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Die letzten Stolle-Äpfel aus Schirgiswalde

Gut 30 Jahre hat Bernhard Stolle die Obstplantagen in Schirgiswalde bewirtschaftet. Nun fährt er die letzte Ernte ein. So geht es künftig weiter.

Von Lucy Krille
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Bernhard Stolle in der Apfelplantage an der Wehrsdorfer Straße in Schirgiswalde. Es werden die letzten Früchte sein, die der Obstbauer erntet, bevor er in den Ruhestand geht.
Bernhard Stolle in der Apfelplantage an der Wehrsdorfer Straße in Schirgiswalde. Es werden die letzten Früchte sein, die der Obstbauer erntet, bevor er in den Ruhestand geht. © Steffen Unger

Schirgiswalde. Das Vogelgezwitscher auf der Schirgiswalder Obstplantage wird nur durch den Traktor übertönt, der an unzähligen Apfelbäumen und Holzkisten vorbeifährt. In mehr als hundert Reihen stehen sie auf der weitläufigen Plantage von Obstgärtner Stolle an der Wehrsdorfer Straße.

Noch ein paar Tage, dann hat Bernhard Stolle die letzte Ernte reingeholt. Die meisten Äpfel wurden schon von den rumänischen Erntehelfern abgenommen. Außerdem haben Selbstpflücker in den letzten zwei Wochen fleißig geerntet.

Stolle hört im November auf

„20 Prozent mehr als letztes Jahr“, schätzt Stolle, wurde auf der 16 Hektar großen Plantage geerntet. „Das Angebot wurde gut angenommen“, freut sich der Obstgärtner. Schon am ersten Tag seien 500 Menschen gekommen.

Rund 20 Apfelsorten - von Boskop bis Jonagold - hat der Unternehmer angebaut. Die glänzend roten Äpfel der Sorte Idared werden mit die letzten sein, die Stolle erntet. Dann geht der Obstgärtner in den Ruhestand. Nach über 30 Jahren trennt er sich von einem Großteil seiner Plantagen und Maschinen sowie Lagerhalle und Scheune.

All das gehört dann zum Stadtgut Görlitz. Und das sucht noch neue Mitarbeiter. Zwar übernimmt das Stadtgut auch Stolles Personal, jedoch wird die Bewirtschaftung des Bioland-Betriebes arbeitsintensiver sein. Außerdem geht ein Mitarbeiter ebenfalls in Rente, und auch die Arbeit von Bernhard Stolle wird den Görlitzern fehlen. „Ich war ja nicht nur der Mann am Schreibtisch“, sagt der 64-Jährige.

Preisdruck und Pilzbefall bereiten Sorge

Stolle kümmerte sich zum Beispiel auch um die Verladung und den Transport der rund 500 Tonnen Äpfel. Der Löwenanteil geht vom Lager in Schirgiswalde an eine Erzeugergenossenschaft bei Röhrsdorf. Heute gebe es immer weniger Gemüsegeschäfte, und direkt an die Märkte in der Region zu verkaufen gehe nicht. „Die Handelsketten beziehen ihr Obst auch nur aus dem Zentrallager“, erklärt Stolle das System.

Der Abnahmepreis für das Obst sei dagegen in den letzten Jahren kaum gestiegen. Die Debatte um einen Mindestlohn von zwölf Euro sieht Stolle deswegen kritisch. Der Lohnaufwand sei hoch, allein an der Apfelernte seien 24 Helfer beteiligt. Seine Befürchtung ist, dass immer mehr regionale Bauern aufhören.

Neben dem Preisproblem hat Stolle in den letzten Jahren auch vermehrt mit Pilzkrankheiten zu kämpfen gehabt. „Dies liegt aber nicht am Klimawandel, ich würde es eher auf die saubere Umwelt schieben“, sagt Stolle. Das klingt paradox. Bernhard Stolles Blick geht über die Apfelplantage hinaus, er erklärt: „Früher hat der saure Regen durch die vielen Braunkohlewerke die Pilze bekämpft. Heute sind das weniger.“

In Zukunft kein Direktverkauf mehr

Dieses Jahr ist der Obstbauer mit der Apfelmenge zufrieden. Tafelware, die im Geschäft gekauft werden kann, gebe es jedoch weniger als letztes Jahr. Die Äpfel von den Schirgiswalder Plantagen werden schon dieses Jahr und auch künftig nicht mehr auf Märkten oder in Hofläden angeboten.

Die Struktur des Stadtguts sei nicht geeignet, um den Direktverkauf fortzuführen. „Dieser war eng an die Familie Stolle gebunden“, begründet Geschäftsführer Frank Richter die Entscheidung.

Bernhard Stolle ist aber um einen regionalen Verkauf bemüht. „Was mir am Herzen liegt, ist, dass der Verkauf am Baumarkt Eisen Krämer in Zukunft von einem Berufskollegen weiter betrieben wird“, sagt er und verrät, dass er dazu bereits einige Gespräche geführt hat.

Flächen werden auf Bio-Anbau umgestellt

Offen bleibt, wie es mit der Selbstpflücke weitergeht. Stolle hofft, dass der neue Betreiber Interessenten weiter die Möglichkeit geben wird, Äpfel selbst zu ernten. Nächstes Jahr könnten diese dann Bio-Qualität haben. Zwar gelten die Erzeugnisse erst nach drei Jahren als Öko-Ernte, doch Stolle hat bereits den Einsatz von Düngemitteln zurückgefahren.

Das Stadtgut will die Apfel- und Aronia-Plantagen in Zukunft biologisch bewirtschaften. Erdbeeren und Kirschen werden aber bald nicht mehr geerntet.

43 der 45 Verpächter haben ihr Land an den neuen Betreiber verpachtet, vor zwei Wochen sei der letzte Vertrag unterzeichnet worden. Die restlichen Flächen machten keinen so großen Anteil aus, so dass das Stadtgut bald starten könne.

Bernhard Stolle wird das in Zukunft nur noch von außen beobachten. Auf die Frage, wo er nun seine Äpfel kaufen wird, zuckt er die Schultern. „Das weiß ich auch noch nicht.“ Er freue sich nun erst einmal auf mehr Zeit für die Familie. „Nun haben wir die Möglichkeit, unseren Sohn und die Enkelkinder in Finnland mal für längere Zeit zu besuchen“, freut sich der 64-Jährige.