschen zusammen als in einer normalen WG, sagt Seifert. Das große Haus biete viel Platz und ermögliche Austausch, gemeinsame Entscheidungen, soziales und politisches Engagement.

Wichtige Entscheidungen bespricht die Gruppe im Plenum. Auf einer weißen Tafel im Hausflur werden wichtige Nachrichten hinterlassen. Ein Thema in diesen Tagen: die Schneckenplage im Gemüsegarten. Dazu heißt es: „Bin bis Freitag weg. Mein Zimmer kann an Gäste vergeben werden. Bitte kümmert Euch um den Garten. 1.) Täglich früh morgens gießen, auch abends, dann gibt‘s aber mehr Schnecken. 2.) Bitte Schnecken absammeln. 3.) ernten“.