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Der Bunker als Schaufenster

Ein Großenhainer kaufte sich ein Stück vom Flugplatz mit zwei sowjetischen Bunkern. Er hat Sensationelles erforscht.

Von Ulf Mallek

Großenhain. Die olivgrün und gerade wieder neu gestrichene tonnenschwere Stahltür öffnet sich langsam. Sie gibt den Blick frei auf einen Vorraum und die nächste Tür. Dahinter verbirgt sich ein langes, in Großenhain gut gehütetes Geheimnis: der Bunker Granit 1. Er steht mitten auf dem Flugplatz-Gelände und wurde von der Sowjetarmee zwischen 1972 und 1974 gebaut. 26 Meter lang, dicke Betonwände, so konstruiert, dass sie extremen Druck von innen aushalten. „Hier drin standen keine Flugzeuge“, sagte der Besitzer Marcel Reichel, „sondern hier lagerte schwere, bunkerbrechende Spezial-Munition für die sowjetischen Jagdbomber.“ Möglicherweise auch nukleare Freifallbomben. Wer weiß das schon so genau. Die Sowjetsoldaten, die hier arbeiteten, wurden die Taubstummen genannt. Nichts hören, nichts sagen. Sehen durften sie aber.

Zeichnung: Mario Lars

Marcel Reichel hat mitten im Bunker ein Modell des Großenhainer Flugplatzes aufgebaut. Die beiden Bunker Granit 1 und Granit 2, die Reichelt vor zehn Jahren zusammen mit rund 6000 Quadratmeter Boden vom Freistaat gekauft hatte, stehen nicht allzu weit weg von der Startbahn und den Sheltern (früher hießen sie Rundbogendeckung) für die Flugzeuge. In den 80er Jahren arbeiteten 6000 bis 8000 Sowjetsoldaten auf dem Flugplatz. Sie betreuten 40 Jagdbomber vom Typ Suchoi Su 24.

Russische Lösung

Reichel hat diese Zeit in seinem Bunker Granit 1 akribisch dokumentiert. Er beherbergt jetzt ein Museum. Granit 2 ist noch Baustelle. Viele Exponate und Dokumente, vor allem Technik, Fahrzeuge, Uniformen, Alltagsutensilien, aber auch zehn große Schautafeln mit Informationen zur Flugplatzgeschichte von 1913 bis heute sind ausgestellt.

Außerdem hat Reichel einen Film über den Flugplatz produziert, den er den Besuchern im Bunker auch gern vorführt. Mindestens ebenso interessant sind die Geschichten, die Reichel sehr lebendig zu erzählen weiß. Zu einzelnen Exponaten wie die blaue Hutschachtel für die Piloten zur Verstauung ihrer Helme oder eine spezielle Abschirmvorrichtung für den Fernseher im Wohnzimmer der Großenhainer – genannt Russen-Killer -, damit die sowjetische Radartechnik nicht so sehr den Westempfang der Bürger stört.

Die stärkste Geschichte, die Reichel ausgegraben hat, betrifft den Zugverkehr. Die Eisenbahnlinie Dresden – Cottbus verläuft südlich vom Flugplatz. Der Streckenabschnitt dort wurde 1987/88 elektrifiziert. Experten hatten aber Bedenken. So dicht am Flugplatz? Was ist, wenn sich eine Maschine im Landeanflug bei schlechter Sicht im Fahrleitungsdraht verfängt? Die Lösung klingt sehr russisch: Auf einer Länge von 660 Metern wurde die Fahrleitung einfach weggelassen. Der Zug musste mit Schwung sehen, wie er über die antriebslose Strecke kommt. Die Zugführer erhielten vom sowjetischen Flughafen-Personal die Freigabe zur Durchfahrt, in beiden Richtungen, von Großenhain Cottbuser Bahnhof aus und von Lampertswalde aus. Man kann davon ausgehen, dass sie vorher ins Schwitzen gerieten. Doch passiert ist – trotz der ständigen Flugzeuglandungen nur drei Meter über den Gleisen - glücklicherweise nie etwas.

Kuschelige zwölf Grad Innentemperatur

Der 40-jährige Marcel Reichel sagt, er sehe seinen Bunker als eine Art Schaufenster, das uns das Früher so zeigt, wie es war. „Irgendwann sterben die alten Menschen und dann können wir niemanden mehr fragen“, sagt er. Reichel hält Kontakt zu ehemaligen sowjetischen Militärangehörigen, sie besuchen ihn, er besucht sie, sie schicken ihm kistenweise Dokumente, er schickt ihnen Material zurück. Kürzlich war er sogar in Moskau. Man lud ihn zur Geburtstagsfeier des 70. Gardepanzerregiments Zeithain ein. Der Kommandeur selbst sogar.

Reichel, der früher Steinmetz war und heute als Hausmeister bei der Stadt arbeitet, zahlt die Unterhaltung des Bunkers aus eigener Tasche. Die Stadt Großenhain stellt ihm ein paar Fördermittel bereit und Handwerker vor Ort helfen ihm beim Restaurieren. Im Moment wird am Dach gebaut. Doch das meiste übernimmt Reichel allein. Gerade hat er die Tarnfarbe erneuert. Großenhainer und Riesaer Amateurfunker, die ihre Antennen auf dem Bunker Granit 2 stellen durften, unterstützen ihn dabei. Etwas Geld nimmt er mit Führungen ein.

Im Bunker herrschen sommers wie winters die gleichen Temperaturen. Zwölf Grad. Falls Besucher an heißen Sommertagen eine Jacke vergessen haben sollten, stellt Reichel ihnen ein Kleidungsstück zur Verfügung. Einen atmungsaktiven Gorotex-Mantel aus Eselshaar. Reichel: „Der sowjetische Uniformmantel besteht aus gepresstem Filz aus Eselshaar und nimmt somit kein Wasser auf.“

Draußen am Eingang hängt eine Fahne, auf die Reichel erkennbar stolz ist: aufgehende Sonne, blauer Himmel, Schwinge und Propeller. Die Fahne der sowjetischen Luftstreitkräfte. Reichel: „Sie gehört doch auch zu Großenhain, zu unserer Region.“ Ein ehemaliger Sowjetsoldat hat kürzlich sehr anerkennend zu Reichels Arbeit gesprochen und gesagt: „Danke, dass Du unser Haus beschützt.“