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Aus Görlitz wird Berlin

© Nikolai Schmidt

Für den Dreh des Weltkriegsdramas „Jeder stirbt für sich allein“ kommen die Hollywood-Stars Emma Thompson und Brendan Gleeson nach Görlitz. Die Stadt verwandelt sich dafür in das Berlin der 40er Jahre.

Von Christiane Raatz

Görlitz. Emma Thompson muss an diesem Vormittag viel rennen. Den braunen Hut schief auf dem Kopf, die Ledertasche unter den Arm geklemmt, eilt die zweifache Oscarpreisträgerin auf dem schiefen Pflaster einer Görlitzer Straße entlang. Vorbei an einem Mercedes aus den 1940er-Jahren, an einer rotbraunen Fabrik. Wieder und wieder. Nach etwa einem Dutzend Versuchen ist die Szene im Kasten. Regisseur Vincent Perez klatscht in die Hände: „Das war perfekt.“

Filmset: Görlitz wird Berlin

Oscarpreisträgerin Emma Thompson kommt ins Schwärmen, als sie über Görlitz spricht. Die Schauspielerin besucht am Mittwoch für den Dreh des Weltkriegsdramas "Jeder stirbt für sich allein" die Stadt an der Neiße.
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Emma Thompson („Harry Potter“) steht derzeit mit Brendan Gleeson („Braveheart“) im ostsächsischen Görlitz für das Weltkriegsdrama „Jeder stirbt für sich allein“ vor der Kamera. In der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Hans Fallada spielt sie Anna Quangel, die Ehefrau des Arbeiters Otto Quangel (Gleeson), die 1940 ihren Sohn an der Front verliert. Aus Wut und Trauer wagt das Paar den Widerstand gegen das Nazi-Regime - und verteilt subversive Postkarten in Treppenhäusern und Bahnhöfen. Am Ende wird Otto Quangel hingerichtet.

Für das Drama verwandelt sich die Stadt an der Neiße in das Berlin der 40er-Jahre. „Die wichtigsten Schlüsselszenen werden in Görlitz gedreht“, erklärt Produzent Stefan Arndt. Das Wohnhaus der Quangels, Hauptdrehort für den Film, liegt in der Emmerichstraße 40. Das leerstehende Mehrfamilienhaus wurde mit Möbeln im Stil der 40er-Jahre eingerichtet, ansonsten musste nicht viel verändert werden. „Unglaublich authentisch alles hier“, sagt Arndt. Nicht nur die historischen Fassaden begeistern den Produzenten, auch das alte Straßenpflaster.

Wer einen Blick auf den abgesperrten Drehort rund um die alte Fabrik erhaschen kann, fühlt sich in die 40er-Jahre zurückversetzt: Auf der Straße parken Autos aus jener Zeit, an einer Litfaßsäule kleben Plakate der Hitlerjugend, die Adolf Hitler zeigen. Nur wenige Meter weiter ein Schuhgeschäft, dessen Schaufenster Hakenkreuz-Wimpel zieren. Davor warten dutzende Komparsen auf ihren nächsten Einsatz.

Die Idee zu dem Film stammt von Schauspieler und Regisseur Vincent Perez. Weil seine Mutter Deutsche sei, habe er schon immer eine starke Beziehung zu Deutschland gehabt, sagt er. „Ich liebe Fallada, vor allem dieses Buch und die Geschichte.“ „Jeder stirbt für sich allein“ sei ein wunderbares Porträt Deutschlands zu dieser Zeit. Es erzähle vom Alltag, von einfachen Menschen und davon, was ein Leben im Faschismus bedeutete.

Fallada schrieb den Roman innerhalb von vier Wochen kurz vor seinem Tod 1947 - wie in einem Fieberwahn. 2011, als der Roman erstmals ungekürzt auf den Markt kam, erlebte das Werk eine regelrechte Renaissance - auch in Nordamerika und in England. Nun rechnet der Aufbauverlag mit einem neuen Schub. „Viele warten gespannt auf die Verfilmung“, sagt eine Sprecherin. Seit 2011 wurde der Roman mehr als 300 000 Mal in Deutschland verkauft.

Seit Mitte April laufen die Dreharbeiten in Görlitz. Auch Daniel Brühl, der für das Drama den Gestapo-Inspektor Escherich gibt, stand bereits vor der Kamera. Bis zum 12. Mai gastieren die Stars und das Filmteam noch in der Stadt an der Neiße, dann wird in Berlin und Köln gedreht. Bis Anfang Juni sollen die Arbeiten dauern. Voraussichtlich Mitte des nächsten Jahres soll der von X Filme Creative Pool produzierte Film in die Kinos kommen.

Regisseur Perez bekennt sich als Fan von „Görliwood“. „Ich habe mir sogar ein T-Shirt mit dem Schriftzug gekauft“, verrät er und schwärmt von den traumhaften Kulissen und der entspannten Stimmung in der Stadt - und prognostiziert ihr eine Zukunft als „Hype-City“. Auch Emma Thompson stimmt ein: „Ich mag Görlitz - und das sage ich nicht einfach so.“ Görlitz sei friedlich, die Menschen unglaublich nett.

Schon Filme wie „Der Vorleser“ oder „Inglourious Basterds“ entstanden teilweise an der Neiße. Mittlerweile ist „Görliwood“ mit seinen schmucken Gründerzeitfassaden auf der einen und unsanierten Straßenzügen auf der anderen Seite so bekannt, dass sich die Stadt die Marke rechtlich schützen ließ. Auch Teile des oscarprämierten Hollywoodfilms „The Grand Budapest Hotel“ wurden in Görlitz gedreht. (dpa)