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Bäcker mit Stammbaum

Die Geschichte der Bäckerei Höhme in Kurort Hartha ist mehr als 100 Jahre alt – der neue Chef schreibt sie jetzt fort.

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© Karl-Ludwig Oberthür

Von Erik Jahn

Kurort Hartha. Jetzt wird es kompliziert. „Wenn der älteste Sohn meines Urgroßvaters der Onkel meines Vaters ist, dann ist dessen Vater der Bruder des Onkels“, erklärt Matthias Höhme, wenn er über die Betriebschronik der Bäckerei Höhme in Kurort Hartha spricht. Der 28-jährige Inhaber muss schauen, dass er bei so viel Familiengeschichte nicht selbst den Überblick verliert. In nunmehr fünfter Generation betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Manuela die Familienbäckerei. Zu Jahresbeginn trat er in die Fußstapfen seines Vaters, Klaus Höhme.

Die Geschichte der Bäckerei reicht 116 Jahre zurück. Eine richtige Chronik führt die Familie nicht. Das Meiste, was Matthias Höhme weiß, das haben ihm sein Vater und Großvater erzählt. So weiß er, dass sein Ururgroßvater den Betrieb 1910 von einem Herrn Vörtler, dem ersten Bäcker im Ort, übernahm. Dieser hatte sich in dem 1872 erbauten vorderen Gebäudeteil eingerichtet. In diesem Teil des Hauses befinden sich heute der Verkaufsraum und das Büro der Bäckerei sowie Wohnräume.

Ab 1919 führte der Urgroßvater Arthur zusammen mit seiner Frau Martha die Bäckerei weiter. Diese bauten 1927 den auch heute noch als Backstube genutzten Gebäudeteil.

Um den Urgroßvater und seine Frau ranken sich einige Geschichten. „In der Zeit nach dem Krieg, als Lebensmittel rationiert waren, wurden meine Urgroßeltern zu kleinen Berühmtheiten im Ort. Die Martha hat dem einen oder anderen wohl immer wieder mal etwas zugeschoben, obwohl er keine Essensmarke hatte“, sagt Höhme. „Zumindest ist es das, was die Alten im Ort heute noch wissen. Erst kürzlich hat mir ein Herr wieder etwas erzählt. So schickte seine Mutter damals immer ihn statt des Bruders zu uns, da er der Bravste war und deswegen immer etwas mehr abbekam.“

Sohn wird Eigentümer

Über den Urgroßvater wird gesagt, dass er kurz nach dem Krieg von den Russen für ein paar Tage unter Arrest gestellt worden ist. „Die hatten spitzgekriegt, dass er einen regen Tauschhandel führte, um an mehr Rohstoffe zum Backen zu kommen und wollten ihm einen Denkzettel verpassen“, berichtet der Junior.

Nach 37 Jahren übergab Arthur Höhme 1956 die Bäckerei an seinen ältesten Sohn Rudolf – selbst gelernter Bäcker. Der hatte im Krieg einen Unterarm verloren. Aber seine Frau Hilde und der jüngere Bruder Heinz – Höhmes Großvater – halfen ja auch mit. „Mein Opa hatte eigentlich Autoschlosser gelernt. Er hat jedoch nie in diesem Beruf gearbeitet“, erzählt der Enkel.

Die Leidenschaft für das Bäckertum ging vom Großvater auf dessen Sohn Klaus über. Während Rudolfs Sohn Mediziner wurde, erlernte er das Bäckerhandwerk. Daher übernahm 1981 Klaus Höhme, der Vater von Matthias, das Geschäft vom Onkel. Bis 1987 musste er die Bäckerei pachten. „Nach dem Tod von Rudolf 1986 drängte mein Vater dann auf den Verkauf. Sonst hätte er sich etwas anderes gesucht“, erzählt der Bäckersohn. Der Vater wurde daraufhin neuer Eigentümer.

Braunkohle fliegt raus

Mit der Wende kam die Modernisierung. Die vier Knetmaschinen aus den 60er- und 70er-Jahren verrichten hingegen heute noch immer ihren Dienst. Eine gebrauchte Brötchenpresse und eine neue Ausrollmaschine wurden zusätzlich angeschafft. 1997 musste auch ein neuer Backofen her. „Der alte Ofen von 1976 wurde mit Braunkohle geheizt. Der war komplett zu. Bei der Demontage wurden 15 Schubkarren Asche aus dem alten Ofen geholt“, erinnert sich der damals Neunjährige. 2009 schließlich wurden die noch original aus dem Jahr 1927 stammenden Fliesen in der Backstube durch neue ersetzt.

Matthias Höhme hatte schon früh klare Vorstellungen. „Für mich stand schon immer fest, dass ich mal Bäcker werde“, sagt er. 2004 bis 2006 ging er bei seinem Vater in die Lehre und arbeitete seitdem als Geselle oder auch „Mädchen für alles“, wie er selbst sagt. „Daran hat sich auch jetzt als Inhaber nicht wirklich etwas geändert“, schmunzelt er. Sein Vater hat ihm nach knapp 35 Jahren das Geschäft übergeben.

Ob seine Kinder es ihm einmal gleichtun werden, das wird sich zeigen. „Da lasse ich ihnen freie Wahl. Das ist ja noch eine ganze Weile hin“, sagt der zweifache Familienvater. Wie lange sie mal machen wollen, fragt er seine Frau. „So lange, wie es eben geht.“