merken

Armer reicher Tankwart

Schein und Sein: Ein Dresdner Pächter gibt Einblick in sein Millionengeschäft.

© Ronald Bonß

Von Michael Rothe

Pünktlich zu Ostern kocht die Volksseele hoch: Wie zu Pfingsten und Weihnachten steigen die Benzinpreise – und mit ihnen der Ärger der Autofahrer. Alle Jahre wieder wird den Pächtern der Tankstellen abgekartetes Spiel unterstellt. Und Gier.

Anzeige
Aktuelle Stellenangebote der Region
Aktuelle Stellenangebote der Region

Sie sind auf der Suche nach einem neuen Job und wollen in der Region bleiben? Diese Top Unternehmen der Region Löbau-Zittau bieten attraktive freie Stellen an.

Andreas Seifert ist so ein Raffzahn. „Tanke ist geil“, sagt er. Der 58-Jährige führt seit 14 Jahren eine Station in Dresden, ist Chef von sechs Angestellten und noch mal so vielen Lehrlingen und macht mit Sprit, Laden, Autowäsche und -vermietung ein Millionengeschäft. Vor der grünen HEM-Tankstelle steht sein dicker Audi.

Dennoch hatte Seiferts Sohn keinen Bock auf den Job. Er weiß mehr als die Öffentlichkeit: Den Millionenumsatz macht Vater für die Deutsche Tamoil, Ableger eines libyschen Multis mit Raffinerie in Hamburg und hierzulande 400 Tankstellen. Das Auto vor der Tür ist „ein gebraucht gekaufter, zehn Jahre alter A6“. Mit ihm pendelt er jeden Tag 120 Kilometer von und nach Riesa, um bis zu 60 Stunden pro Woche am Rechner zu sitzen, Regale einzuräumen, hinterm Tresen zu stehen. Außer der Ware im Lager gehört ihm: nichts. Pächter wie Seifert verdienen im Schnitt 40 000 Euro im Jahr, „und da gehen noch Steuern und Sozialabgaben ab“. Pro verkauftem Liter Kraftstoff bekämen sie von den Konzernen im Schnitt einen Cent. „Die Provision deckt nicht mal die Personalkosten – und das ist unanständig.“ Immerhin könne er seinen Leuten, anders als branchenüblich, mehr als den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 Euro zahlen.

Wer Millionär werden will, muss sich eine andere Arbeit suchen. Im Auftrag des Tankstellen-Interessenverbands (TIV) hatte die Leipziger IM Field GmbH 2017 bundesweit die Stimmung in der Branche untersucht. In Auswertung der repräsentativen Umfrage spricht der TIV von „schockierenden Ergebnissen“. Demnach braucht jeder Fünfte vom Ölkonzern einen Zuschuss von im Schnitt 19 000 Euro pro Jahr, um über die Runden zu kommen. Ein Drittel sei von Altersarmut und Insolvenz bedroht. Der Verband, Sprachrohr von 720 Mitgliedern in Deutschland mit rund 1 000 Tankstellen, sieht eine „Abhängigkeit, die an Leibeigenschaft erinnert“, Zukunftssorgen und „kaum Perspektiven für den Nachwuchs“.

Dabei sollte alles besser werden. Auf Initiative des damaligen Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) hatten sich die Verbände der Tankstellenunternehmen mit denen der Betreiber 2015 auf einen Verhaltenskodex verständigt. Mit ihm sollte „ein Rahmen für ein faires und konstruktives Miteinander gesetzt werden“. In dem Papier, das mindestens bis Ende 2019 gilt, ist von „vertrauensvoller Zusammenarbeit“ die Rede und davon, „Marktchancen gemeinsam zu nutzen, damit der Tankstellenpächter ein angemessenes, existenzsicherndes Einkommen erreichen kann“.

Für Mitunterzeichner und TIV-Geschäftsführer Jochen Wilhelm ist der Kontrakt drei Jahre später gescheitert. „Die Öl-Multis haben versagt“, sagt er. Sie verdienten an jeder Stelle mit, kontrollierten vor allem das Shop-Geschäft und verhinderten echtes Unternehmertum. „Sie unterstellen, dass der Handelsvertreter seinen Mitarbeitern nur den gesetzlichen Mindestlohn zahlt“, ergänzt TIV-Sprecher Herbert W. Rabl. „Wenn so ein Pächter am 1. Januar die Tür aufschließt, hat der Konzern für das Jahr schon 200 000 Euro verdient.“ Deshalb müsse die Bundesregierung den Konzernen „Fußfesseln in Gestalt einer Mindestprovisionsverordnung nach dem Handelsgesetzbuch anlegen“, fordert der Verband. Ihm schweben zwei Cent pro Liter vor. Nur so könne das Ausbluten insbesondere auf dem Land verhindert werden. Das Tankstellengeschäft in Deutschland sei „einer der am härtesten umkämpften Wettbewerbsmärkte“, sagt Alexander von Gersdorff, Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbands (MWV) mit Sitz in Berlin. Die Ölgesellschaften selbst verdienten „durchschnittlich nur ein bis zwei Cent je verkauftem Liter“. Er liest die TIV-Umfrage anders: Mehr als die Hälfte der Befragten sage, ihre Situation sei gleich gut oder besser als 2015. „Aus unserer Sicht lässt sich dieses Bild nicht als prekäre Lage der Pächter bewerten“, schlussfolgert der Sprecher.

„Die Hilferufe der Pächter sind verständlich“, entgegnet Mine Burcu Gürsel. Nach Angaben der Mobilitätsexpertin der Ratingagentur Scope bleiben den Pächtern bei einer Arbeitswoche von 40 bis 60 Stunden und abhängig vom Bundesland Brutto-Monatsgehälter zwischen 2 000 und 2 800 Euro. Damit „ist es den meisten gar nicht möglich, Rücklagen zu bilden oder auch mal eine höhere Investition zu tätigen“, so die Analystin. Jetzt würden viele Pächter ihr Zusatzgeschäft ausweiten, um Geld zu verdienen – müssten aber auch dort die Konzerne umsatzabhängig honorieren.

Für Gürsel ist die Forderung der Pächter nach Mindestprovision „nachvollziehbar“. So hätten sie monatlich eine Summe, mit der sie rechnen könnten. Der Markt würde einen um zwei Cent höheren Preis hergeben. „Als das Barrel (159-Liter-Fass) über 100 Dollar gekostet hat, ist die Nachfrage auch fast gleich hoch geblieben“, sagt sie.

„Die zwei Cent wird es nie geben“, prophezeit Elmar Kühn, Chef des Verbands Uniti, der mit 1 300 Mitgliedern 90 Prozent der mittelständischen Mineralölunternehmen repräsentiert. Er nennt den Aufschrei des kleinen TIV „Mitgliederwerbekampagne“. Mit den größeren Tankstellenverbänden BTG und ZTG sei man sich einig – wie vorige Woche bei einem Treffen im Bundeswirtschaftsministerium. Er argumentiert ähnlich wie die Lobbyisten der Großkonzerne und verweist auf die infolge des Verhaltenskodex 2016 gestartete Schiedsstelle bei der Industrie- und Handelskammer in Hagen. Dort könnten sich Betreiber bei Streits melden. Wie im Westfälischen zu erfahren war, wurde in zwei Jahren „nur ein Verfahren per Vergleich erfolgreich abgeschlossen“. In den vergangenen Monaten habe es noch drei Anfragen gegeben.

Für Andreas Seifert ist das kein Beweis für Friede-Freude-Eierkuchen. Der Tankstellenpächter spricht von verbreiteter Angst, aufzumucken – aus Angst, gekündigt zu werden. Uniti-Sprecher Kühn spricht hingegen von Bewusstseinswandel und der Erkenntnis – wir sitzen alle in einem Boot. Nur ist es wohl so: Die einen rudern, die anderen angeln.