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Die Baustoff-Revolution

Gerade entsteht in Dresden das erste Haus komplett aus Carbonbeton. Einer seiner geistigen Väter hat große Ziele für das Material.

Stilecht am Tisch aus Carbonbeton empfängt Manfred Curbach, Professor für Massivbau an der TU Dresden, seine Gäste. Doch der Baustoff kann deutlich mehr als nur rumstehen. Er verändert das Bauen.
Stilecht am Tisch aus Carbonbeton empfängt Manfred Curbach, Professor für Massivbau an der TU Dresden, seine Gäste. Doch der Baustoff kann deutlich mehr als nur rumstehen. Er verändert das Bauen. © Foto: Thorsten Eckert

Die Zukunft steht mitten im Büro. Viel Platz bietet sie und eine durchaus ansprechende Optik. Wenn Gäste kommen, ist sie gefragt. Oder auch einfach mal so zum Schreiben oder Lesen. Dass der große Tisch in Manfred Curbachs Arbeitszimmer aus Carbonbeton besteht, ist fast schon Ehrensache. Schließlich gilt der Professor für Massivbau als einer der geistigen Väter dieses neuartigen Materials, das das Bauen der Zukunft revolutionieren soll. In Dresden entsteht aktuell quasi das Meisterstück. Nicht nur seins, sondern das vieler Menschen, die das Thema Carbonbeton schon lange Zeit an der TU Dresden erforschen und begleiten. „Cube“ heißt das Haus, das gerade zwischen Zelleschem Weg, Fritz-Foerster-Platz und Einsteinstraße in Dresden gebaut wird. Es ist ein riesiges Labor, ein Testlauf in ungewöhnlichem Design. Mit ihm soll erprobt werden, ob der Carbonbeton beim Hausbau auch hält, was seine Rezeptur verspricht.

Der Werdegang von Manfred Curbach verlief erst einmal klassisch. Anfang der 1980er-Jahre Bauingenieurstudium an der Technischen Universität Dortmund. Danach Forschung in den USA und Promotion an der Universität Karlsruhe. „Im Herzen bin ich durch und durch Wissenschaftler“, sagt er. Doch da ist noch etwas anderes in ihm, eine Neugier auf Neues, die Nahrung braucht. Im Jahr 1994 kommt er als Professor für Massivbau an die TU Dresden. In den folgenden Jahren spielen die Themen Textil- und Carbonbeton eine immer größere Rolle in seiner Arbeit. Gemeinsam mit Kollegen geht er der Frage nach, welcher Werkstoff das Erbe des Stahlbetons antreten könnte. Im Jahr 1999 wird dazu an der TU Dresden ein Sonderforschungsbereich eingerichtet, dessen Sprecher er wird: „Ich habe anfangs nicht gedacht, dass sich daraus ein solch großes Betätigungsfeld entwickelt.“ Curbach ist nicht mehr nur Wissenschaftler, er wird zum Vermittler zwischen Forschung und Baupraxis.

Durchhalten und immer wieder von den Vorzügen erzählen

Carbonbeton soll eine völlig neue Art des Bauens ermöglichen. Der Grund dafür liegt in seinem Innern. Dort befinden sich Kohlenstofffasern, die durch ein spezielles Legeverfahren ein Gitter bilden. Gegenüber Stahlbeton ein absoluter Vorteil: Das Material rostet nicht. Seine Erfinder sprechen von einer Haltbarkeit von 200 Jahren. Rundherum schützen wenige Zentimeter dünne Schichten Beton das Innenleben – und sind dennoch extrem stabil. Bis zu 80 Prozent der für Beton notwendigen Materialien Zement, Kies, Sand und Wasser können dadurch eingespart werden. Ressourcenschonendes Bauen bei einem geringeren CO2-Ausstoß ist somit kein Problem mehr.Dass es dauern wird, bis sich der Baustoff durchsetzt, darüber ist sich Curbach durchaus im Klaren. Auch wenn er im Jahr 2016 zusammen mit seinen TUD-Kollegen Chokri Cherif und Peter Offermann den Deutschen Zukunftspreis für ihr Engagement in Sachen Carbonbeton bekam – es bleibt wichtig, immer wieder von den Vorzügen des neuen Baumaterials zu berichten. „Der Stahlbeton wurde um 1850 entwickelt“, erzählt der Leiter des Instituts für Massivbau. „Aber erst um 1900 begann sein Siegeszug.“ Es brauche also einen langen Atem.

Reallabor in moderner Optikent steht mitten in Dresden

Der Cube soll die Vorzüge sichtbar machen. Im Jahr 2022 wird er eröffnet. Er besteht aus zwei Teilen. Die sogenannte Box ist bereits fertig. Das würfelartige Gebäude ist zusammengesetzt aus Serienelementen, die im Betonwerk Oschatz aus Carbonbeton hergestellt wurden. Andere Bereiche des Hauses entstanden durch Betonspritz-Verfahren. Besonderer Hingucker: die geschwungene Dachkonstruktion, der sogenannte Twist. Solch ein wellenartiges Element aus einem Stück funktioniert nur dank des Carbonbetons. Völlig neue Möglichkeiten für Architekten und Bauherren.Der Cube ist ein großes Reallabor. Wenn er fertig ist, werden Curbach und seine Mitstreiter genau hinschauen, wie sich die baulichen Elemente verhalten. Insgesamt 130 Bauprojekte in acht Ländern hat es vorher laut des Forschers mit Carbonbeton bereits gegeben, die ersten haben die TUD-Experten noch begleitet. Wenn in Dresden bald das erste Haus komplett aus Carbonbeton steht, werden sich Arbeitsweisen und -techniken mit dem Stoff weiter etablieren, ist der Professor überzeugt.

Neue Möglichkeiten für den Denkmalschutz

Aktuell arbeiten die TUD-Wissenschaftler an der ersten offiziellen Richtlinie für das Bauen mit Carbonbeton. Ist sie in hoffentlich naher Zukunft behördlich eingeführt, würde das vieles erleichtern. Curbachs Ideen gehen weiter: „Wenn für eine ökologische Bauweise künftig ein geringerer Steuersatz gelten würde, wäre das ein echtes Zeichen.“ Nicht nur private Bauherren würden dann sicherlich den Einsatz von Carbonbeton bevorzugen. Auch öffentliche Auftraggeber könnten profitieren. „Wir haben mit dem Baustoff gerade im Denkmalschutz wunderbare Möglichkeiten, Dinge zu tun, die keiner großen Eingriffe in die Substanz bedürfen.“ Ein paar Jahre bis zum Ruhestand hat Manfred Curbach noch. Sein Ziel bis dahin: „Ich würde es gern schaffen, dass der Carbonbeton ein Selbstläufer wird.“ Wird er in großen Mengen eingesetzt, sinken die Preise. Durch den sparsamen Einsatz von Rohstoffen sei er eine gute Alternative für das Baugeschehen in der ganzen Welt. Der Nachfolger des Stahlbetons ist bereit für seinen Siegeszug.

Jana Mundus