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Aufstand der Zwerge

Albaniens Fußball hat seine erste EM-Teilnahme den Kindern der Auswanderer zu verdanken – und dem nahen Kosovo.

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© Reuters

Von Thomas Roser, SZ-Korrespondent in Belgrad

Sie galten einst als Fußballzwerge, ein bisschen unangenehm manchmal, aber letztlich zu schwach, um gegen Riesen wie Deutschland zu bestehen. Mit einer Ausnahme: Im Dezember 1967 strauchelte der damalige Vizeweltmeister in Albanien mit einem 0:0 frühzeitig in der EM-Qualifikation. Diese legendäre „Schmach von Tirana“ liegt fast fünf Jahrzehnte zurück. Vergessen und vergeben.

Mit Erfolgserlebnissen wurden die albanischen Fans sowieso nur selten verwöhnt, seit das Land vor 70 Jahren den damaligen Balkan-Cup gewann. Musste sich die Nationalelf jahrzehntelang mit der tristen Statistenrolle des Punktelieferanten bescheiden, ist der „Kombetarja“ mit der erstmaligen Qualifikation für ein großes Turnier der Sprung ins Rampenlicht des internationalen Fußballs geglückt. Das kampfstarke Team des italienischen Erfolgstrainers Gianni De Biasi geht zwar als krasser Außenseiter in der starken Gruppe A ins EM-Rennen, dennoch können sich Albaniens Hoffnungsträger schon vor dem Anpfiff ihres ersten Spiels gegen die Schweiz in Lens am Montag als die Gewinner dieser EM fühlen.

Ihren späten fußballerischen Aufschwung hat die während des „Steinzeitsozialismus“ des einstigen Autokraten Enver Hoxa jahrzehntelang fast völlig isolierte Nation paradoxerweise den Nöten der Wirtschaftstransformation, der Armut und des Krieges im nahen Kosovo zu verdanken: Es sind die Kinder der Emigranten, die der Fußballnation der Auswanderer eine kräftige und entscheidende Blutauffrischung bescherten.

In ganz Europa fielen Anfang der 1990er-Jahre die Mauern. Im rückständigen Albanien stürmten damals Zehntausende verzweifelter Auswanderungswilliger im Hafen von Durres die Schiffe. Die Bilder der Trauben von Menschen, die auf altersschwachen und völlig überladenen Kähnen die Überfahrt über die Adria in Richtung Italien antraten, sollten fast ein Vierteljahrhundert die westliche Wahrnehmung Albaniens prägen. Allein zwischen 1990 und 1992 verließ mehr als ein Zehntel der Bevölkerung das heute offiziell 2,8 Millionen Einwohner zählende Land.

Flucht ins Mutterland

Weitere Emigrationswellen sollten folgen. Als 1997 ein betrügerisches Pyramiden-Bankensystem zusammenbrach, sahen sich Hunderttausende Albaner ihrer letzten Ersparnisse beraubt: Der sogenannte „Lotterie-Aufstand“ mündete in landesweiten Plünderungen und bewaffneten Scharmützeln. Zwei Jahre später war es der Krieg im Kosovo, der für neue Massenwanderungen sorgte: Viele Kosovo-Albaner flüchteten 1999 nicht nur nach Mitteleuropa, sondern auch ins angrenzende Mutterland.

Zwar hat Nato-Mitglied und EU-Anwärter Albanien seitdem auch wirtschaftlich zu ex-jugoslawischen Staaten wie Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und Serbien aufgeschlossen. Doch Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit machen den Albanern vor allem auf dem Land noch immer zu schaffen: Zehntausende, überwiegend junge Albaner suchten als chancenlose Asylbewerber vergeblich ihr Emigrationsglück in der deutschen Fremde.

Ein Auswanderland ist Albanien geblieben. Doch dessen Fußballszene hat sich mit der Emigration drastisch verändert. Zu sozialistischen Zeiten hatten sich Späher west- oder südeuropäischer Klubs so gut wie nie nach Tirana verirrt. Und auch im damals noch jugoslawischen Kosovo gelang nur selten einem Albaner der Sprung zu einem der Belgrader Spitzenvereine oder gar ins Nationalteam. Doch mit den Jugoslawien-Kriegen der 1990er-Jahre kamen albanische Talente als Flüchtlinge nach Europa, vor allem in die Schweiz.

Dem albanischen Doppeladler fühlt sich jeder der weltweit rund sechs bis sieben Millionen Albaner verbunden. Doch nur knapp die Hälfte der Spieler im EM-Kader sind tatsächlich in Albanien geboren. Die Familien von gut der Hälfte der albanischen Kicker stammen hingegen aus Kosovo: Wie Kapitän Lorik Cana (32/Nantes) oder Mittelfeld-Ass Taulant Xhaka (25/Basel) sind die meisten in der Schweiz, aber auch in Deutschland, den Niederlanden, Norwegen und Schweden aufgewachsen.

Die doppelten Staatsbürgerschaften der kickenden Emigrantenkinder werden bei Albaniens Premiere gegen die Schweiz für ein EM-Novum sorgen. Ähnlich wie bei Ghanas WM-Kick gegen Deutschland, als die Gebrüder Jerome und Kevin-Prince Boateng 2010 in Südafrika und vier Jahre später in Brasilien aufeinander trafen, werden die Brüder Taulant und Granit Xhaka (23/ Arsenal) für zwei unterschiedliche Nationen auflaufen.

Die kürzlich erfolgte Aufnahme des seit 2008 unabhängigen Kosovos in die Uefa und Fifa wurde nicht nur in der Schweiz, sondern auch von den Fans der albanischen Nationalelf mit eher gemischten Gefühlen aufgenommen. Deshalb wurde der Freundschaftskick mit Kosovo in Pristina von der „rot-schwarzen Allianz“, dem harten Kern der Albanien-Fans, im November boykottiert. Es sei „schändlich“, die albanische Nation zu spalten, wetterte ein Sprecher: „Wir können nicht akzeptieren, dass Albaner mit zwei Nationalhymnen, mit zwei Flaggen und zwei Teams geteilt werden.“

Sogar Portugal besiegt

Doch zumindest bei dieser EM werden die Herzen aller Albaner – egal wo sie leben – noch ungeteilt für die Kombetarja schlagen. Mit dem Turnier-Favoriten Frankreich, der Schweiz und Rumänien hat der EM-Neuling allerdings eine der schwersten Gruppen erwischt. Doch trotz latenter Abschlussschwäche hofft das gut organisierte und abwehrstarke Team um den Torwart-Hünen Etrit Berisha (27/Lazio Rom) auf eine Sensation: Schon in der Qualifikation wusste der krasse Außenseiter zu überraschen, als er weit höher eingeschätzte Teams wie Dänemark und Serbien hinter sich ließ und sogar Portugal besiegte.

Der erfahrene Biasi setzt seine Schützlinge bewusst nicht unter Druck. Sein Team solle „frei“ aufspielen: „Es wäre nicht gut, vorab zu definieren, was wir zu erreichen haben.“