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Aus, vorbei, nichts geht mehr: Das Görlitzer Casino ist Geschichte

Am letzten Wochenende kommen Neugierige und Stammgäste. Und es schwingt Wehmut mit.

Von Jenny Ebert

Es ist ruhig im Casino am Demianiplatz. Kein Anfeuern der Glücksspielautomaten, kein lautes Gelächter. Eine nette Atmosphäre. Endzeitstimmung, an diesem letzten Sonnabendabend, gegen 21.30 Uhr? „Nein, es ist hier immer so“, sagt eine Frau Anfang 40. „Es ist einfach angenehm. Deswegen kommt man ja so oft her.“

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Seinen Namen will hier niemand in der Zeitung lesen. Der Fotograf muss draußen bleiben. Aber die Besucher erzählen. Vom Spaß am Glücksspiel. Von der Traurigkeit über die Schließung des Casinos. Und auch von der Suchtgefahr. „Ich bin traurig, dass geschlossen wird“, sagt die Frau. „Ich bin jede Woche hier, meist zwei Tage. Es wird mir fehlen.“ Dann, vielsagend: „Auf der anderen Seite ist die Schließung gut.“ Der Suchtfaktor sei groß. Sie nimmt jedesmal einen Anfahrtsweg von 20 Kilometern in Kauf. Kommt seit Jahren. „Die Spielhallen sind für mich keine Alternative. Ich bin Nichtraucher. Und das Rauchen dort stört mich massiv.“

Und doch ist genau das der Grund, warum das Casino zum heutigen 1. März schließt. Aufgrund des Nichtraucherschutzes ist die Kundenzahl seit 2008 massiv eingebrochen, sagt Kerstin Waschke, Sprecherin der Sächsischen Spielbanken GmbH, die das Casino in Görlitz neben vier anderen in Sachsen betrieb. Der Gesamtumsatz sank von rund 17 auf 9,8 Millionen Euro, die Besucherzahlen von 482000 auf 143000. „Diese Zahlen sagen doch alles.“

Der Sonnabend scheint den Trend nicht zu bestätigen. Ein Mitarbeiter des Casinos spricht von einem gut besuchten Abend. „65 Leute waren heute schon da.“ Er kann die Schließung nicht verstehen, schimpft auf die staatlichen Schranken. „Wir müssen uns hier den Ausweis zeigen lassen, müssen pünktlich schließen und die Besucher dann geradezu hinauswerfen. Warum gilt das für die anderen Spielhallen nicht?“ Der Unmut ist verständlich. Er hat mit dem heutigen Tag seinen Job verloren.

Stundenlanges Roulette

Ein Ehepaar mittleren Alters aus Görlitz geht interessiert durch die Räume des Spielcasinos, bleibt an manchen Automaten stehen. „Wir sind das erste Mal da“, erzählen die beiden. „Wir wollten das Casino gern sehen, bevor es schließt.“ Sie sind überrascht, wie wenig los ist. Aber bleiben da, schauen den Spielern über die Schulter. „Glücksspiel machen wir nie“, sagt er. „Doch, heute versuche ich es“, sagt sie.

Am Multiroulette-Tisch sitzt ein junger Mann um die 20 Jahre. Drei leere Biergläser stehen neben ihm, ein volles dazu. Das Ehepaar kommt mit ihm ins Gespräch. „Ich habe heute 100 Euro eingesetzt“, sagt der junge Mann und schaut auf die Uhr, „und halte mich schon ein paar Stunden damit.“ Gut 300 Euro stehen auf seinem Konto. „Da könnten sie ja jetzt aufhören und hätten 200 Euro gewonnen“, sagt die Neuling-Frau. Doch der junge Mann schüttelt nur den Kopf: „Heute will ich noch was riskieren. Dann geht ja nichts mehr.“

23.45 Uhr: Noch eine gute Stunde Spielzeit. Ein junges Pärchen sitzt noch genauso wie vorhin am Roulette. „Die Besucher kommen und gehen“, schildert der Mitarbeiter. Der junge Mann vom Roulette-Tisch ist weg. Aber die Frau mit den 20 Kilometern Heimweg ist noch da. „Es läuft sehr gut heute. Man könnte fast denken, die Automaten sind anders eingestellt.“ Sie will noch nicht aufhören. Über ihr blinkt der Jackpot: 141947,23 Euro.