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Ausgezeichnete Milchmacher

Die Agrargenossenschaft Colmnitz hält ihre 560 Milchkühe artgerecht. Eine Weide sehen sie nie. Wie geht das?

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© Egbert Kamprath

Von Jane Jannke

Colmnitz. Allen Skrupeln von Tierschützern gegenüber der modernen Massentierhaltung zum Trotz: Harald Lehradt aus Colmnitz hat es schwarz auf goldenem Grund – seinen Viechern geht es ausgezeichnet. „Tiergerecht“ und umweltverträglich“ – mit diesem Prädikat hat das Landesumweltministerium jüngst die Colmnitzer Agrargenossenschaft für ihre Milchviehhaltung geehrt. Glückliche Kühe im Großstall statt auf der Weide? Absolut möglich, davon ist Harald Lehradt überzeugt. Die SZ hat ihn und seine Tiere besucht, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie die Milch entsteht, die bei Müller in Leppersdorf in die Flasche kommt. Das Erste, was selbst der ungeübten Nase auffällt: Im 2013 in Betrieb genommenen modernen Laufstall der Genossenschaft riecht es zwar streng, allerdings weniger nach Kuhdung. Stattdessen überwiegt der würzige Duft von frischem Stroh und Maissilage. Kein finsteres Loch ist dieser Stall: Helligkeit und frische Luft durchfluten den ringsum offenen Bau. Fressen ist neben dem Milchgeben der Hauptlebensinhalt einer Milchkuh. In Harald Lehradts Stall stehen 560 davon. Das Futter für die Tiere baut die Genossenschaft selbst an. Bis zu 50 Liter Milch am Tag gibt eine gute Kuh, der Durchschnitt liegt in Colmnitz bei 38. Der Star unter den Gefleckten mit den großen Augen aber ist Lieselotte. Sie hält den Rekord von über 90 Litern Milch an einem Tag. Dafür und für die neun Kälber, die sie Harald Lehradt geschenkt hat, muss sie auch nicht zum Schlachter. Denn dort geht es auch für Milchkühe im Schnitt nach zwei bis neun Jahren hin. „Lieselotte hat ihr Gnadenbrot bei uns“, verspricht der Chef und lacht.

Seine 560 Milchkühe können sich im offenen Laufstall weitgehend frei bewegen.
Seine 560 Milchkühe können sich im offenen Laufstall weitgehend frei bewegen. © Egbert Kamprath

Auch sonst genießen seine Kühe erstaunlich viel Komfort. Zu den Fress- und Liegeplätzen haben sie freien Zugang, ebenso zur vollautomatischen Melkanlage. Ein ausgeklügelter Mechanismus erkennt jede einzelne Kuh, weiß, wann sie das letzte Mal gemolken wurde. Wer zu früh dran ist, wird sanft in den Fress- oder Liegebereich zurückdelegiert. Bewegung herrscht im Stall – ein gutes Zeichen, denn Bewegungsfreiheit ist eines der wesentlichen Kriterien in Sachen artgerechter Tierhaltung. „Das beste Indiz dafür, dass eine Kuh sich wohlfühlt, ist, wenn sie ruhig und gelassen ist, sich niederlässt und wiederkäut“, sagt Harald Lehradt. Sowohl Bio- als auch konventionelle Milchviehhaltung könne gut und schlecht gemacht sein.

Im längst abgerissenen alten Stallgebäude hatte noch die bedrückende Enge althergebrachter Massentierhaltung geherrscht. Wenn auch damals schon die Verhältnisse vergleichsweise gut gewesen seien, betont Harald Lehradt. Mit dem Neubau allerdings habe ein völlig anderer Standard Einzug gehalten. Was bei der Kuh so alles hinten rauskommt, wird hier regelmäßig abgesaugt und über ein unterirdisches System entsorgt. Das dabei entzogene Methangas wird in der hauseigenen Biogasanlage in Strom umgewandelt. Das ist hygienisch fürs Tier und schont die Nase ebenso wie die Umwelt, da auf diese Weise weniger treibhausaktives Methangas in die Atmosphäre entweicht als etwa bei der Weidehaltung. Hier schließt sich der ökologische Kreis von Futteranbau, Milchgewinnung und umweltfreundlicher Gülleentsorgung. Trotzdem: Fürs Tier ersetzt der Laufstall das Gefühl von Gras und Erde unter den Hufen natürlich nicht.

Die Bemühungen der Genossenschaft um Tier- und Umweltschutz erkennt das Umweltministerium dennoch an. Der Betrieb hatte an einem vom Ministerium ausgelobten landesweiten Wettbewerb teilgenommen, der jedes Jahr einer anderen Nutztierart gewidmet ist. Eine Kommission aus Tierärzten und -schützern sowie Vertretern aus der Landwirtschaft besuchte in den zurückliegenden Monaten insgesamt 18 teilnehmende Betriebe. Alle hielten den strengen Prüfkriterien stand.

Der Wettbewerb mache deutlich, welche gewaltigen Anstrengungen die Milchbauern zur Verbesserung der Haltungsbedingungen unternommen hätten, erklärte Gerald Thalheim vom bundesweiten Genossenschaftsverband. „Bedauerlich ist, dass sich dies nicht im Milchpreis widerspiegelt“, so Thalheim. Der ist so niedrig wie nie und macht auch Harald Lehradt zu schaffen. „Milch allein wäre für uns ein Verlustgeschäft.“ Weggegossen habe er dennoch keinen einzigen Liter. Den wirtschaftlichen Erfolg sichert dem bereits seit DDR-Zeiten bestehenden Betrieb allein seine breite Aufstellung. Und die kommt letztlich auch wieder den Kühen zugute.