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Auffällig unscheinbar

Eine Familie aus Trebus spezialisiert sich auf Diebstähle von Fahrrädern. Damit hat im Dorf kaum einer gerechnet.

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© Polizei

Von Katja Schlenker

Trebus. Alles ist ganz schnell gegangen. Anfang August kommen Beamte der Polizei nach Trebus. Ihr Ziel: Ein Haus an der Dorfstraße. Dort lebt eine Familie mit polnischen Wurzeln. Großartig in der Öffentlichkeit aufgetaucht seien die vier Familienmitglieder nicht, erzählt ein Mann, der in der Nähe der Familie wohnt. Oft sollen sie bereits morgens im Dunkeln weggefahren und erst abends wieder zurück gekommen sein, wenn es schon wieder dunkel gewesen ist. Aufgefallen sind sie dennoch, weil mitunter viele Leute und zahlreiche Autos am Haus gestanden haben. Auch die Polizei soll mehrfach vor Ort gewesen sein. Und das bereits vor dem Tag im August.

In dieser Straße in Trebus hat die polnische Familie in einem Haus gewohnt. In den vergangenen Monaten haben sie unzählige Fahrräder gestohlen. Seitdem Polizeibeamte sie Anfang August gefasst haben, sitzen die vier Familienmitglieder in Untersuchungshaft.
In dieser Straße in Trebus hat die polnische Familie in einem Haus gewohnt. In den vergangenen Monaten haben sie unzählige Fahrräder gestohlen. Seitdem Polizeibeamte sie Anfang August gefasst haben, sitzen die vier Familienmitglieder in Untersuchungshaft. © André Schulze
Als die Polizei die Fahrraddiebe gefasst hat, sind auch zahlreiche Lager im grenznahen Raum in Polen ausgehoben worden.
Als die Polizei die Fahrraddiebe gefasst hat, sind auch zahlreiche Lager im grenznahen Raum in Polen ausgehoben worden. © Polizei

An dem kommt die Polizei nach Trebus, um die Familie zu verhaften. Denn diese ist höchstwahrscheinlich Teil einer Bande, die sich auf den Diebstahl von Fahrrädern und anderen Gegenständen im ostsächsischen Raum spezialisiert hat. Und das seit mindestens einem halben Jahr. Bereits seit mehreren Wochen sind die Beamten der Polizei der vermeintlichen Diebesbande auf der Spur gewesen. Anfang August greifen die Kriminalisten schließlich ein. Gemeinsam mit Kriminalpolizisten aus Zgorzelec haben sie die Eltern auf frischer Tat ertappt. Und zwar, als sie versucht haben, zwanzig gestohlene Fahrräder an einen Käufer in Zgorzelec zu verkaufen. Die Fahrräder sind von den Polizeibeamten sichergestellt worden.

Zur selben Zeit wird die Wohnung der Bande in Deutschland von Fahndern durchsucht. Dabei sind die beiden 19 und 21 Jahre alten Söhne aus der Trebuser Familie festgenommen worden. Da sei ganz schön was los gewesen, erzählt eine Frau. Sie sei zufällig vorbeigefahren, als die Polizisten das Haus an der Dorfstraße durchsucht haben. Die Mutter sei nett, aber recht unscheinbar gewesen. Die Jungs schon ein bisschen rebellisch. Auch sie bestätigt, dass die Polizei bereits zuvor einige Male vor Ort gewesen sein soll.

Fakten zum Radklau

707 Fahrraddiebstähle hat die Polizei in der Zeit vom 1. Januar bis zum 31. August 2016 im Landkreis Görlitz registriert.

Das Stadtgebiet von Görlitz ist dabei DER Schwerpunkt schlechthin. Etwa jeder zweite Fahrraddiebstahl ist in der Kreisstadt geschehen.

Mit jeweils etwa 75 Fällen folgen die Großen Kreisstädte Zittau und Weißwasser.

Mehr als 2500 Fahrräder sind 2015 in der Oberlausitz gestohlen worden. Davon 532 in Görlitz, 318 in Hoyerswerda, 315 in Zittau, 168 in Weißwasser und 167 in Bautzen.

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Haftbefehle für die Familie sind derzeit in Vollzug, erklärt Sprecher Till Neumann von der Staatsanwaltschaft Görlitz. Das heißt, die Familie sitzt nach wie vor in Untersuchungshaft. Nichtsdestotrotz ermitteln die Beamten der Kriminalpolizei weiter in dem Fall. „Wir haben derzeit noch einen Zeugenaufruf in Vorbereitung, da noch nicht alle sichergestellten Fahrräder zweifelsfrei einem Eigentümer beziehungsweise Fall zugeordnet werden konnten“, sagt Sprecher Thomas Knaup von der Polizeidirektion Görlitz. Wie viele Fahrräder bei der Razzia gefunden beziehungsweise von der Familie gestohlen worden sind, lässt er offen.

Fahrräder sind in kriminellen Kreisen mittlerweile zu einer Art Ersatzwährung geworden, erklärt er. Mit ihnen wird im Ganzen oder in Einzelteile zerlegt gehehlt. „Um einen Fahrraddiebstahl zu verhindern, gilt es, Fahrräder nach Möglichkeit immer – auch bei kurzer Abwesenheit – mit einem stabilen Schloss an einem festen Gegenstand anzuschließen“, sagt Thomas Knaup. „Gute Schlösser sind im Fachhandel ab 30 Euro aufwärts zu erhalten.“ Und die Fahrräder sollten auch im Keller an einem festen Gegenstand angeschlossen oder in der eigenen Parzelle weggeschlossen werden. Zudem rät Thomas Knaup davon ab, Fahrräder über Nacht auf einem Dach- oder Heckträger eines Autos stehenzulassen. Dies sei kein sicherer Ort für ein Fahrrad.

„Die Haustüren von Mehrfamilienhäusern sollten abends nicht nur geschlossen, sondern auch abgeschlossen werden, um Dieben das Eindringen in den Kellerbereich zu erschweren“, lautet ein weiterer Hinweis von Thomas Knaup, um einen Fahrraddiebstahl zu vermeiden. „Natürlich sollten auch die Zwischentüren in den Häusern immer abgeschlossen sein.“

Hilft all das nichts, und das Fahrrad wird dennoch gestohlen, ist es hilfreich, dieses gut zu kennen. Dessen genaue Bezeichnung, Rahmen- beziehungsweise Individualnummer und Ausstattung nutzt der Polizei bei der Suche. Ebenso wie Kaufunterlagen oder ein anderer Eigentumsnachweis. Bilder erleichtern es der Polizei zusätzlich, das Fahrrad beim Wiederauffinden zuordnen zu können. Vor dieser Aufgabe stehen die Beamten der Polizei auch jetzt im Trebuser Fall.

Anwohner hätten durchaus auch genutzt, dass die Familie ursprünglich aus Polen komme, erzählt eine Frau. Und hätten sich verschiedene Sachen vom Einkaufen mitbringen lassen. Andererseits sei der Verdacht immer rasch auf „die Polen“ gefallen, wenn etwas gefehlt habe. Die Hunde der Familie sollen mittlerweile im Horkaer Tierheim sein. Viele Leute hätten von der Razzia gar nichts mitbekommen, sagt ein Mann. Die Polizei sei mit einem Transporter angerückt und ratzfatz sei alles erledigt gewesen.

Im Nachhinein wirkt das Thema noch nach. Bei einer Versammlung habe er mal gefragt, ob man nicht ein Führungszeugnis verlangen könne, wenn jemand neu in einen Ort zieht. Denn schön sei die ganze Angelegenheit nicht für Trebus. Unruhe hat es deswegen im Dorf gegeben. Andererseits sei es vielleicht auch von Vorteil gewesen, dass die Familie in der Hähnichener Ortschaft gelebt hat, sagt der Mann. Quasi nach dem Motto: Das eigene Nest beschmutzt man nicht. Aufgefallen sei die Familie bis zum Tag der Razzia kaum, bestätigt auch er. Friedliche Leute seien die Familienmitglieder gewesen, die keinerlei Ärger gemacht hätten.

Die Namen der im Ort befragten Männer und Frauen sind der Sächsischen Zeitung bekannt.