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Bauer Wenskes Kühe fahren nie mehr mit dem Spreewaldkahn – der Schlachter wartet

Die Viehzucht lohnt sich nicht mehr – eine lange Tradition geht zu Ende.

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Von Michael Klug

Spreewaldbauer Harald Wenske redet ruhig auf seine Kühe ein, gibt ihnen einen kleinen Klaps, und die Tiere stolpern von der Weide hinüber auf den Spreekahn. Dann wirft Wenske den Motor an, und die Kühe fahren zum letzten Mal auf dem Spreekahn zu ihrem Stall in Lehde.

„Diese Woche kommt der Schlachter, dann ist nach 30 Jahren Schluss“, sagt Bauer Wenske zum Ende der langen Tradition. Seit den 70er Jahren war er im Hauptberuf Spreewaldbauer. Nun aber lohnt sich das nicht mehr. „Um den Förderkriterien der EU gerecht zu werden, müsste ich in eine neue Güllegrube investieren. Die 20000 Euro sehe ich doch aber nie wieder“, sagt der 59-Jährige verbittert. „Ich hätte gerne noch ein paar Jahre gemacht. Bis zur Rente wollte ich eigentlich durchhalten.“

„Davon kann man nicht leben“

Wenske wird für seine letzten sechs Kühe 2000 Euro bekommen. Seinen Sohn Michael locken solche Einkommensaussichten nicht. „Davon bekommt man noch nicht einmal die Unkosten rein, und leben kann man davon gar nicht“, sagt der 31-Jährige. Selbst im Nebenerwerb lohne sich diese Landwirtschaft nicht. Deshalb hat sich der gelernte Koch unlängst auf einen anderen Einkommenszweig im Spreewald konzentriert. „Mit meiner Arbeit als Koch im Restaurant bekomme ich wenigstens die Familie satt“, sagt er.

Bauer ist Landschaftspfleger

Höhere Zuwendungen vom Staat kann Michael Wenske für die Fortführung der Tradition nicht erwarten. „Den besonderen Bedingungen der Spreewaldbauern wird schon Rechnung getragen, indem sie mehr Geld als andere Bauern bekommen“, sagt dazu der Sprecher des Landwirtschaftsministeriums, Jens-Uwe Schade. So erhalten die Bauern für die kleinflächige Bewirtschaftung und den schwierigen Transport ihrer Maschinen im überfluteten Spreewald gesonderte Ausgleichszahlungen.

Dieses Geld reicht jedoch keineswegs, wie Michael Petschick von der Spreewald-Stiftung sagt. „Um einen Hektar Land halbwegs betriebswirtschaftlich zu betreiben, müsste man 7000 Euro vom Boden holen. Und da gibt es hier kein Produkt, das das leistet“, sagt Petschick. Er plädiert für einen gemeinsamen Fonds für die Spreewaldbauern aus Mitteln des Bundes, der Kommunen und ortsansässiger Wirtschaft. „Der Bauer ist der Landschaftspfleger Nummer eins. Ohne ihn droht eine Verwilderung und schließlich das Sterben des Spreewaldes. Das zu verhindern, muss von bundesweitem Interesse sein“, appelliert Petschick.

Dass sich die fehlende Pflege schon jetzt negativ auf die Natur auswirkt, davon sind viele Spreewälder überzeugt. Der Hobbyfotograf Gerhard Golinski aus Lehde will einen Rückgang der Artenvielfalt festgestellt haben. Fischotter und Schwarzstörche habe er schon lange nicht mehr vor die Kamera bekommen. „Die letzten Otter mit Jungen waren hier vor drei Jahren. Seitdem sind sie spurlos verschwunden. Das Gleiche ist auch mit dem Schwarzstorch passiert“, sagt Golinski. Als Grund sieht er die mangelnde Pflege der Flächen. „Die Fließe werden sich selbst überlassen und verschlammen. Dadurch gehen die Fischbestände zurück, und Fischfresser wie Otter und Storch kommen wegen der verbuschten Ufer nicht an ihre Beute.“

Neue Konzepte müssen her

Diese Beobachtung kann Michael Petschick wiederum nicht teilen. „Der Spreewald ist nach wie vor eines der größten Reproduktionsgebiete des Fischotters in Deutschland. Und zwei bis drei Schwarzstorchpaare brüten im Biosphärenreservat“, sagt er.

Aus dieser Tatsache schöpft Petschick auch Hoffnung für die Zukunft. „Der Spreewald hat sein Potenzial als einzigartige Kulturlandschaft noch lange nicht verloren. Man muss nur weiter machen mit neuen Konzepten.“ (ddp)