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Annelies übergibt ihre Schätze

Ortschronistin Annelies Bennewitz hat endlich einen Nachfolger gefunden. Einst trat sie selbst in große Fußstapfen.

© Kristin Richter

Von Jörg Richter

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Weißig am Raschütz/Blochwitz. Den Schlüssel der ehemaligen Blochwitzer Dorfschule behält sie erst einmal für sich. Ende Februar wird sie ihn übergeben. Annelies Bennewitz feiert dann ihren 80. Geburtstag. Ein würdiger Anlass, um als Weißiger Ortchronistin aufzuhören. Seit Mitte der 1970er Jahre hat sie dieses Ehrenamt inne, forscht in der Geschichte des Dorfes, sammelt Dokumente und heftet sie ab, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben. Zig Ordner sind so zusammen gekommen. Wie viele, weiß die geistig fite Rentnerin auf Anhieb nicht. „Ich hab sie nicht gezählt“, sagt sie lachend.

Das erste Protokollbuch der ehemaligen Gemeinde Weißig am Raschütz stammt von 1839 und ist eines der ältesten Dokumente, die Annelies Bennewitz jetzt weitergibt.
Das erste Protokollbuch der ehemaligen Gemeinde Weißig am Raschütz stammt von 1839 und ist eines der ältesten Dokumente, die Annelies Bennewitz jetzt weitergibt. © Kristin Richter

In ihrem Archiv in Blochwitz sind die Schränke voll davon. Doch ihr bestes Archiv ist ihr Kopf. „Annelis hat trotz ihres Alters ein unheimlich gutes Gedächtnis für Namen und Jahreszahlen“, sagt die Weißiger Ortsvorsteherin Dana Wiedemann. „Wenn man sie etwas zu unserer Dorfgeschichte fragt, weiß sie Bescheid, ohne irgendwo nachgucken zu müssen.“ Annelies Bennewitz ist ein Phänomen und nicht ohne Grund die erste und bislang einzige Ehrenbürgerin der Gemeinde Lampertswalde. „Das, was Annelies alles zusammengetragen hat, ist Gold wert. Das darf nicht verloren gehen“, sagt Dana Wiedemann. Und so, wie es jetzt aussieht, wird es das nicht.

„Gott sei Dank habe ich einen Nachfolger“, verkündet Annelies Bennewitz. Thomas Mutzke soll ab Februar 2019 der neue Weißiger Ortschronist sein. Dana Wiedemann will ihn dabei unterstützen. „Es ist gut, dass der Übergang nicht von heute auf morgen ist, sondern gleitend“, sagt Mutzke. Der 43-jährige Entwicklungsingenieur für Medizintechnik ist ein entfernter Verwandter von Annelies Bennewitz. „Er trägt das gleiche Heimatforscher-Gen in sich wie ich“, sagt sie lächelnd. Auf Familienfeiern seien sie sich oft begegnet und hätten sich gern über Geschichte unterhalten. Schon damals keimte in der Ortschronistin die Hoffnung, dass der junge Mann mal ein Kandidat für ihre Nachfolge sein könnte. Nun hat sich der Familienvater also entschlossen, ihr „Erbe“ anzutreten.

„Ich bin wirklich froh, dass die Orts-chronik weitergeführt werden kann“, sagt Annelies Bennewitz und fügt erleichtert hinzu: „Endlich, endlich!“ Schon kurz nach der Wende habe sie angefangen, einen Mitstreiter zu suchen, der ihre gemeinnützige Arbeit fortführen soll. Lange vergebens. „Es nutzt mir niemand, der nur ab und zu herkommt, um sich ein paar Bilder anzugucken“, so die 79-Jährige.

Als junge Frau trat sie in die Fußstapfen ihres Vorbildes Paul Reinhard Beierlein (1885-1975). Der gebürtige Vogtländer war Lehrer und anerkannter Heimatforscher. Für seine zahlreichen Werke über Orts-, Bergwerks- und sächsische Geschichte verlieh ihm 1966 die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin sogar die Leibniz-Medaille.

Nach der Bombardierung Dresdens kam Beierlein nach Weißig am Raschütz und war hier bis 1949 Schulleiter, ehe er nach Radebeul zog. In den vier Jahren, in denen er in Weißig lebte, befasste er sich intensiv mit dessen Geschichte und schrieb eine Ortschronik. 1962 schenkte er sie seiner ehemaligen Schülerin Annelies Bennewitz. Wahrscheinlich ahnte er, dass die Chronik bei ihr in besten Händen ist.

Nun wird sie weitergegeben. Sie ist einer von Annelies Bennewitz größten Schätzen. Dazu gehört auch ein vergilbtes Protokollbuch, dessen erster Eintrag von 1839 stammt. Damals wurden die feudalen Lehnsgüter abgeschafft und die ersten eigenständigen Gemeinden gegründet. Das erste Protokoll vom April 1839 hält das Ergebnis der ersten freien Kommunalwahlen von Weißig am Raschütz fest. Dana Wiedemann hat einen passenden Vergleich parat: „Dieses Buch ist für Weißig, was die Unabhängigkeitserklärung für die Amerikaner ist.“