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Feuilleton

Mit dem Auto auf die Barbarine

Heimatliebe treibt in der Kunst herrliche Blüten. Eine Dresdner Galerie zeigt unter anderem, wie Massentourismus im Jahr 1920 ausgesehen hat.

Auf in die Sächsische Schweiz! Walter Hahns Karikatur „Die Erstürmung der Barbarine“ nimmt 1920 schon den Massentourismus aufs Korn. Das Wimmelbild ist eine Leihgabe von Ernst Hirsch aus Dresden. © Repro: Ronald Bonß

Was waren das doch für herrliche Zeiten, als man die Barbarine noch besteigen durfte! Jeder wollte da rauf, wenn man dem Fotografen und Zeichner Walter Hahn (1889 – 1969) glauben darf. Offenbar dachte auch mindestens jeder Zweite, dass er da mit Kinderwagen und Pkw raufkäme und es sich im Badewannenbiwak gemütlich machen könnte. Walther Hahn hatte vermutlich so seine ganz eigenen Erlebnisse mit dem seltsamen Benehmen der Städter in der Sächsischen Schweiz, wo er einst bahnbrechend fotografierte.

Wir haben das Wimmelbild zweigeteilt, damit Sie einen genauen Blick auf die Details werfen können:

Der obere Teil des Wimmelbildes ... © Repro: Ronald Bonß
... und der untere. © Repro: Ronald Bonß

Heimatliebe trieb und treibt in der Kunst überraschende und kitschige, witzige und liebevolle, scharf- und hintersinnige Blüten. Einige davon hat Holger John zu einem kunterbunten Jubiläumsstrauß zusammengebunden. Mit der Schau feiert er fünfjähriges Jubiläum als Galerist und holt den Begriff „Deutsche Heimat“ aus der Missbrauchs- und Missverständnisecke.

Wenn John Bilder für eine Ausstellung zusammenträgt, erfährt er jedes Mal Geschichten oder findet Dinge, die Assoziationen wecken. Wie zum Beispiel der gewaltige Koffer, der die Initialen O. K. und die Jahreszahl 1932 trägt. Gehörte er etwa Oskar Kokoschka? War dieser Koffer das Reisegepäck des Malers, der sich 1924 von seiner Dresdner Professur freistellen ließ, um seine Karriere international aufzubauen? Wie auch immer: Er hatte ihn nicht dabei, als er die Akademie endgültig verließ. Das wäre dem Pförtner aufgefallen, zu dem Kokoschka gesagt haben soll: „Ich gehe jetzt mal.“ Er ward nie wieder in Dresden gesehen.

Ein anderer privater Schatz kam aus der Dresdner Familie Schmatze in die Galerie. Vater Willy war Dekorationsmaler und porträtierte gern, natürlich auch seinen Sohn, an den später seine Briefe von der Ostfront adressiert waren. Der Vater ermahnte den Sohn immer wieder, fleißig zu lernen und ein guter Junge zu sein.

Überhaupt ist es erstaunlich, was bei Heimatfreunden, also den privaten Leihgebern, überm Sofa hängt: Johannes Kühl, Curt Querner, Horst Janssen. Oskar Seyffert. Ein Spitzweg ist dabei, und Siegfried Klotz mit seinem letzten, unvollendeten Dresden-Bild. Und junge Künstler wie Stefan Ruderisch, Leano Modo oder Manaf Halbouni blicken mal besorgt, mal belustigt, aber immer erfrischend anders auf ihre Heimat.

„Deutsche Heimat“, bis 7. April in der Galerie Holger John, Dresden, Rähnitzgasse 17, Di – So 14 – 19 Uhr.