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Auferstanden aus Ruinen

Die Sanierung des Komplexes Breite Straße 2 geht in den Endspurt. An der Fassade fallen bald auch die letzten Hüllen.

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© Kristin Richter

Von Thomas Möckel

Pirna. Architekt Michael Hamann von der Architektengemeinschaft „Milde + Möser“ steht im Hof des Gebäudekomplexes Breite Straße 2 in Pirna, aus einer Mappe zeiht er ein A4-großes Bild, darauf ist eine Ruine zu sehen. Putz blättert ab, in der Fassade fehlen Steine, Fenster sind kaputt, überall sprießt Unkraut, der Laubengang in der ersten Etage ist halb hinuntergebrochen. Nun aber ist vom Verfall der vergangenen Jahre kaum noch etwas zu erahnen.

Restauratorin Gisela Fuentealba legt alte Putzschichten frei.
Restauratorin Gisela Fuentealba legt alte Putzschichten frei. © Kristin Richter
Die Fassade an der B172 ist bereits zum Großteil gerüstfrei.
Die Fassade an der B172 ist bereits zum Großteil gerüstfrei. © Kristin Richter

Hinter Hamann erhebt sich jetzt ein fast fertig saniertes Ensemble, das Dach ist neu gedeckt, an den Wänden ist wieder Putz, der Laubengang – mal offen, mal geschlossen – ist aus dunklem Holz wiederentstanden. Zwischen dem Foto und der Realität liegen Welten – und eine recht schnelle Rekonstruktion, deren Finale kurz bevorsteht.

Bei der Sanierung der ehemaligen Posthalterei an der Ecke Breite Straße/B 172 gehen die Bauleute jetzt in den Endspurt. Dreiviertel der Arbeiten, sagt Hamann, sind abgeschlossen, zwei Millionen der insgesamt 3,4 Millionen Euro Baukosten sind bereits abgerechnet. Die Rekonstruktion liegt im Zeitplan, Ende Dezember soll alles fertig sein, damit im Januar Stadtentwicklungsgesellschaft (SEP) und Museumsdepot einziehen können. Der Weg zum neuen Domizil war allerdings nicht ganz einfach.

Jahrelang rottete das Gebäudeensemble vor sich hin, vor dem Sanierungsstart stießen die Fachleute auf größtenteils einsturzgefährdete Bausubstanz, von der Fassade war nicht mehr viel erhalten, alles befand sich in einem erbärmlichen Zustand.

Um die Häuser neu aufzubauen, sagt Hamann, mussten zunächst allzu bröselige Teile abgerissen werden, gut erhaltene Bauteile wurden ausgebaut, um sie später wieder zu integrieren. Einige Einbauten, beispielsweise die Treppe im Eingangsbereich, lagen in Einzelteilen verstreut im Hof. Die Sanierer sammelten mühsam alles ein und fügten es wieder zusammen. Dabei erwies sich die Sanierung als nicht ganz einfach, entpuppte sich der Hauskomplex doch als buntes bauhistorisches Sammelsurium. Die ältesten Baubefunde stammen aus dem 15. Jahrhundert, die letzten Eingriffe datieren aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das wieder hergerichtete Ensemble zeigt sich nun als Mix aus Barock, Gründerzeit und Moderne.

Direkt im barocken Eckhaus Breite Straße/B 172 wird künftig die SEP ihren Sitz haben. Im ersten Stock liegt das Foyer, dessen Decke wieder mit historischen Holzbalken verkleidet wird. In den Zwischendecken installieren die Handwerker eine ausgeklügelte Lüftungstechnik, um die Mitarbeiter mit Frischluft zu versorgen. So soll vermieden werden, dass sie die Fenster, die zur stark befahrenen Kreuzung zeigen, zum Lüften öffnen müssen. Direkt über dem Torbogen liegt das künftige Büro von SEP-Chef Christian Flörke, vom geschlossenen Laubengang geht es in die einzelnen Büros.

Fensterlos und klimatisiert

In dem neu gebauten Gebäudeteil wird im Januar auf drei Etagen das Depot des Stadtmuseums einziehen, es residiert dann auf einer Fläche von 850 Quadratmetern, alles klimatisiert und fensterlos, weil Sonne und UV-Strahlen die empfindlichen Exponate beschädigen könnten. Dieses Depot, sagt Museumschef René Misterek, sei ein riesiger Fortschritt, bis jetzt habe man stets mit Interimslösungen leben müssen, weil es ein solches Zentrallager nicht gab. In den Räumen werden nun spezielle Regalsysteme und Schränke installiert, schließlich gilt es, 80 000 Exponate unterzubringen. Das Depot wird später öffentlich nicht zugänglich sein, lediglich zwei Schaufenster geben einen kleinen Einblick. Eines wird als alte Schulstube eingerichtet, durch das andere können Neugierige in den Magazinraum schauen. Außen am Depot sind die Bauleute fast fertig, die Gerüste sollen schon Ende dieser Woche schrittweise abgebaut werden.

In 14 Tagen sollen auch die Hüllen am Eckhaus fallen. Derzeit sind Restauratoren damit beschäftigt, die Fassade wieder in die Vergangenheit zu versetzen. In einer eigens für die Farbwahl initiierten Abstimmung hatte sich die Mehrheit der Pirnaer für eine spätbarocke-illusionistische Farbvariante entschieden. „Wenn alles fertig ist, haben wir auf der Ecke wieder ein richtiges Schmuckstück“, sagt Hamann.

An der Fassade, die zur B 172 zeigt, sind die Gerüste inzwischen zum Großteil verschwunden. Der Gebäudeteil stammt aus der Gründerzeit, die Farbe der Außenhaut ist farblich den Befunden aus jener Zeit nachempfunden. Sie strahlt nun in Gelb – fast genauso gelb wie der Hunde-Netto nebenan. „Dass die Farben derart zueinander passen“, sagt Hamann, „ist aber wirklich rein zufällig.“