merken
PLUS Bautzen

Kelterei Dressler schließt Ende Mai

Nach knapp 90 Jahren endet die Geschichte des Lohnmost-Betriebes in Großpostwitz. Zuletzt fehlte es dem Familiengeschäft nicht nur an Obst.

Stefanie Bauer ist erst seit 2019 Inhaberin der Kelterei Dressler. Dass sie den Betrieb jetzt schließen muss, bedauert sie.
Stefanie Bauer ist erst seit 2019 Inhaberin der Kelterei Dressler. Dass sie den Betrieb jetzt schließen muss, bedauert sie. © Steffen Unger

Großpostwitz. Normalerweise ist in der Halle der Kelterei Dressler in Denkwitz bei Großpostwitz nur der Mittelgang frei, weil rechts und links alles voller Getränkekisten steht. Aber so nach und nach leert sich der Raum, erklärt Inhaberin Stefanie Bauer. „Ende Mai schließt die Kelterei, und bis dahin verkaufen wir auch noch.“ Bis zum 31. Mai werden also noch die übrigen Flaschen Apfelsaft oder Schwarzer Johannisbeer-Nektar sowie die Frucht- und Glühweine an die Kunden abgegeben. Rund 30 Sorten gibt es insgesamt.

1934 hatte Stefanie Bauers Urgroßvater Ernst Dressler die Kelterei in Denkwitz gegründet. In wenigen Wochen endet die Geschichte des Betriebes in dem kleinen Großpostwitzer Ortsteil - leider, wie Stefanie Bauer sagt. „Wir haben in der Familie alles geklärt und gemeinsam beschlossen, dass es sich nicht mehr lohnt. Es ist sehr schade um die Familientradition, aber es handelt sich nicht um eine persönliche Tragödie. Wir bedauern das sehr und bedanken uns bei unseren langjährigen Kunden.“ Dass der Betrieb nun schließt, sei Folge verschiedener Entwicklungen, die alle nur bedingt oder gar nicht beeinflussbar seien.

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Immer weniger Kunden bringen Äpfel und Beeren

Im Sommer haben die Kunden stets Beeren und Sauerkirschen, im Herbst Äpfel, Birnen und Quitten zur Kelterei Dressler gebracht und dafür Säfte zu günstigeren Preisen erhalten. „Der Lohnmost war unser Hauptgeschäft. Aber immer mehr Leute pflanzen Apfelbäume nicht nach oder entfernen sie“, führt Stefanie Bauer aus. Viele ihrer Kunden seien schon älter und schafften es nicht mehr, sich um die Ernte und den Transport nach Denkwitz zu kümmern. „Es fehlt an Äpfeln. Die klassische Lohnmost-Kundschaft besteht aus Senioren.“

Stefanie Bauer kann sich noch an Jahre erinnern, als die Kunden mit ihren Autos Schlange standen „bis vor zur Hauptstraße“, um ihr Obst abzugeben. Rund 500 Meter sind es von der Kelterei in Denkwitz bis vor zur B 96. Eine schmale Straße, auf der kaum zwei Autos nebeneinander passen, rechts und links von Feldern gerahmt und mit ein paar Obstbäumen am Wegesrand. Wer hier warten musste, hat vielleicht auch den Blick nach Bautzen genossen und darüber hinweg.

Obsternten werden zunehmend schlechter

Das zweite große Problem, so Stefanie Bauer, sei der Klimawandel. „2019 gab es die schlechteste Apfelernte seit 30 Jahren, und auch 2020 war die Ernte nicht sehr ergiebig. Die Trockenheit im Frühjahr hat Einfluss auf die Apfelblüte, und die Äpfel haben dann nicht so viel Saft wie üblich“, erklärt die Kelterei-Inhaberin. Die jetzigen Apfelmengen seien nicht mit früheren Jahren zu vergleichen.

Und natürlich brauche es auch genügend Kundschaft, die regionale Produkte kaufen wolle und ein Bewusstsein dafür habe. „Alle Äpfel werden zusammen verarbeitet. Das macht unseren Saft aus, diese Mischung aus verschiedenen Streuobstsorten. Leider verschwinden diese alten Apfelsorten immer mehr.“ Der Apfelsaft sei das Aushängeschild der Kelterei gewesen. Vor allem deshalb kamen die Leute nach Denkwitz.

Neben den fehlenden Kunden und dem Klimawandel gibt es noch ein drittes Problem, erklärt Stefanie Bauer: die erfolglose Suche nach Personal. „Ich wollte eigentlich einen Betriebsleiter einstellen, der die Maschinen bedienen und reparieren kann. Da wir eine sehr kleine Firma sind, hätte er alles machen müssen und nicht ausfallen dürfen.“ Sie selbst sei Kauffrau und habe sich um fast alles gekümmert, aber an den Maschinen schrauben könne sie nicht. „Es gab weniger Bewerber als erhofft. Und auch Aushilfskräfte für die Zeit der Apfelernte zu bekommen, wurde immer schwieriger. Ganz allein und nur mit der Familie geht es dann auch nicht.“

Corona-Folgen verhindern neue Geschäfte

Erst 2019 hatte Stefanie Bauer die Führung der Kelterei übernommen und sich einige Ziele gesteckt. Doch nun hätten ihr zusätzlich zu den genannten Gründen für die Schließung die Folgen der Corona-Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bis dahin sei das Hauptgeschäft über Privatkunden gelaufen. Dazu gab es ein paar Getränkehändler, Supermärkte und Gaststätten, die beliefert wurden. „Als ich die Kelterei übernommen hatte, wollte ich noch weitere Standbeine aufbauen: stärker an die Gastronomie verkaufen und Stände auf Weihnachtsmärkten betreiben.“

Ein Marktstand wurde gekauft und umgebaut. „Damit haben wir 2019 auf dem historischen Weihnachtsmarkt in Bautzen gestanden. Das lief gut.“ 2020 sei man schon für den Wenzelsmarkt angemeldet gewesen, der aber corona-bedingt abgesagt wurde. Und weil die Gastronomie bis auf das Abholen und Ausliefern von Speisen und Getränken seit Monaten nicht öffnen darf, ist auch aus diesem Geschäftszweig nichts geworden.

Was nach der Kelterei-Schließung mit den Lagerhallen passiert, ist noch nicht geklärt. Die Maschinen sollen verkauft werden. In den verbleibenden Wochen werde nun noch einmal Apfelsaft abgefüllt und das Geschäft zu den gewohnten Zeiten geöffnet. Kunden können Saft und Wein kaufen sowie leere Flaschen zurückgeben. Da es sich dabei um offizielle Flaschen des Verbandes der deutschen Fruchtsaftindustrie handelt, ist das später auch bei anderen Anbietern möglich.

Sowohl auf den Internetseiten der Kelterei als auch am Verkaufsstand vor Ort weist der Familienbetrieb Kunden darauf hin, offene Gutscheine bis Ende Mai einzulösen. Es könnte sich also doch nochmal eine Warteschlange bilden dieser Tage in Denkwitz.

Weiterführende Artikel

Weniger Annahmestellen fürs Streuobst

Weniger Annahmestellen fürs Streuobst

Die Lohnmost begann zögerlich, Annahmestellen verschwanden. Falläpfel werden aber zunehmend verfüttert statt vermostet.

Was ist heute im Landkreis Bautzen wichtig? Das erfahren sie täglich mit unserem kostenlosen Newsletter. Jetzt anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen