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Anschaffen auf dem Parkplatz

Zehntausende Frauen werden in Deutschland zur Prostitution gezwungen. Viele stammen aus Osteuropa.

© dpa

Von Leticia Witte, Frankfurt (Oder)

Angelockt wurde die junge Bulgarin mit einem falschen Versprechen: Ein Bekannter bot ihr einen Job in einem Restaurant in Deutschland an. Die Frau Anfang 20 kam allerdings nie in dieser Küche an – sondern landete in einem Bordell. „Sie musste sich prostituieren“, sagt Margarete Muresan. Sie berät Opfer von Menschenhandel sowie Frauen, die ihre Körper verkaufen. Geholfen hat sie auch der Bulgarin, die über Polen nach Deutschland kam und in der brandenburgischen Grenzregion zu Sex gezwungen wurde.

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Deutsche Orte in unmittelbarer Nachbarschaft zu Polen sind oft die erste Anlaufstelle für Frauen aus Weißrussland, der Ukraine und anderen osteuropäischen Staaten. Das war schon in den 1990er-Jahren nach den politischen Umbrüchen im Osten so, wie Barbara Eritt sagt. Sie arbeitet wie ihre Kollegin Muresan bei „In Via“. Der Verband des Erzbistums Berlin macht Sozialarbeit für Mädchen und Frauen.

In Deutschland wird seit Wochen über käuflichen Sex diskutiert. Union und SPD wollen in der Großen Koalition den Kampf gegen Zwangsprostitution auch mit mehr Kontrollmöglichkeiten in Bordellen verstärken. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig sagt, die Reform sei „eine der ersten Aufgaben, die die Bundesregierung angehen muss“. Die Ausbeutung der betroffenen Frauen dürfe nicht so bleiben. Anders als in Frankreich solle die legale Prostitution erlaubt bleiben. Das sieht auch der CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl so: „Eine generelle Bestrafung von allen Freiern wird nicht erwogen.“

Manche Schätzungen gehen von rund 400.000, andere von deutlich mehr Prostituierten bundesweit aus – darunter sind viele Osteuropäerinnen. „Die Szene ist wahnsinnig dynamisch“, erklärt Eritt. In den 1990er-Jahren hätten viele polnische Prostituierte zunächst im Bundesland Brandenburg gearbeitet, danach seien es auch Ukrainerinnen und Weißrussinnen gewesen. Nach wiederholten Kontrollen hätten die Frauen dann ihre Dienste kurz hinter der Grenze auf polnischer Seite angeboten. Das ist auch heute noch der Fall. Die Kundschaft kommt oft genug aus Deutschland. „In Polen müssen Freier weniger bezahlen.“

Die Debatte hierzulande kreist auch darum, ob Frauen freiwillig anschaffen gehen oder nicht. „Wir müssen immer zwischen Prostitution und Menschenhandel unterscheiden“, betont Eritt. Muresan ergänzt: „Es gibt Frauen, die es machen, auch wenn sie eine Alternative hätten.“ Darüber hinaus gebe es andere, die sich in einer Notlage wie Armut prostituierten. „Die Freiwilligkeit ist relativ. Die Frauen stehen unter einem Wirtschaftszwang.“ Und es gebe die Zwangsprostitution, von der auch deutsche Frauen betroffen sein könnten.

Aus Angst nicht angezeigt

Auch die Bulgarin, deren Schicksal Muresan beschreibt, arbeitete unter Zwang. Nachdem sie in Brandenburg anschaffen musste, wurde sie nach Berlin gebracht. Als Polizisten im Jahr 2012 ein Bordell kontrollierten, konnte sich die Frau nicht ausweisen. „Sie sagte, dass sie nicht freiwillig dort ist“, erklärt Muresan. Die Beamten alarmierten „In Via“. Am Ende erstattete die Frau Anzeige. „In Via“ berät nicht nur Frauen in Berlin. Die Mitarbeiterinnen fahren auch zum Straßenstrich in Fürstenwalde und zu den Bordellen in Slubice bei Frankfurt (Oder).

Nach Angaben des Brandenburger Landeskriminalamtes gab es 2012 sechs bekannt gewordene Fälle, in denen Prostituierte ausgebeutet wurden. Hinzu kommt ein erfasster Fall von „Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung“. Muresan betont, dass das nicht heiße, dass es keine weiteren Fälle gegeben habe. Es gebe Zwangsprostituierte, die sich gar nicht bei der Polizei meldeten – aus Scham oder Furcht.

„Wir vertreten die Meinung, dass die Bestrafung von Freiern nicht zugunsten der Frauen geht“, betont Muresan. So werde die Prostitution nicht verschwinden, sondern statt in Bordellen verstärkt illegal in Wohnungen betrieben. „Illegalisierung bedeutet Kriminalisierung“, sagt die Mitarbeiterin von „In Via“. (dpa)