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Babbeln beim Ebbelwoi

Mit leckerem Essen und Wein aus vergorenen Äpfeln will Frankfurt am Main von einer überraschenden Tatsache ablenken.

© Dominique Bielmeier

Liebe Anne,

gerade habe ich das Online-Quiz „Können Sie hessisch“ gemacht. Und was soll ich sagen: 9 von 10 richtigen Antworten. Vielleicht kann ich kein richtiges Sächsisch, aber ich babbel schon wie die Hesse! 

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Obwohl… Als ich am Montagabend meinen allerersten Apfelwein in einer urigen Kneipe in Sachsenhausen bestellt habe (wie sich das gehört), da sagte ein Mann an der Theke zu mir, ich solle das lieber lassen. 

Also nicht das mit dem Apfelwein - wobei mir das hier auch schon so mancher geraten hat - sondern den Versuch, ihn „echt hessisch“ auszusprechen. Ebbelwoi oder auch Äppelwoi, wie genau man das schreibt, darüber herrscht Uneinigkeit.

Dabei finde ich, dass man als Sachse (selbst als Zugezogener) eigentlich beste Voraussetzungen hat, den hiesigen Dialekt zu lernen. Wie eine meiner Dozentinnen im Journalistik-Studium mal über das Sächsische erklärt hat: Einfach den Unterkiefer etwas vorschieben und die Wörter weich drüber fließen lassen. Ich glaube, so viel anders funktioniert das hier auch nicht.

Wie du siehst, habe ich in den vergangenen Tagen intensive Studien über die regionalen Gepflogenheiten betrieben. Das hatte viel mit Essen und Trinken zu tun. Den Ebbelwoi habe ich „ungespritzt" getrunken, also pur. Das war zwar ziemlich sauer, aber nicht so schlimm wie befürchtet. Und weil sauer lustig macht, gab es den nächsten gleich als „Ebbelrol“ - Apfelwein mit Aperol. Irgendwas muss ich an dem Abend auch gegessen haben, aber ich erinnere mich nicht mehr so genau.

Dafür später: Handkäs mit Musik - ein Sauermilchkäse mit viehsch vielen Zwiebeln, wie wir in Sachsen sagen würden, eingelegt in Essig-Öl-Zwiebel-Marinade mit Kümmel. Das klingt gewöhnungsbedürftig, war aber zum Butterbrot ziemlich lecker, auch wenn ich den Kardinalfehler gemacht habe, ihn mit Messer und Gabel zu essen - die Gabel ist aber tabu! Upps. Grüne Soße mit Kartoffeln gab’s schon mehrmals. Sie schmeckt mir so gut, dass ich mich schon für die Rückkehr nach Sachsen mit Nachschub eingedeckt habe.

Aber Anne, langsam vermute ich, dass ihr hier in Frankfurt mit all den leckeren Sachen von einer ziemlich erschütternden Wahrheit ablenken wollt. Dieses angebliche „Mainhattan“ - das ist nämlich überhaupt keine Großstadt! Es ist ein richtiges Dorf!

Klar, über 700.000 Einwohner sind rund 200.000 mehr als Dresden hat. Aber sehr viele von ihnen leben auch in Gegenden, die auf „-heim“ enden: Heddernheim, Berkersheim, Bornheim, .… Sossenheim - das habt ihr euch doch ausgedacht! Ich glaube, ihr habt einfach die ganzen Dörfer in der Gegend aufgekauft, „Frankfurt“ auf die Ortsschilder gestempelt, und ein paar glänzende Hochhäuser in die Innenstadt gestellt, um davon abzulenken.

Oder wie ist es sonst zu erklären, dass man hier permanent mit jedem beim geringsten Anlass ins Gespräch kommt, als wäre man nur durch einen Gartenzaun auf dem platten Land voneinander getrennt? Die nette Buchhändlerin schickt mich in die Apfelweinkneipe, der Mann am Tresen erzählt mir die gesamte Historie des Ebbelwoi und schickt mich weiter zur nächsten Kneipe. Einen Stadtführer braucht man hier jedenfalls nicht, man erfährt auch so alles, was man wissen muss.

Eine große Hilfe sind auch die Kollegen. Die haben mir zum Beispiel erzählt, dass Frankfurt die neueste Altstadt der Welt hat. Das ist kein Witz, wie ich erst dachte: Erst im vergangenen Jahr wurde die Rekonstruktion der Gebäude um Dom und Römer fertiggestellt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sah die Innenstadt nämlich ähnlich verheerend aus wie Dresden nach den Luftangriffen. 

Die „neue Altstadt“ sieht beeindruckend aus, aber auch irgendwie zu frisch und zu perfekt, fast wie in einer Puppenstube. Und die akkurat gepflasterten Straßenzüge sind so sauber, als würde jeden Abend eine hessische Oma feucht durchwischen.

Apropos hessisch: Mein neues Lieblingswort ist „Kischedischdischdicher“. Kennst du das? Das habe ich aus einem anderen Hessisch-Quiz. 9 von 10, schon wieder.