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Auf der Spur der Anti-Terrorsteine

© Robert Michael

Mario Nestler muss die Website erneuern. Sein Betonklotz hat ein neues Anwendungsgebiet.

Von Michael Rothe

Terrorabwehr? Eigentlich ist der mobile Nestler-Block für Brandschutzwände, Schüttgut- und Lagerboxen, ja ganze Hallen, oder für den Lärm-, Sicht- und Hochwasserschutz vorgesehen. So steht’s auf der Website der Dresdner H. Nestler GmbH & Co. KG. Nun liegen ihre hellgrauen Betonquader zuhauf in der Landeshauptstadt: an Elbufer, Landtag, Flaniermeilen und Plätzen der Landeshauptstadt – dort, wo am 3. Oktober Hunderttausende die deutsche Einheit feiern. Als „Nizza-Sperren“ blockieren sie die Zufahrtswege zum Fest.

Eigentlich sind die Betonsteine Stapelware. Hier fertigt Heiko Wagner, Leiter der Mischanlage von Nordmineral Recycling in Dresden, ein neues Teil. © Matthias Rietschel

1 400 solcher Blöcke hat Dresdens Polizeidirektion gemietet – laut Sachsens Innenministerium ohne Ausschreibung. Produziert werden die XXL-Lego-Teile von der Nestler-Tochter Nordmineral Recycling am Dresdner Heller: 40 Stück pro Tag. Die schwersten Blöcke, 160x80x80 Zentimeter große Quader, wiegen zwei Tonnen. Die Blöcke – im Sortiment sind sieben verschiedene Elemente – bestehen zu zwei Dritteln aus Recyclingmaterial. „Deponieraum ist knapp“, sagt Konzernchef Mario Nestler. „Das ist unser Beitrag, das Kreislaufwirtschaftsgesetz mit Leben zu erfüllen“, so der gelernte Instandhaltungsmechaniker. Eigentliche Herausforderung sei nicht die Produktion gewesen, vielmehr die Verteilung der Schwergewichte in der Stadt – mit 117 Fuhren zu je zwölf Steinen. Die Ur-Idee für das flexible Bausystem der ineinandergreifenden Stapelblöcke kommt aus Holland. Nestler habe drei Jahre getüftelt, wie sich dazu auch Ziegel- und Betonbruch nutzen lässt, sagt der Chef. Das Ergebnis habe die Zulassung als Betonstein und eine Festigkeit von bis zu 35 Newton pro Quadratmillimeter. Das entspricht dem Druck von etwa 350 Kilogramm auf der Fläche von einem Quadratzentimeter.

Dabei ist Nestler zuerst als Containerdienst, mit Schüttgütern und Abbruch sowie im Tief-, Garten- und Landschaftsbau unterwegs und im Verwerten und Recyceln von Abfällen. Der Fuhrpark besteht aus rund 80 Lkw, zehn Transportern, 30 Baumaschinen und über 3 000 Abfallbehältern. Fünf Hektar Betriebsfläche mit fünf Abfallbehandlungsanlagen gehören ebenso zur Firmengruppe wie eine große Anzahl von Baggern, Radladern und mobilen Recyclinganlagen.

Mario Nestler führt den Familienbetrieb seit 1995 in vierter Generation. Sein Urgroßvater Paul Nestler hatte die Firma 1908 gegründet. Schon damals gehörten der Transport von Baustoffen und die Abfuhr von Müll und Bauschutt zum Leistungsumfang. Opa Curt und Vater Hans – er stellt das „H“ im Firmennamen – brachten den Gewerbebetrieb durch zwei Kriege und mit fünf Mitarbeitern, drei Zugmaschinen und 15 Kipphängern auch durch die DDR-Planwirtschaft. Mit einem gebrauchten Containerfahrzeug und zehn Containern auf Pump startete das Unternehmen nach der Wende in die Marktwirtschaft.

Zusatzjob für 160 000 Euro

Neue Standorte in Dresden-Nord und Coswig, neuer Firmensitz im Dresdner Osten, neue Geschäftsfelder wie Tiefbau sowie Garten- und Landschaftsbau, die Kooperation mit der Amand-Gruppe – es ging bergauf. Der Jahresumsatz kletterte auf gut 20 Millionen Euro, die Zahl der Mitarbeiter auf 250. Gleichwohl kämpft Nestler auf schwierigem und umkämpften Terrain.

Umso willkommener sind dann so unverhoffte Aufträge wie der zur Abwehr ungebetener Gäste, die, wie im Juli in Nizza, in mörderischer Absicht kommen. 86 Menschen waren gestorben, über 300 verletzt worden, als ein Islamist mit einem Lkw wahllos in die Menge fuhr. Man habe sich nach dem Anschlag entschlossen, die Einheitsfeier mit Betonsperren zu schützen, heißt es von der Polizeidirektion Dresden.

Ausgerechnet der 2014 geborene und trotz seiner Masse unscheinbar graue Nestler-Block wird nun berühmt – in der Kombination von Terrorabwehr und Jubelfeier zum Tag der deutschen Einheit. „Es macht schon stolz, dass wir bei einer so wichtigen Veranstaltung zur Sicherheit beitragen können“, sagt der 47-jährige Firmenchef. Auf seinen Rechnungen stehen laut Polizeidirektion Dresden insgesamt 160 000 Euro.

Neben der unverhofften Mehreinnahme ist der in Beton gegossene und in Dresden allgegenwärtige Firmenschriftzug auch Eigenwerbung. Nestler sucht laut Website dringend „echte Kraftfahrer“. Für das Innenministerium bleiben die Klötze ein Mietmodell. Außer dem „G-7-Zaun“ im Bestand der Polizeidirektion gebe es keine angekauften Betonwände, heißt es. Nach der Einheitsfete werden die Blöcke wieder eingesammelt – und ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt: als Bausteine für eine Umschlaghalle im Dresdner Norden.