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„Auch Blinde wollen mobil sein“

Die Blindenampel in Königstein gehört zu den modernsten überhaupt. Sogar China ist an der Technik interessiert.

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© Kristin Richter

Von Carina Brestrich

Königstein. Er ist klein, rund, und passt in jede Hosentasche: der Chip, mit dem Sehbehinderte die neue Blindenampel am Reißigerplatz in Königstein bedienen können. Ab sofort ist der Handsender in der Touristinfo des Tourismusvereins Elbsandsteingebirge erhältlich. Er hilft Sehbehinderten, die Lautstärke des Klicksignals zu regulieren und so besser zur Ampel zu finden. Zuletzt hatte die Anlage für Diskussionen gesorgt. Denn das in Sachsen bislang einmalige System ist noch recht unbekannt. Außerdem braucht es entweder den Chip oder eine Handy-App, um die Anlage lauter zu stellen. Die SZ sprach mit Rudolf Broer. Er ist Geschäftsführer der Firma RTB aus Bad Lippspringe bei Paderborn. Das Unternehmen ist Marktführer in der Herstellung von Blindentechnik für Ampeln und produziert die Chips.

Rudolf Broer ist Orientierungs- und Mobilitätslehrer und Geschäftsführer der Firma RTB aus Bad Lippspringe bei Paderborn.
Rudolf Broer ist Orientierungs- und Mobilitätslehrer und Geschäftsführer der Firma RTB aus Bad Lippspringe bei Paderborn. © privat

Herr Broer, wie sind Sie auf die Idee mit dem regulierbaren Ortungssignal gekommen?

Vor vier Jahren haben wir mit der Universität der Bundeswehr in Hamburg ein Forschungsprojekt gestartet. Damals ging es um die Orientierung von Blinden im öffentlichen Raum. Dabei haben uns die befragten Kommunen häufig berichtet, dass immer mehr Blinde auch schlecht hören und deshalb die Signale, die Blinden zum Beispiel an den Ampeln helfen, gern lauter hätten.

Für wen also ist Ihre Technik gedacht?

Der Chip ist genauso wie die App eine Zusatzfunktion für Blinde, die auch Probleme mit dem Hören haben. Die Blinden werden wie Sehende immer älter, haben dann Probleme mit dem Hören. Dennoch wollen sie mobil bleiben und sind deshalb auch an neuen Hilfsmitteln interessiert.

Aber nicht jeder Blinde ist hörbehindert und nicht jeder hat ein Smartphone. Auch der Chip ist noch nicht verbreitet. Um das Klicksignal lauter stellen zu können, braucht es Handy oder Chip aber. Wie soll das gehen?

Nein, ganz so ist es nicht. Die Ampel sollte für Blinde ohne Hörschwäche auch ohne Smartphone oder Chip auffindbar sein. Das dauerhafte Klicksignal, über das Sehbehinderte überhaupt zur Ampel finden sollen, muss also trotzdem laut genug eingestellt sein. Dafür gibt es auch Normen. So sollte sich der Grundton nicht nur den Umgebungsgeräuschen anpassen, also automatisch lauter und leiser werden, sondern auch in einem Umkreis von 4,50 Metern hörbar sein.

In dicht besiedelten Wohngebieten, wo Anwohner durch das Geräusch gestört werden könnten, sind Ausnahmen möglich. Für solche Fälle eignet sich zum Beispiel der Chip oder die App. Blinde, aber nicht unbedingt schwerhörige Menschen können die Ampel damit lauter regulieren.

Der Kreisblindenverband hatte auch die vielen Touristen angeführt, die in Königstein unterwegs sind. Wie sollen sie von der Ampel und ihrer Bedienbarkeit wissen?

Wenn stark sehbehinderte Menschen in den Urlaub fahren, sind sie selten ohne Begleitperson unterwegs. Für diese Zielgruppe ist die Technik auch nicht in erster Linie gedacht. Vorrangig soll sie Einheimischen bei ihren täglichen Wegen helfen. Wer als Blinder allein unterwegs ist, der nutzt erfahrungsgemäß auch ein Handy zur Orientierung.

Wo macht die Technik Sinn?

Sie lässt sich vielfältig einsetzen. In Wohngebieten genauso wie an öffentlichen Plätzen. Das Problem vor der Anschaffung solcher Technik ist immer die Diskussion, wie vielen Menschen die Ampel am Ende hilft. Aber solche Zahlen lassen sich in meinen Augen schwer benennen. Ich finde, es hat sich schon gelohnt, wenn nur einem geholfen ist. Solche Fälle kenne ich auch. Ich weiß beispielsweise um eine blinde Frau, die in einem Wohngebiet wohnt und mit dem Bus zur Arbeit fährt, dafür aber über eine Straße muss. Für sie wurde die Ampel dort mit der neuen Technik ausgestattet.

Wie verbreitet ist Ihre Technik bisher?

Neben Königstein laufen bundesweit derzeit etwa 15 Versuchsanlagen, etwa in Kassel oder Schweinfurt. Wir haben außerdem schon Anfragen aus vielen deutschen Großstädten. Nachdem wir das System in Amsterdam bei der Intertraffic – einer Messe für Verkehrsmanagement und Infrastruktur – vorgestellt haben, ist auch das internationale Interesse groß. Wir haben schon Mails aus Belgien und sogar aus Hongkong bekommen.

Königstein ist die erste Ampel dieser Art in Sachsen. Solche Systeme machen am Ende nur Sinn, wenn sie über kurz oder lang Verbreitung finden, oder?

Das stimmt. Es braucht ein einheitliches System. Deshalb legen wir unsere Zahlen und Daten auch gern offen. Es nutzt keinem etwas, wenn jeder Ampeltechnik-Hersteller sein eigenes System entwickelt. Sonst würden es die Kommunen und Verbände nicht nachfragen. Wir rühren auch schon die Werbetrommel für die Technik, stellen unser System bei den Blindenverbänden vor. Vor Kurzem war ich in Zwickau und habe mich mit dem sächsischen Blindenverband getroffen.

Aber dafür darf auch die Aufrüstung der Ampeln nicht zu teuer sein.

Ist sie auch nicht. Bei Ampeln, die bereits mit einem akustisch-taktilen Signal arbeiten, muss lediglich eine Leiterplatte installiert werden. Die Kosten dürften dafür bei schätzungsweise 200 Euro liegen. In meinen Augen eine verkraftbare Summe.

Und der Chip selbst?

Der Chip gehört zu unseren neuesten Entwicklungen, ist noch gar nicht richtig auf dem Markt, und wird auch noch weiterentwickelt. Preislich soll er deutlich unter 100 Euro kosten. Wir wollen mit den Hilfsmittelzentren der Blindenverbände kooperieren, über die die Chips dann erhältlich sein werden.

Für Fragen und Infos kann man sich per Mail an die Firma RTB wenden.

Der Chip ist gegen Vorlage eines Nachweises über die Sehbehinderung in der Touristinformation des Tourismusvereins Elbsandsteingebirge, Bahnhofstraße 1, in Königstein erhältlich.