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Neumarkt-Investor Arturo Prisco bekommt Preis für Ausländer

Der Italiener über falsche Vorbehalte, Provinzialität und die Chance, das zu ändern.

Italiener mit Herz für München und Dresden: Arturo Prisco (75) betreibt Geschäfte in beiden Städten. © Thomas Kretschel

Während Dresden sich mit Ausländern schwertut, werden sie in München gefeiert. Arturo Prisco, der 1980 aus Italien nach Bayern kam und in Dresden das Quartier an der Frauenkirche aufbaute, ist in München jetzt mit dem Phönix-Preis ausgezeichnet worden. Mit dem Preis ehrt die Stadt Unternehmer mit Migrationshintergrund, die zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen haben. Die Sächsische Zeitung sprach mit dem Italiener, der in Dresden noch einiges vorhat.

Herr Prisco, ein Preis für Ausländer – hilft das, um die Stimmung gegenüber Migranten zu verbessern?

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Den Preis gab es schon vor der Wir-schaffen-das-Rede von Frau Merkel. Er ist eine gute Idee, weil er bewusst macht, dass Deutschland auch von Ausländern profitiert. In München haben heute 43 Prozent der Einwohner eine Zuwanderungsgeschichte. Sie kommen aus 180 Ländern. Dass die Region wirtschaftlich so stark ist, ist auch den Firmen mit ausländischen Wurzeln zu verdanken. Sie machen inzwischen 15 Prozent der Unternehmen aus und schaffen nicht nur Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Ausländer machen die Stadt bunter, lebendiger, interessanter.

Gegen Ausländer, die in Deutschland investieren, haben die wenigsten etwas. Die AfD profitiert vielmehr von der Angst vor Wirtschaftsflüchtlingen.

Das verstehe ich nicht. Denn wie kann man heute schon wissen, wer von den Flüchtlingen ein Genie ist? Zum Glück hat Gott den Geist über die ganze Welt verteilt. Doch viel geht davon verloren, weil Menschen in ihren Heimatländern keine ordentliche Ausbildung bekommen. In Deutschland kann es jeder schaffen, der motiviert ist. Einer der Phönix-Preisträger zum Beispiel hat in München mit Putzen begonnen. Heute beschäftigt er 280 Leute, zahlt Steuern. Ich kenne kein anderes Land, in dem es den Menschen so gut geht – auch den ärmeren.

Sie leben in München, kommen aber immer noch oft in Ihre Villa nach Dresden. Wo sehen Sie den Unterschied, was den Umgang mit Ausländern betrifft?

In Dresden reden alle über Ausländer und Flüchtlinge, obwohl es fast gar keine gibt. Wo also ist das Problem? Für mich ist es egal, wer vor mir steht. Ich gehe auf alle zu und höre mir an, was jemand zu sagen und welche Ideen er hat. Nur das sollte zählen.

Haben Sie als Italiener in Dresden persönlich Ausländerfeindlichkeit erlebt?

Nein, aber das liegt vielleicht an meiner Art zu kommunizieren. Anfangs gab es allerdings schon Misstrauen: Vielleicht ist das ja ein Hochstapler oder ein Mafioso. Keine deutsche Bank, keine Sparkasse wollte mir in Dresden einen Kredit geben. Für das Quartier an der Frauenkirche habe ich mit einer holländischen Bank und einer holländischen Baufirma zusammengearbeitet. Inzwischen habe ich auch in Dresden viele ganz unterschiedliche Freunde und bin stolz, als Italiener einen Teil zum Wiederaufbau der Stadt beigetragen zu haben.

Woran liegt es, dass es in München weniger Vorbehalte gegenüber Ausländern gibt,  obwohl dort anteilig deutlich mehr als in Dresden leben?

München tut viel mehr, um Ausländer zu integrieren. Die Stadt hat an der Isar zum Beispiel lauter Grillplätze gebaut, wo sich junge Leute aus Deutschland, Italien, der Türkei oder anderen Ländern treffen können und für wenig Geld den Tag verbringen. Sie müssen die Plätze nur sauber hinterlassen, sonst müssen sie Strafe zahlen. Ausländer werden nicht nur als Problem, sondern als Bereicherung gesehen. Sie kommen gern nach München, weil die Stadt offen für alle ist und damit auch kulturell gewinnt. Alle florierenden Großstädte auf der Welt sind multikulturell – New York, Stockholm, Paris –, während sich Dresden wie in einem Kokon in seiner eigenen Welt einschließt.

Sie meinen, Dresden ist zu provinziell?

Ja, speziell die ältere Generation. Wenn Dresden zum Beispiel der Wunden des 13. Februar 1945 gedenkt, wird gern vergessen, dass andere Städte wie Hamburg, Berlin oder München ebenso bombardiert und schwer zerstört wurden. In Dresden dreht sich heute alles um den Barock. Dabei wird oft übersehen, dass es auch andere schöne Städte gibt. Lecce in Apulien hat viel mehr Barock. Aber die Stadt ist lebendiger. Warum schaffen wir das in Dresden nicht?

Warum nicht?

Weil sich Dresden abgrenzt. Wenn man etwas Schönes hat und immer nur sich selbst bewundert, wird es schnell langweilig. Nehmen Sie einen runden Tisch, an dem nur Dresdner sitzen. Und dann einen zweiten Tisch, an dem noch Italiener, Spanier, Inder und Chinesen dazukommen. Wo, meinen Sie, gibt es mehr zu erzählen? Wo finden die interessanteren Gespräche statt? In Dresden schauen sich Touristen die Semperoper und die Frauenkirche an. Und das reicht dann auch, sie müssen nicht wiederkommen. In multikulturellen Städten hat jedes Viertel seinen eigenen Charakter, geprägt durch die unterschiedlichen Einflüsse. Ich wünsche mir nicht nur für die Ausländer, sondern für die junge Generation in der Elbestadt, dass auch Dresden sich öffnet. Denn Dresden hat das Potenzial.

Das Image von Dresden und Sachsen ist inzwischen aber nicht gerade so, dass es Ausländer herzieht.

Oft reichen schon kleine Veränderungen. Schauen Sie sich die Ausländer an, die da sind und überlegen Sie: schaden sie uns oder können sie uns helfen – im Handwerk, im Dienstleistungssektor, in der Pflege. Mir hilft es immer, mich in den anderen hineinzuversetzen. Wenn ich als Dresdner zum Beispiel in Uganda wäre und als Nazi beschimpft würde, würde ich mich da wohl und willkommen fühlen? Nicht alle Flüchtlinge sind Räuber, nicht alle Chinesen Raubkopierer und nicht alle Italiener unzuverlässig. Mit meiner Firma Prisco Haus habe ich in München vor allem deshalb Erfolg, weil ich das beste verschiedener Länder zusammengebracht habe: exzellente Stoffhersteller aus Italien mit den Ideen deutscher Modedesigner. So wünsche ich mir das auch für Dresden.

Sie haben Ihre Anteile am Quartier an der Frauenkirche verkauft. Werden Sie sich jetzt, mit 75, aus Dresden zurückziehen?

Nein, im Gegenteil. Ich wünsche mir, dass die Münchner nach Dresden kommen und von ihren Erfahrungen mit Migranten berichten. Und ich möchte in die Prisco-Passage an der Königstraße in Dresden, die mir seit Kurzem zu 100 Prozent gehört, neue Mieter holen. Mieter, die etwas Besonderes machen und damit ein lebendiges Quartier schaffen, das auch für junge Leute aus aller Welt attraktiv ist.

Das Gespräch führte Katrin Saft.