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Aufruf der „Bildungsverlierer“

Mit einer Petition äußern Bautzener Schüler ihren Unmut über das Lehrerpaket. Den Anstoß gab ein Roman von Kafka.

© Uwe Soeder

Von Miriam Schönbach

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13. Historik Mobil

Im Zittauer Gebirge heulen am ersten Augustwochenende die alten Motoren und schnaufen die historischen Dampfrösser.

Bautzen. Dieses Tafelbild macht richtig schlechte Laune. Unter „Unser Lebensort Schule“ finden sich unter der Überschrift „AGs, Klassenfahrten, Exkursionen“ gleich mehrere Aushänge. Auf einem Zettel steht „Heute kein Debattierclub“. Weitere Papiere kündigen an: „Wegen Abordnung fällt die AG Chor bis auf weiteres aus“ oder „Der Wandertag der Klasse 8-2 findet nicht statt. Die Schüler haben Unterricht nach Plan“. Auch die andere Seite des Aushangs stimmt Valentin Koban keineswegs froh. Unter dem Titel „Vertretung“ dreht sich alles um Stundenausfall.

Valentin Koban gehört zu einer Gruppe von Schülern am Bautzener Schiller-Gymnasium, die den Inhalt dieses Schwarzen Bretts in der Zukunft nicht mehr akzeptieren wollen. „Mit diesem Aushang wollen wir zeigen, was alles auf der Kippe steht“, sagt der 17-Jährige. Gemeinsam mit Deutschlehrerin Wiebke Kasper haben die Elftklässler eine Petition aufgesetzt mit dem Thema „Keine Bildungssparpolitik mehr auf unsere Kosten“. Ausgangspunkt ist das jüngst beschlossene Handlungsprogramm gegen Lehrermangel in Sachsen.

„Bildungsverlierer“ nennt sich die Gruppe. Denn Verlust von Bildung – genau das befürchten die Jugendlichen für die kommenden Schülergenerationen. „Wir kommen noch mit einem blauen Auge davon“, sagt Valentin Koban. Doch das neue Bildungspaket, sagt er, ist in erster Linie für jüngere Lehrer lukrativ. Um sie in Sachsen zu halten, sollen Berufsanfänger 600 Euro mehr bekommen als die Lehrer, die älter als 42 sind. Die älteren Pädagogen sollen dagegen Prämien für „besondere Leistungen“ erhalten oder könnten unter ganz bestimmten Bedingungen in eine höhere Entgeltgruppe rutschen.

In der Online-Eingabe der Schüler an die Abgeordneten des sächsischen Landtags heißt es deshalb: „Die neue Regelung könnte sich wie ein Keil zwischen das junge und ältere Kollegium treiben.“ Valentin Koban und seine Mitschüler befürchten, dass die Qualität der Bildung durch die Ungleichbehandlung leiden und erfahrene Lehrer nur noch Dienst nach Vorschrift machen könnten. „Schule ist doch mehr als ein Lernort. Das ist doch ein Lebensort“, sagt der Schüler. Der Beschäftigung mit dem neuen Lehrerpaket ging ganz klassischer Deutsch-Unterricht voraus. Die Elftklässler behandelten bei Wiebke Kasper den Roman „Der Prozess“ von Franz Kafka. Sein Werk beginnt mit dem Satz: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Kafkas Protagonist bleibt deshalb gelassen und vertraut auf sein Recht. Für die Deutschlehrerin lagen da die Parallelen auf der Hand. Viel zu lange habe man in den vergangenen Jahren zu Lehrermangel und Ausfallstunden geschwiegen. Nun heißt es, nicht mehr alles hinzunehmen, sondern demokratisch die Stimme zu erheben.

AG neu beleben

Vor ihrer Beschwerde über den Missstand haben sich die Schüler mit den Fakten zum Lehrermangel auseinandergesetzt, unter anderem mit dem Unterrichtsausfall. Laut Kultusministerium fielen im ersten Schulhalbjahr 2017/18 allein bei den zehn Gymnasien im Landkreis Bautzen außerplanmäßig über 10 000 Stunden aus. An den Oberschulen fand sich gleich knapp 12 000 Mal kein Lehrer zum Unterrichten. Von Unterrichtsausfall und Stundenkürzungen ist die Oberstufe im Schiller-Gymnasium derzeit nur am Rand – wie in den Fächern Musik, Sport oder Kunst – betroffen. Spürbar sind die fehlenden Lehrer trotzdem. „Wir wollten unsere AG Schülerradio neu beleben. Früher hat der Lehrer dafür eine Stunde bekommen, jetzt findet sich kein Betreuer mehr. Auch der Schulchor stand auf der Kippe“, sagt Valentin Koban. So rückt die Gefahr immer näher, dass irgendwann auch Klassenfahrten, Schulausflüge oder die Hilfe bei der Organisation der Super-Party durch die Lehrer ad acta gelegt werden könnten.

Mehr als 1 200 Schüler, Lehrer und Eltern haben in den vergangenen zwei Wochen die Petition unterschrieben. „Unsere Aktion soll sich an jeden richten, der sich für Bildung in Sachsen interessiert“, sagt Valentin Koban. Dann nimmt er die Zettel zu Stundenausfall und abgesagten Wandertagen von der Tafel. Schließlich machen sie richtig schlechte Laune.

www.sz-link.de/Schuelerpetition