Merken

Aufgestöbert

Ein Hund spürt im Friedewald Tierreste auf. Innereien, Knochen und Fellfetzen liegen im Gebüsch. Was ist da los?

Teilen
Folgen
NEU!
© Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

Coswig/Moritzburg. Ihr erster Gedanke: Hier haben Tiere gekämpft. Die Mittdreißigerin bewegt sich langsam, weiß nicht so recht, wohin sie eigentlich geraten ist. Auf dem Waldboden verteilen sich großflächig graue Borsten und Fellfetzen. Der Zipfel einer Decke lugt aus der Erde heraus. Zwischen nebeneinander liegenden Holzstämmen hängen Innereien, Knochen, weiche Fellstücke. Und mittendrin wuselt ihr Labrador.

Seine Halterin geht auf die Suche und findet ihn schließlich – bei zahlreichen Fleisch- und Fellstücken
Seine Halterin geht auf die Suche und findet ihn schließlich – bei zahlreichen Fleisch- und Fellstücken © privat

Die Geschichte beginnt am sogenannten Sankt-Ullrich-Tunnel. Von dort ist sie in Richtung Seerosenteich gestartet. Auf einer Nachmittagsrunde mit dem Vierbeiner durch den Wettiner Wald. Der Labrador Retriever läuft frei. Er schnüffelt die Wegränder ab, spielt mit Stöcken und Zapfen, schwänzelt vor sich hin. Plötzlich scheint irgendetwas seine Aufmerksamkeit zu wecken. „Er blieb stehen, hob seinen Kopf und begann, was auch immer, mit seiner Nase auszuloten“, erzählt die Besitzerin.

Sie selbst kann keinerlei Gerüche wahrnehmen, erst recht nichts ausmachen, was sonderbar riechen würde. Darum spaziert sie weiter. Ihr Labrador indes verschwindet blitzartig ins Gebüsch. Nachdem die Halterin sich einen Moment geduldet hat, ihren schwarzen Retriever aber weder sehen noch hören kann, macht sie sich auf, den Ausreißer zurückzuholen. Und folgt ihm ins Dickicht. Hinter einem kleinen bewachsenen Hügel entdeckt sie ihn schließlich. Aufgeregt hin und her eilend. Mit der Nase auf dem Boden. Und fressend. Was sie vorfindet, all die Fleisch- und Fellreste, kann sie nicht zuordnen. Nur schnell den Hund an die Leine und nichts wie weg.

Zurück auf dem Weg, begegnet sie einer anderen Gassigängerin und berichtet, worauf sie gestoßen ist. Die Frau aus Coswig kommt mit zu dem barbarisch anmutenden Schauplatz. Der Anblick setzt einen Film in ihrem Kopf in Gang: „Und wenn sich ein Wolf hier etwas gerissen hat!?“ Sie sieht sich weiter um und mutmaßt dann, es könnten auch Wilderer am Werk gewesen sein.

Beim weiteren Erkunden dieses Fleckchens Wald bleibt ihr Blick an dem aufgescheuerten Stamm eines nahen Baumes haften: „So sehen Kratzbäume von Wildschweinen aus“, sagt sie. Der Labradorbesitzerin fallen indes Maiskörner zwischen den tierischen Überresten auf. Ein lautes „Ach“ lässt sie aufschauen. Die andere Hundehalterin zeigt auf einen benachbarten Baum – mit einer Kamera.

Wölfe? Wilderer? Eine Anfütterungsstelle für Wild? Was steckt dahinter? Eine Nachfrage bei Daniel von Sachsen verspricht Aufschluss. An Wölfe glaubt er nicht. „Hier sind viel zu viele Leute unterwegs, als dass sich der Friedewald als Jagdrevier des Wolfes eignet“, sagt er. Und Wilderer? Möchte der Betriebsleiter der Wettinischen Forstverwaltung nicht ausschließen. „Es wurden schon mehrfach Schüsse gemeldet, die nachweislich von keinem unserer Jäger stammten.“ Allerdings wird dieser Teil des Friedewaldes nicht von ihm und seinen Leuten bejagt, sondern unter anderem von der Jagdpächtergemeinschaft Radebeul. An die er verweist.

Sie besteht aus vier Männern, zu denen Ernst-Günther Gradl gehört. Er löst das Rätsel schließlich auf. Die Fundstelle ist eine Kombination aus Entsorgungsstätte und Luderplatz. An dieser Stelle werden gesetzlich zulässig Wildreste vergraben, außer vom Schwein. Diese stammen von Jagden und Unfällen, erklärt er. Außerdem nutzt man den Ort als sogenannten Luderplatz. Dort werden fleischfressende Tiere angelockt, um diese zu beobachten. Ernst-Günther Gradl zufolge interessiert die Jäger dabei speziell Raubwild wie Marder, Fuchs und Waschbär. „Weil diese schwer zu bejagen sind.“ Auch Schwarzwild buddele mal mit drin herum, um dieses gehe es jedoch nicht vordergründig. „Wir wollen sehen und registrieren, was an Tieren da ist, um zu wissen, was wir wegnehmen müssen.“

Hundehaltern empfiehlt der Jäger zurzeit aber besonders, ihre Vierbeiner von Alleingängen ins Gebüsch abzuhalten. Denn von Februar bis April stellt sich bei Wildschweinen Nachwuchs ein. Bis in den Sommer hinein ziehen die Bachen ihre Jungen auf.

Zum einen sollten sie in dieser Zeit ungestört sein. Zum anderen kann gerade in dieser Phase das Zusammentreffen mit Schwarzwild für einen Hund böse enden, wenn er es aufschreckt. „Das Wildschwein wirft den Vierbeiner hoch und reißt ihn dabei mit seinen spitzen Eckzähnen auf“, weiß Ernst-Günther Gradl. „Für den Hund geht das oft mit schweren bis tödlichen Verletzungen aus.“