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Ein etwas anderer Rucksack - komplett aus der Oberlausitz

Die Kiepe vom Label Laba wird zu 100 Prozent in den Kreisen Bautzen und Görlitz hergestellt – fair und nachhaltig. Dabei trifft alte Handwerkskunst auf 3D-Druck.

Von David Berndt
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Gerhard Zschau vertreibt mit seinem Modelabel Laba nicht nur Kleidung, sondern auch eine Kiepe, die ausschließlich in der Oberlausitz produziert wird.
Gerhard Zschau vertreibt mit seinem Modelabel Laba nicht nur Kleidung, sondern auch eine Kiepe, die ausschließlich in der Oberlausitz produziert wird. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. 150 Kilometer. Und davor gehört eigentlich noch ein großes „nur“. Die Kiepe von Gerhard Zschau und seinem Modelabel Laba für Bio- und Fairtrade-Kleidung wird innerhalb dieses Umkreises in der Oberlausitz und damit auf kurzen Transportwegen und mit guter Klimabilanz produziert. „Ich habe das irgendwann wieder in meinem Notizbuch gefunden, aber ich weiß nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin, eine Kiepe zu machen. Es war einfach da. Und natürlich dachte ich, das muss aus der Oberlausitz kommen.“

Ein zentraler Ort der Produktion ist Milkel im Norden des Landkreises Bautzen, wo der Hauptrohstoff für die Kiepe wächst, die der dort ansässige Meister des Korbmacherhandwerks Thomas Scheffel geschickt zusammenfügt: Äste der Amerikanerweide werden verflochten. Dazu kommt Kiefer, die für Stabilität sorgt. Beide Pflanzen gedeihen nachhaltig. Mit Pestiziden kommen sie nicht in Kontakt.

Die Kiepe aus Weide wird innen mit Leinen ausgekleidet. Das passiert in Neukirch/Lausitz.
Die Kiepe aus Weide wird innen mit Leinen ausgekleidet. Das passiert in Neukirch/Lausitz. © SZ/Uwe Soeder

Kontakt zur Leinenmanufaktur von Kleist aus Neukirch/Lausitz gab es bereits, weil hier schon Laba-Turnbeutel gefertigt wurden. Für die Kiepe machen die Leinenweber hier aus französischem Flachs das Futter und die kleine Tasche im Inneren sowie den Bezug für das Rückenpolster.

Wie Milkel ist auch Camina ein Ortsteil der Gemeinde Radibor im sorbischen Siedlungsgebiet. Hier stellt Raumausstattermeister Andreas Krahl das türkisfarbene Gurtsystem und den Verschluss der Kiepe her. „Es hat vorher noch niemand, soweit ich das weiß, ein praktikables, verstellbares Gurtsystem an eine Kiepe gebaut“, sagt Gerhard Zschau.

Die Kiepe hat Rückenpolster und ein verstellbares Gurtsystem.
Die Kiepe hat Rückenpolster und ein verstellbares Gurtsystem. © SZ/Uwe Soeder

Als alles beisammen war und funktionierte, hat der damals noch in Berlin lebende Laba-Inhaber nach dem ersten Probeteil weitere neun Stück seiner sogenannten 0-Serie anfertigen lassen und sie zum Einkaufspreis von jeweils 259 Euro verkauft – online und innerhalb von nur zehn Minuten. Es war als Testphase gedacht, um Rückmeldungen über Tragekomfort und Alltagstauglichkeit zu bekommen. 1.500 Gramm wiegt die Kiepe und misst 37 mal 27 mal 22 Zentimeter. Wer höchstens 75 Kilogramm schwer ist, kann sich auch darauf setzen. Zumindest ist die Belastbarkeit bis zu diesem Gewicht getestet.

Eine solche Kiepe der ersten Reihe nutzt zum Beispiel Doreen Dietz aus Bautzen, die sich selbst als glückliche Kundin bezeichnet. „Dafür entschieden habe ich mich tatsächlich, um diesen Hintergrundgedanken der regionalen Produktion zu unterstützen. Die Weide wächst hier und wird hier verflochten. Rückenpolster, Innenauskleidung, Gurte und selbst die kleinen Hingucker sind alle von hier - aus der Oberlausitz. Toll, toll, toll!“

Die Ergotherapeutin trägt ihre Kiepe nahezu täglich, privat wie beruflich. „Ich bin Therapeutin und gehe auch zu Patienten nach Hause. Dafür brauche ich Materialien und die Patientenakten. Das lässt sich ganz klasse damit transportieren, und dieser Rucksack ist jedes Mal aufs Neue ein spannendes Gesprächsthema.“ Seit dem zweiten Advent können sich Passanten ihre Kiepe auch im Schaufenster ihrer Arbeitsstätte an der Vogelkreuzung ansehen, getragen von einem Skelett.

„Kiep it real“ ist jetzt eingetragene Marke

Mittlerweile kostet die Kiepe nach einigen Verbesserungen 100 Euro mehr. Es sei eine extreme Kunst, diesen Preis zu rechtfertigen, sagt Gerhard Zschau, der aus Bautzen stammt, lange in Berlin gelebt hat und von dort nach Görlitz gezogen ist. Zu den Kosten für die Rohstoffe, vor allem die Weide und das Leinen, kommen natürlich die für die Produktion.

Wer eine Kiepe haben möchte, muss neben dem Geld auch etwas Geduld mitbringen. Als Gerhard Zschau seinem Korbflechter von neuen Bestellungen erzählte, sagte dieser: „Alles klar. Ich habe die Weide jetzt eingelegt und vorher geschält. In zwei Wochen können wir anfangen.“ Das Weidenfeld befindet sich direkt neben seinem Haus. „Das ist der Wahnsinn“, findet der Auftraggeber aus Görlitz. „Regional-nachhaltiger geht es nicht.“

Die Gurte seien zwar aus Kunststoff, aber Gerhard Zschau habe noch keine Naturalternative gefunden, die farblich so knalle. „Das war mir wichtig. Sonst erweckst du keinen Eindruck.“ Mit der Kiepe könne man viele Leute ansprechen: Menschen, die im Büro oder einer Bank arbeiten und sich die Kiepe als Kontrast auf den Rücken schnallen wollen. „Dann gibt es Menschen, denen regionale Wertschöpfung unheimlich wichtig ist, die wissen wollen, wo es herkommt und wer es angebaut hat.“ Mittlerweile ist dieses Produkt mit dem Namen „Kiep it real“ eine eingetragene und geschützte Marke.

Gerade das überschneidet sich mit den Interessen Gerhard Zschaus. „Wenn ich die Kiepe nicht hier in der Oberlausitz hätte produzieren können, wäre sie nicht entstanden.“ Wer einen praktischen Rucksack brauche, der robust sei, nicht umfällt und lange hält, sei mit der Kiepe gut bedient. Auch Menschen, die damit eine Geschichte erzählen wollen, seien hier richtig, meint Gerhard Zschau.

Das treffe auch auf einen Teil seiner von ihm so benannten Story-Fashion zu. Jüngstes Beispiel sei das Shirt mit dem Rübezahl-Abdruck des Künstlers Johannes Wüsten. „Und es dient der ganzen Politik, der Handwerkerschaft vielleicht als Paradebeispiel, wie Strukturwandel gelingen kann in den Gewerken. Wenn Innovation angenommen wird und man macht mehr als nur einen Wäschekorb oder Reparaturen und vermarktet diese Handwerkskunst aus der Oberlausitz.“

Die Schnallen der Kiepe werden künftig aus recycelten Plastikflaschen hergestellt.
Die Schnallen der Kiepe werden künftig aus recycelten Plastikflaschen hergestellt. © SZ/Uwe Soeder

Und die Handwerkskunst wird demnächst auf ganz neue Technik treffen. Denn in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Kunststoffzentrum Oberlausitz in Zittau und dem Projekt Makerspace in Löbau soll es mittels 3D-Druck und Spritzgusstechnik künftig Schnallen für die Kiepe aus recycelten Plastikflaschen geben.