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Auffällig viel Polizei am Tatort

Der NSU-Ausschuss in Thüringen untersucht nun minutiös das Ende der mutmaßlichen Rechtsterroristen in Eisenach.

© dpa

Von Eike Kellermann

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Am 4. November 2011 wurde in Eisenach eine Sparkassen-Filiale überfallen, kurz darauf fand die Polizei zwei Leichen in einem brennenden Wohnmobil. Diese an sich schon spektakuläre Szenerie wuchs sich zu einem der schwersten Fälle von Rechtsterrorismus in Deutschland aus. Denn in dem Wohnmobil waren die Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Gemeinsam mit Beate Zschäpe bildeten sie den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU).

Was an jenem 4. November in Eisenach genau geschah, versucht nun der neue NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags zu ermitteln. Der Ausschuss hat sich mit seiner Hartnäckigkeit schon in der vorigen Wahlperiode einen guten Ruf erarbeitet. Die Aufklärung sieht die Landespolitik in Erfurt als Verpflichtung – schließlich stammen die drei mutmaßlichen Rechtsterroristen aus Jena.

Feuerwehrleute aus Eisenach schilderten gestern vor dem Ausschuss, was sie an dem Vormittag erlebten, an dem der NSU aufflog. Eine Polizeistreife hatte das Wohnmobil aufgespürt, in dem sich Mundlos und Böhnhardt nach ihrem Sparkassen-Überfall versteckt hatten. Erst fielen drei Schüsse, dann ging das Wohnmobil in Flammen auf.

Die Eisenacher Berufsfeuerwehr war zuerst da. Kurz darauf traf die Freiwillige Feuerwehr des Ortsteils Stregda ein. Laut den Zeugen wurde zunächst ein „Sprühstrahl“ abgegeben, um die Tür des Wohnmobils zu kühlen. Als sich die Tür öffnen ließ, sah ein Feuerwehrmann, „zwei Turnschuhe mit Beinen dran“. Mehr habe er nicht sehen wollen. „Da hat’s mir gereicht.“ Man sei sofort von der Polizei angewiesen worden, das Löschen einzustellen, um Spuren nicht zu vernichten. Der Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr war nach eigenen Angaben der Erste, der das Wohnmobil betrat. Eine Leiche lag auf dem Boden, die andere befand sich sitzend im Heck. „Der hatte starke Verletzungen am Kopf. Die lebten nicht mehr.“ Der Einsatzleiter machte Fotos für die Dokumenation. Wegen dieser Fotos entzündete sich ein Kompetenzgerangel. Der Polizeidirektor, der selbst umgehend vor Ort war, verlangte sofort die Herausgabe der Kamera. „Meine Motivation hielt sich in Grenzen“, so der Feuerwehrmann. So etwas habe er noch nie erlebt. Die Fotos sind inzwischen angeblich nicht mehr auffindbar.

Nicht nur deshalb ist das Ende des NSU rätselhaft. Schließlich waren die beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen bis an die Zähne bewaffnet. Zudem waren in dem Wohnmobil zahlreiche Beweise, etwa die Dienstpistole der ermordeten Polizistin. Warum versuchten Mundlos und Böhnhardt nicht, sich den Weg freizuschießen, warum präsentierten sie Beweise wie auf dem Silbertablett?

Umstände, die gar zu Verschwörungstheorien anstiften könnten – erst recht, weil in den Lungen der beiden Toten bei der Obduktion keine Rußpartikel gefunden wurden. Laut Bundesanwaltschaft hat Mundlos erst Böhnhardt erschossen, dann das Wohnmobil angezündet und schließlich sich selbst getötet.

Einer der Männer von der Freiwilligen Feuerwehr Stregda wurde nach Merkwürdigkeiten bei dem Einsatz gefragt. Seine Antwort: „Die vielen Zivilbeamten.“ Er will damals nur zwei Polizisten in Uniform, aber „fünf bis zehn Polizisten in Zivil“ gesehen haben. Der Einsatzleiter der Berufsfeuerwehr bestätigte das zwar nicht. Aber auch er wunderte sich darüber, dass „da gleich so viel Polizei vor Ort“ war.

Das dürfte den Untersuchungsausschuss weiter beschäftigen, ebenso wie der Verbleib der Tatort-Fotos. Für Ausschusschefin Dorothea Marx (SPD) ist das auch eine persönliche Herausforderung: „Ich will es jetzt einfach wissen, was damals mit dem NSU-Trio passiert ist.“