merken

Ankommen in einer fremden Welt

Im einstigen Büro von Stasi-Spionagechef Markus Wolf spielen bald Flüchtlingskinder.

© dpa

Von Jutta Schütz, Berlin

Haus 15, Etage 9, Zimmer 980. Kein Tisch, kein Stuhl. Das riesige Büro, in dem einst der geheimnisumwitterte Stasi-General Markus Wolf saß, ist leer. Die alte Holzverkleidung an den Wänden ist hell überpinselt. In der früheren Privatdusche nebenan prangen noch alte, blaue Fliesen. Die Einbauten aus Holz haben DDR und Stasi überdauert. Aus den Fenstern fällt der Blick auf Haus 1 schräg gegenüber, in dem Stasi-Minister Erich Mielke saß.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Wo sich einst hermetisch abgeschottet das DDR-Ministerium für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg mit 7 000 hauptamtlichen Mitarbeitern breitgemacht hatte, sind jetzt Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und Eritrea untergekommen. Überall auf den langen Gängen des Hochhauses wuseln Kinder umher.

Bald wird sich auch die Etage mit dem Wolf-Büro beleben. Die einstigen Dienstzimmer werden gerade hergerichtet. Rüdiger Kunz, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin, hat schon Ideen und dazu eine pragmatische Sicht auf die Vergangenheit. „Warum nicht das nutzen, was da ist“, meint er.

„Wir prüfen, ob wir hier in der neunten Etage eine Kita einrichten. Das Zimmer von Markus Wolf ist das ideale Spielzimmer“, sagt der Sprecher. Bastelbücher, Bälle und Spielsachen könnten in den Einbauschränken verstaut werden. 40 Prozent der Neuankömmlinge seien Kinder, so der DRK-Sprecher. Seine Organisation betreibt die Hochhaus-Notunterkunft an der Ruschestraße.

Markus Wolf? Schon vielen jüngeren Deutschen sagt der Name nichts mehr, geschweige denn Flüchtlingen. Wolf galt als Schlüsselfigur im Kalten Krieg. Als Leiter der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) führte er fast 30 Jahre lang rund 4 000 DDR-Auslandsagenten. Sein spektakulärster Erfolg war die Rekrutierung des Kanzlerspions Günter Guillaume. Dessen Enttarnung in Bonn führte 1974 zum Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD).

Lange Zeit war Wolf der „Mann ohne Gesicht“ – erst Ende der 70er-Jahre wurde er in Stockholm erstmals fotografiert. 1986 schied er aus dem Stasi-Dienst aus. Der umtriebige und eloquente Generaloberst war Stasi-Chef Erich Mielke oft nicht geheuer. Nach dem Mauerfall trat Ex-Geheimdienstler Wolf als Kochbuchautor und Schriftsteller in Erscheinung. Am 9. November 2006 starb er im Alter von 83 Jahren. Die Stasi-Unterlagen-Behörde hat recherchiert, dass auch das Stasi-Referat für Syrien, Ägypten, Iran und Irak in der neunten Etage saß. Es sei der HVA-Abteilung III mit 80 Mitarbeitern zugeordnet gewesen und firmierte unter HVA III/B/1.

Dort wurden Informationen über den Nahen Osten gesammelt. Auch etwa 200 „Offiziere im besonderen Einsatz“ (OibE) hätten dazugehört, die mit „diplomatischer Abdeckung“ von den DDR-Auslandsvertretungen heraus spionierten und Berichte in die Zentrale schickten.

Ende November 2015 kamen die ersten Flüchtlinge in den früheren Stasi-Komplex, zu dem mehr als 20 Gebäude gehörten. 1 400 Menschen seien jetzt da, es könnten bis zu 2 300 werden, sagt der DRK-Sprecher. Das Rote Kreuz ist in Berlin für acht Flüchtlings-Notunterkünfte und zwei Unterkünfte für minderjährige Flüchtlinge verantwortlich.

Nach der Wiedervereinigung hatte sich auf einem Teil des Areals die Deutsche Bahn angesiedelt - und auch die Wolf-Etage genutzt. Ob die Bahn das Dienstzimmer des Stasi-Mannes umgestaltete, ist nicht so ganz klar. Der gläserne Bau, den die Bahn noch in den Innenhof stellte, ist nun Speisesaal. Etagenweise, im Halb-Stunden-Takt, reihen sich die Flüchtlinge vor dem provisorischen Tresen für das Abendessen ein. Gurke, Fladenbrot, Butter, Wurst. Sicherheitsmann Torsten Spott hat das Geschehen im Blick. „Alles Banane, ganz übersichtlich“, fasst er die Stimmung knapp zusammen.

Eine Lehrerin aus Afghanistan sitzt mit ihren drei Kindern an einem der langen Tische. Die Frage nach der Historie ihrer Unterkunft versteht sie nicht. Das spiele hier keine Rolle, hat Sprecher Kunz beobachtet. „Die Leute wollen ankommen, Deutsch lernen und eine Arbeit finden.“ Momentan sei das Bedürfnis gering, sich mit der Geschichte des neuen Landes zu beschäftigten. Einmal habe ein Kamerateam die Frage nach der DDR-Geheimpolizei gestellt. Da hätten sich die angesprochenen Männer nur gewundert, erinnert sich Kunz. In ihrer Heimat habe der Geheimdienst immer die schönsten Häuser gehabt, hätten sie berichtet.

Büro an Büro – Etage für Etage: Die frühere Stasi-Organisation erweist sich angesichts der großen Probleme bei der Unterbringung der geflüchteten Menschen als durchaus praktisch. Die Flüchtlinge schlafen in den separaten Räumen und haben so etwas Privatsphäre, wie Kunz sagt. Das sei besser als in Turnhallen.

Nun gehe es auch darum, Gemeinschaftsräume einzurichten. Im Keller sei auch ein Sportstudio denkbar. Derzeit hat Berlin nach Angaben der Sozialverwaltung etwa 43 000 Flüchtlinge in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften untergebracht.

Es sei eine Riesenverantwortung, Asylsuchenden ein menschenwürdiges Dach über dem Kopf zu geben, hebt Kunz hervor. Sie müssen nun auf ihre Verfahren warten - ungewiss, wie lange das dauert. „Das Warten ist das Hauptproblem - Stillstand nach monatelanger Flucht.“ Viele würden das nicht verstehen.

Deutsch lernen steht hoch im Kurs. „Bei uns sind alle sehr motiviert“, findet die 29-jährige Janine Kowalke. Sie unterrichtet Flüchtlinge in einem Zimmer in der dritten Etage. Sie sei über einen Mail-Verteiler für Ehrenamtliche hierher gekommen. Fahima Nadjem aus Afghanistan, die seit 14 Jahren in Deutschland lebt, übersetzt für ihre Landsleute. „Ich bin der Mittler zwischen den Welten“, sagt die 56-Jährige. Jeden Tag gehe es ein Stückchen weiter. Zu den neuen Wörtern malen die Frauen kleine Zeichnungen.

„Mit dem Einzug der Flüchtlinge treffen aktuelle Konflikte und Geschichte aufeinander“, meint Roland Jahn, DDR-Oppositioneller und heute Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. Er hoffe, dass die neuen Nachbarn vielleicht auch Momente haben, in denen sie neugierig seien auf den Campus der Demokratie, der auf dem Areal entsteht.

Das Stasi-Museum mit dem original erhaltenen Büro von Mielke und das umfangreiche Archiv mit den Stasi-Unterlagen sind dort. Demnächst wird auch das Offizierskasino saniert. Im Haus 22 soll ein Informationszentrum mit Bibliothek zur SED-Diktatur, Veranstaltungsräumen und einem Lesecafé eingerichtet werden.

Heimleiter Bernhard Schmidt (61), auch „Master of Desaster“ genannt, findet das Maß von Hilfsbereitschaft und Spenden unglaublich. Nachbarn, Schulen, Bezirksamt, Vereine wie „Lichtenberg hilft“ – „die rennen uns die Bude ein“, freut er sich. „Und viele kommen immer wieder.“

Gefühlt sei die Unterkunft schon länger als nur ein paar Wochen offen. Das Wort Integration fällt hier überhaupt nicht, es ist aber überall zu spüren – als praktisches Bemühen. Ein riesiges Problem seien derzeit vor allem fehlende Schulplätze für Flüchtlingskinder, will der Heimleiter unbedingt noch loswerden.

Anja (36) ist hier in Lichtenberg aufgewachsen. Die Helferin im Flüchtlingsheim kümmert sich mit um das Koordinieren der weit mehr als 100 Ehrenamtlichen. Sie sagt, es sei schon ein spezieller Ort, auch wenn das eigentlich nicht die Rolle spiele. Und doch schließt sich für die engagierte junge Frau in gewisser Weise jetzt ein Kreis. Ihre Familie habe zu der Gemeinde gehört, deren Kirche 1978 für den Stasi-Neubau abgerissen wurde. „Und jetzt kann ich genau hier etwas für Menschen tun, die Hilfe brauchen.“ (dpa)