merken

Gerettet durchs Anti-Doping-Labor

Mit Haartests wird in Kreischa ein positiver Befund aufgeklärt. Der Institut-Chef beklagt neuen Trend unter Betrügern.

© dpa/Vio Dudau

Von Jochen Mayer

An Arbeit mangelt es Anti-Doping-Laboren weltweit nicht. „Es ist immer mehr geworden“, sagt Dr. Detlef Thieme. Der Chef des Instituts für Dopinganalytik und Sportbiochemie in Kreischa verweist auf die zeitweise sieben Labore in aller Welt, die vergangenes Jahr suspendiert waren. Damit lagen 20 Prozent der Analysekapazitäten brach. So schnellte die Zahl der Analysen in Kreischa von rund 8 000 auf über 11 000 im Vorjahr, Tendenz steigend.

Anzeige
Gemeinsamer Aufruf der sächsischen Krankenhäuser und der Staatsregierung
Gemeinsamer Aufruf der sächsischen Krankenhäuser und der Staatsregierung

Freistaat schaltet Online-Portal zur personellen Unterstützung der sächsischen Krankenhäuser.

Detlef Thieme, Chef des Anti-Doping-Labors in Kreischa.
Detlef Thieme, Chef des Anti-Doping-Labors in Kreischa. © Robert Michael

Für Logistikunternehmen bleibt das Labor eine dankbare Adresse. Im Dresdner Vorland landen regelmäßig Proben aus Tschechien, Estland, Lettland, Weißrussland oder Kasachstan. Dabei betrieb Weißrussland schon ein eigenes Labor. Doch dort gemachte Ergebnisse landeten nicht bei Verbänden und Dopingagenturen. Das gehört aber zur Arbeitsweise der vom IOC zugelassenen Labore, „damit es Konsequenzen geben kann“, erklärt Detlef Thieme. „Wenn positive Proben verheimlicht werden, wirkt das wie Ausreise-Kontrollen eigener Athleten.“ Die Welt-Anti-Doping-Agenur Wada reagierte verschnupft, verweigert den Weißrussen eine Anerkennung als IOC-Labor.

Wie viele Dopingfälle die Kreischaer im Vorjahr aufdeckten, kann Detlef Thieme nicht sagen. Zum einen sind unter den Proben auch Qualitäts-Tests – unangekündigte Prüfungen. Wer die nicht besteht, verliert die Zulassung. Zum anderen hatten sie Hunderte Meldonium-Fälle herausgefischt. Dabei stellte sich im Nachhinein heraus, dass das neu auf die Verbotsliste gekommene Herz- und Kreislaufmittel extrem lange nachweisbar ist. „Man tat sich in den Verbänden schwer mit Stichtagen und Sanktionen“, beklagt Thieme. „Das war kein Ruhmesblatt.“

Ihn kratzt es nicht an der Ehre, dass in Altproben von den Spielen in Peking und London immer wieder neue Dopingsubstanzen gefunden werden, meist Anabolika, nach denen einst schon mal gefahndet worden war. „Die Forschung macht es möglich“, sagt der Toxikologe, der bei den Spielen 2004, 2012 und 2016 im internationalen Olympialabor gearbeitet hatte. „Analysen werden ständig verfeinert, wir lernen dazu, wie der Körper Substanzen verstoffwechselt. Mit diesem neuen Wissen lassen sich Anabolika-Abbauprodukte immer länger nachweisen.“ Deshalb bleiben Altproben für Doper tickende Zeitbomben.

Ironischerweise machte das Moskauer Labor dabei bahnbrechende Entdeckungen. Es waren dieselben Experten, die bei den Winterspielen in Sotschi Proben verschwinden ließen. Detlef Thieme schüttelt den Kopf „über so viel Schizophrenie“, wie er findet. „Analytisch ist das großartig, um dann mit kriminellen Methoden alles einzureißen.“ Die Empörung sitzt tief, auch darüber, dass „man offenbar bald wieder zur Tagesordnung übergehen will“.

Wie weit verbreitet unter Athleten Manipulationen sein sollen, brachte unlängst eine Umfrage an den Tag, die zur Leichtathletik-WM 2011 in Daegu gemacht worden war. Gut die Hälfte aller Befragten gab an, Erfahrungen mit Dopingmitteln zu haben. Also war die Hälfte der Athleten gedopt? „Ein klassischer statistischer Fehlschluss“, kontert Detlef Thieme. „Viele normale Medikamente stehen auf der Dopingliste. Die Frage hätte sein müssen, ob die Mittel zum Zwecke der Leistungssteigerung genommen worden sind.“ So gehörte Coffein mal ab einer bestimmten Menge zu den verbotenen Substanzen. Schwimmerin Sylvia Gerasch wurde Kaffee zum Verhängnis. Inzwischen ist die Stimulanz von der Liste verschwunden. Gleiches passiert gerade mit Alkohol, der ab 1. Januar 2018 nicht mehr auf der Verbotsliste stehen wird, Ausnahmen dürften Schützen und Motorsportler sein. Für alle anderen hat Alkohol keine Bedeutung zur Leistungssteigerung.

Doping ist nicht gleich Doping für den Laborchef, für den es ein Riesenunterschied ist, ob jemand mit geächteter Substanz aus Grippe-, Haarwuchs- oder Nahrungsergänzungs-Mitteln erwischt wurde, oder ob ein systematischer Doper in die Falle ging. „In Statistiken und der öffentlichen Wahrnehmung landen aber alle in einen Topf“, beklagt Thieme. „Und populäre Sportler stehen schnell am Pranger, während gleiche Befunde bei viertklassigen Fußballern kaum wahrgenommen würden. Diese Skandalisierung widerspricht juristischen Grundprinzipien.“

Der 59-Jährige registrierte einen üblen Trend unter Sport-Betrügern: synthetische Substanzen, die im Körper zum Beispiel wie Testosteron wirken, ohne dass sie ihm chemisch ähneln. „Davon gibt es unglaublich viele Varianten, teils einfache Chemikalien. Diese experimentellen Designerdrogen sind verbreitet im Volkssport oder beim Bodybuilding.“ Sie halten als Ersatz her für Anabolika, Wachstumshormone, Epo. Diese Drogen sind hochriskant, weil Nebenwirkungen meist unbekannt sind. „Von diesen Substanzen gibt es immer wieder neue“, beklagt Thieme. „Sie zu analysieren, ist problematischer als bei Medikamenten, über die es Dokumentationen gibt. Darauf kann man sich einstellen. Man muss wissen, wonach man sucht.“

Detlef Thieme reiste am Sonntag nach Peking zu einem Anti-Doping-Kongress. Dort sind auch Kreischaer Erfahrungen bei der Entlastung von Athleten gefragt wie bei Dimitri Owtscharow. Der Tischtennis-Olympiazweite war 2010 positiv auf das anabole Kälbermastmittel Clenbuterol getestet worden. Die deutsche Nummer zwei konnte sich das nur durch verseuchtes Fleisch erklären. Parallelproben seiner Teamgefährten sowie Haaranalysen bestätigten seine Erklärung.

„Er hatte es nicht dauerhaft genommen“, legt sich Detlef Thieme fest und klingt stolz, denn Kreischa ist weltweit führend beim Thema Haaranalysen, forscht dazu systematisch. „Langes Haar bietet eine phantastische Matrix, da lässt sich chronologisch nachweisen, wer wann was genommen hat. Zwar waschen sich manche Substanzen mit der Zeit aus. Clenbuterol und Kokain beispielsweise nicht, das bleibt immer im Haar.“ Diese Erfahrungen nutzen auch Staatsanwaltschaften in Drogenverfahren. Dem Kreischaer Institut geht die Arbeit auch künftig nicht aus.