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Von Schirgiswalde in die New York Times

Der Oberlausitzer Illustrator Daniel Stolle veröffentlicht seine Kunst in Zeitungen und Magazinen weltweit. Einfach war sein Weg nicht - kann aber als Vorbild dienen.

Regelmäßig veröffentlicht der Künstler Daniel Stolle in namhaften internationalen Zeitschriften und Zeitungen seine Zeichnungen. Seine Herkunft aus Schirgiswalde hat er dabei nie vergessen.
Regelmäßig veröffentlicht der Künstler Daniel Stolle in namhaften internationalen Zeitschriften und Zeitungen seine Zeichnungen. Seine Herkunft aus Schirgiswalde hat er dabei nie vergessen. © Konsta Leppänen

Schirgiswalde/Hämeenkyrö. Geschichten wie von Daniel Stolle werden gern mit dem Attribut "amerikanischer Traum" gelabelt - zu klischeehaft, um wahr zu sein, aber geschrieben vom echten Leben: Aufgewachsen ist der heute 38-Jährige in der Kleinstadt Schirgiswalde, ging nach seinem Abitur nach Dresden, studierte dort Produktdesign. Das, sagt er heute, war naheliegend - schließlich sei er schon immer ein kreativer Kopf gewesen. Wie zum Beweis greift er während der Videokonferenz ins Regal hinter sich, zieht eine Mappe hervor und hält sie in die Kamera: "Hier habe ich noch Zeichnungen aus dem Kindergarten. Gemalt habe ich schon immer gern", erklärt er.

Während er ein krakeliges Selbstbildnis hervorkramt, sitzt Stolle in seinem Studio in Hämeenkyrö, 1.289 Kilometer von Schirgiswalde entfernt. In dem 500 Quadratkilometermeter großen Ort im finnischen Westen lebt er inzwischen mit seiner Frau, einer einheimischen Künstlerin, und seinen beiden Kindern. "Hier gibt es Seen, Felder und Wälder - dazwischen verkleckert einzelne Häuser", beschreibt er seine neue Heimat. Das zu Hause seiner Familie sei völlig klischeehaft: ein typisches rot-weißes Holzhaus.

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Schon im Kindergarten hat Daniel Stolle seine Vorliebe für das Zeichnen entdeckt. Sein Stil hat sich im Laufe der Zeit aber verändert - wie dieses Selbstbildnis aus längst vergangenen Zeiten beweist.
Schon im Kindergarten hat Daniel Stolle seine Vorliebe für das Zeichnen entdeckt. Sein Stil hat sich im Laufe der Zeit aber verändert - wie dieses Selbstbildnis aus längst vergangenen Zeiten beweist. © Daniel Stolle

Kaum zu glauben, dass Daniel Stolle von diesem weltvergessenen Fleck der Erde aus als Illustrator den Siegeszug in die großen Medien der Welt antrat: Regelmäßig veröffentlicht er in namenhaften Zeitungen und Magazinen wie der amerikanischen Tageszeitung The New York Times, dem britischen Guardian oder deutschen Leitmedien wie dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel oder der Wochenzeitung Die Zeit.

Ein Selbstläufer sei die Karriere nicht gewesen, erklärt Daniel Stolle. Sie habe, im Gegenteil, viel Willen, Engagement und einiges an Entbehrungen gekostet. Er wird konkret: Dass der Beruf des Produktdesigners nichts für ihn ist, habe er schon während des Studiums begriffen, sagt er: "Im Osten gab es die Industrie, die einen Designer einstellt, damals nicht mehr. Außerdem braucht man für den Job immer eine gewisse Infrastruktur - eine Werkstatt etwa und Materialien."

Aber immerhin habe ihn das Studium zu einem Auslandssemester im finnischen Lahti verholfen - wo er nicht nur seine heutige Frau kennenlernte, sondern sich auch von einer Reihe finnischer Illustratoren inspirieren ließ.

Vom Zeitungsausträger zum renommierten Künstler

"Ich hatte nicht geplant, in Finnland zu bleiben", sagt er heute. Dennoch kehrte er nach seinem Abschluss in den europäischen Norden zurück - ohne Job, ohne Sprachkenntnisse, dafür mit einem Plan: "Man braucht nicht viel, um als Illustrator tätig zu sein", sagt Stolle heute.

In Finnland machte Daniel Stolle sich als Illustrator selbstständig. Von dort aus beliefert er weltweit renommierte Zeitungen und Magazine. Zu seinen Kunden zählen unter anderem die New York Times, der Guardian, Der Spiegel und die Zeit.
In Finnland machte Daniel Stolle sich als Illustrator selbstständig. Von dort aus beliefert er weltweit renommierte Zeitungen und Magazine. Zu seinen Kunden zählen unter anderem die New York Times, der Guardian, Der Spiegel und die Zeit. © Daniel Stolle

Zunächst aber war das Leben des heute weltweit abgedruckten und preisgekrönten Künstlers wenig glamourös: "Ich habe Zeitungen ausgetragen, einen Sprachkurs besucht und jeden Tag gezeichnet", sagt Stolle. Die Ergebnisse seiner Arbeit veröffentlichte er auf seiner Homepage. "Es hat eine Zeitlang gedauert, aber 2007, etwa ein Jahr, nach meiner Auswanderung, hatte ich meinen ersten Auftrag", erinnert er sich zurück. Der kam nicht von irgendwoher, sondern von The New Yorker. "Das ist die Zeitung, in die jeder Illustrator rein will", sagt Stolle nicht ohne Stolz.

Gerade einmal vier mal vier Zentimeter groß sei die Darstellung gewesen - aber sie sorgte für Stolles Durchbruch: "Es hat noch eine Weile gedauert, aber die Aufträge sind stetig mehr geworden. Relativ schnell hatte ich dann Kunden aus Amerika, Kanada, Großbritannien, Deutschland und der Schweiz", zählt er auf.

Trotz internationalem Erfolg auf dem Boden geblieben

Um die Kundenwünsche zu erfüllen, musste Stolle seine Komfortzone verlassen: "Plötzlich musste ich, um Themen entsprechend meiner Ideen zu illustrieren, Motive zeichnen, die mir nicht so lagen. Aber so habe ich Stück für Stück mein Repertoire erweitert", erklärt er. Und nicht immer sei es die clevere Idee, die zum Ziel geführt habe: "Themen aus den Bereichen Psychologie, Gewalt oder Kriminalität muss man eher aus der emotionalen Ebene heraus angehen", erklärt er.

Etwa 50 Werke pro Jahr, schätzt er, muss er heute produzieren, um von seinem Handwerk zu leben. Dabei ist er auf mehreren Ebenen bodenständig geblieben. Er hält sein Skizzenbuch in die Kamera und sagt: "Die erste Idee findet immer mit Bleistift und Papier statt."

Und auch seine alte Heimat hat er nie vergessen: "Schirgiswalde ist, wo ich herkomme", sagt er. Etwa einmal jährlich sei er mit seiner Familie in der Oberlausitz. In der Sächsischen Zeitung, sagt er, habe er bislang noch nie veröffentlicht. Wohl aber sei er mit dem Fabmobil, einer Art fahrendem Design- und Experimentierlabor, vor Ort unterwegs gewesen und habe die Tour in einem illustrierten Tagebuch festgehalten.

In seiner ganz eigenen Geschichte erkennt Stolle auch eine Entwicklungsperspektive für seine Heimat: "Vom Fabmobil kann man eine ideale Arbeitsweise für strukturschwache Regionen ableiten", sagt er und meint: International erfolgreich sein kann man heute von jedem Ort der Welt aus. "Ich sage nicht, dass das der richtige Weg für jeden ist und es ist auch nicht einfach. Aber wenn man den eigenen Weg gehen will und der eigene Horizont weit genug ist, ist es völlig egal, ob man in Königswartha oder Berlin sitzt."

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