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August der Starke gab den Namen

Am Sonnabend feiert Liegau-Augustusbad sein 666. Jubiläum. Und so ungewöhnlich wie diese Zahl ist auch die Geschichte des Ortes.

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© Thorsten Eckert

Jens Fritzsche

So richtig einig waren sich die Liegauer offenbar nicht. Zumindest, was die Schreibweise ihres Ortsnamens angeht. Denn seit Liegau vor nunmehr 666 Jahren – also 1349 – zum ersten Mal in einer amtlichen Urkunde auftauchte, änderte sich die Schreibweise regelmäßig. Lygau, Legow und sogar Liegenn sind zu finden…

So schmuck war es mal, das alte Augustusbad im Tannengrund in Liegau. Von der Schönheit sind nur historische Postkarten wie diese geblieben.
So schmuck war es mal, das alte Augustusbad im Tannengrund in Liegau. Von der Schönheit sind nur historische Postkarten wie diese geblieben. © Repro: SZ

Klar ist aber jedenfalls, woher der durchaus ungewöhnliche Name kommt. Denn um das Jahr 600 herum siedelten sich Slawen im Raum Dresden an, auch Sorben. Und vom Sorbischen stammt wohl auch der Ortsname Liegau ab – und bedeutet soviel wie „Ort an der Waldgrenze“. Das stimmt im Prinzip noch heute, denn gleich am Liegauer Ortsrand beginnt ja die Dresdner Heide. Und die gab den einstigen Einwohnern Liegaus Lohn und Brot – denn da Liegau auf der einen Seite vom Talhang der Großen Röder begrenzt wird, war hier Ackerland rar. Und so verdienten die in Liegau siedelnden Heidebauern – wie der Name schon sagt – ihr Geld mit der Heide.

Lange war der Ort zudem ein eher überschaubarer. Noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebten hier gerade einmal gut einhundert Einwohner. Heute sind es immerhin rund 2 000. Das bisher letzte große, neue Wohngebiet entstand mit dem Graf-Brühl-Carré dabei ab 2005 nahe dem Sportplatz. Zudem wuchsen in den vergangenen beiden Jahren auf dem Areal der alten Rödertalschänke zwei Wohnblöcke mit modernen Reihenhaus-Eingängen.

Kurbad sorgte für Aufschwung

Und um noch einmal aufs Thema Ortsnamen zurückzukommen: Seit 1923 heißt der Ort ganz offiziell Liegau-Augustusbad. Der Namenszusatz verweist dabei auf das historische Kurbad im Liegauer Tannengrund. Dieses Bad hatte dabei nicht nur dafür gesorgt, dass es auf Liegaus Ortseingangsschild nun ein wenig enger zuging und die Liegauer beim Schreiben ihrer Adresse nun mehr Tinte verbrauchten, sondern das Kurbad im idyllischen Tannengrund sorgte über 250 Jahre lang für wirtschaftlichen Schwung im Ort. Prominente Namen wie der Dichter Theodor Körner kamen zum Kuraufenthalt ins Augustusbad – das im Übrigen den Namen des einstigen Sachsenherrschers August des Starken trägt. Der hatte sich nämlich regelmäßig Heilwasser aus Liegau in sein Dresdner Residenzschloss kommen lassen, um damit gegen seine Diabetes-Erkrankung anzukämpfen. Wöchentlich sollen dabei Fässer mit dem heilenden Wasser per Pferdekutsche ins Dresdner Residenzschloss gebracht worden sein. Die heilende Wirkung für Diabetes-Beschwerden ist wohl auf das Alaun zurückzuführen, das im Wasser aus dem Tannengrund zu finden ist. Aber auch bei Rheuma soll das Liegauer Wasser gute Wirkungen erzielt haben.

Eine wundersame Heilung

Die Entdeckung der Quelle geht dabei auf eine durchaus abenteuerliche Geschichte zurück. Wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung dazu gehört, ist heute nur noch schwer herauszufinden. Spannend ist die Geschichte aber allemal. Und damit auch durchaus werbewirksam für Liegau – und damit auch für Radeberg, dessen Ortsteil Liegau seit 1995 ist. Übrigens –  und das ist kein Aprilscherz – seit dem 1. April 1995 …

Doch zurück zur Entdeckung des Heilwassers im Tannengrund. Das nämlich soll Radebergs einstigem Bürgermeister Christoph Seydel zu verdanken sein. Nach dem verheerenden Radeberger Stadtbrand 1714 war der damalige Bürgermeister gemeinsam mit zwei Begleitern in das kleine Tal gekommen, um hier in alten, verlassenen Bergwerksstollen nach Baumaterial zu suchen, das in Radeberg nun dringend für den Wiederaufbau gebraucht wurde. Seydel hatte festgelegt, Häuser sollten in Radeberg künftig aus Stein und nicht mehr aus Holz gebaut werden, um weiteren Bränden Einhalt zu gebieten.

Genau am 13. Februar 1717 soll es gewesen sein, als Seydel den schon einhundert Jahre lang verschlossenen Stollen im Tannengrund öffnete. Wasser stand in dem engen, dunklen Schacht, durch das die drei Unerschrockenen wateten. Und – so geht die Legende – der Bürgermeister soll eine Verletzung am Bein gehabt haben, die nun mit dem Wasser im Stollen in Berührung kam. Die Wunde soll nach drei Tagen verschwunden gewesen sein. Dass dies am Wasser gelegen haben musste, war für den Bürgermeister damals glasklar. Und Christoph Seydel hatte eine grandiose Idee – eine, die heute als geniale Marketing-Strategie gefeiert werden würde.

Zwei Professoren streiten sich

Aber damals hatte es Seydel nicht leicht mit seiner Idee, im Tannengrund ein Kurbad zu errichten. Ausgerechnet seine eigene Stadt hielt ihn für einen Spinner. Der damals in Halle ansässige Professor Friedrich Hoffmann – bekannt durch seine „Hoffmanns Tropfen“ – hatte das Wasser aus dem Liegauer Tannengrund unter seine wissenschaftliche Lupe genommen und nichts Heilendes gefunden. Sprichwörtlich Wasser auf die Mühlen von Seydels Gegnerschaft. Ein Leipziger Professor namens Lehmann hingegen bescheinigte dem Wasser 1722 jede Menge heilender Kräfte. „…und das hätte auch jeder Lehrling nachweisen können“, wetterte der Professor dann in Richtung seines Kollegen.

Seydel setzte sich durch – und soll dabei sogar noch den einen oder anderen Marketing-Trick angewandt haben, wie noch heute schmunzelnd erzählt wird. So soll er das Wasser beispielsweise erwärmt haben, um die Quelle als heiße Quelle anzupreisen … 1719 eröffnete das Bad als Kurbad. Und wurde eines der renommiertesten in Deutschland. Bis 1945.

Nach 1945 eine Kaserne

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Areal zur Kaserne, zunächst der Sowjetarmee, später der Volkspolizei. Doch in den Jahren nach der Wende im Herbst 1989 keimte dann durchaus Hoffnung, an die große Tradition anknüpfen zu können. 1996 sollte der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt werden, ein 56 Millionen D-Mark Projekt lag bereits bereit, Partner – wie eine große Krankenkasse – saßen bereits im Boot. Und doch scheiterte das Ganze quasi auf der Zielgeraden. Nämlich an den Veränderungen durch die Gesundheitsreform des damaligen Gesundheitsministers Horst Seehofer, die das Thema Kuren arg eingekürzt hatte …

Und so verfällt das einst so stolze Kurbad im Tannengrund nun immer weiter. Die Idee, es 2019 – dem 800. Gründungsjahr Radebergs und gleichzeitig dem 300. Jubiläum des Kurbades – im Rahmen einer Sächsischen Landesgartenschau zumindest wieder einer Nutzung, wenn auch vielleicht nicht als Kurbad, zuzuführen, wurde jetzt zu den Akten gelegt. Zu teuer, heißt es aus dem Radeberger Rathaus dazu.

Schade. Aber Liegau hat ja noch viel mehr zu bieten, als das einstige Kurbad. Ein hochmodernes Epilepsiezentrum beispielsweise, das schmuck sanierte Rittergut mitten im Ort, und überhaupt den herrlich sanierten Ortskern entlang der Rödertalstraße. Der rührige Heimatverein hat zudem viele kleine historische Farbtupfer im Ort verteilt, hat historische Holzbrunnen wieder errichtet, hat eine wunderbare Heimatstube geschaffen, die die Geschichte Liegaus erzählt. Liegau ist zudem ein beliebter Wohnort für junge Familien – Kita und Grundschule gibt es, eine Galerie für moderne Kunst, einen kleinen, feinen Dorfladen. Und ein reges Vereinsleben. Eines, das nun ein Fest auf die Beine stellt, das 666. Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung Liegaus zu begehen. Und auch das, so viel ist schon mal klar, wird in die Geschichte Liegaus eingehen!