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Bautzen: Chef der Schullandheime sagt Tschüss

Fünf Schullandheime bieten im Kreis Bautzen Kindern und Jugendlichen schöne Tage. Seit 30 Jahren sorgt dafür vor allem ein Mann - der jetzt kürzertritt.

Von Tilo Berger
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Andreas Stelzmann und seine Nachfolgerin Nicole Yücel stehen vor der Geschäftsstelle des Schullandheime-Vereins an der Bautzener Schloßstraße.
Andreas Stelzmann und seine Nachfolgerin Nicole Yücel stehen vor der Geschäftsstelle des Schullandheime-Vereins an der Bautzener Schloßstraße. © Steffen Unger

Bautzen. "Wir fahren auf Klassenfahrt." Der Satz verspricht Freiheit und Abenteuer. Gemeinsame Zeit mit Schulfreunden, ohne auf der Schulbank zu sitzen. Wer noch zu DDR-Zeiten in die Schule gegangen ist, weiß: Ein-, zweimal im Schuljahr ging es für ein paar Tage auf Klassenfahrt, dann wurde meist tagsüber gewandert und abends gefetet. Organisiert wurde das meist von den Schulen selbst, die Fahrten waren Teil des Bildungssystems.

Als um das Jahr 1990 alles im Umbruch war, stand auch beim Thema Klassenfahrten die Frage: Wie weiter? Und es ist Menschen wie Andreas Stelzmann zu verdanken, dass es dafür heute Schullandheime mit spannenden Angeboten gibt. 30 Jahre lang war der drahtige Wahl-Oberlausitzer das Gesicht das Vereins Schullandheime des Landkreises Bautzen. Jetzt zieht er sich zurück - mit 74 Jahren, die ihm niemand glaubt.

Helfender Rat kam aus dem Westen

Besagte Umbruchzeit brach gerade an, als Andreas Stelzmann mit seiner Frau und zwei Söhnen aus dem Berliner Raum in den Landkreis Bautzen kam. Sie suchten hier einen beruflichen Neustart in ihren Berufen - sie als Ärztin, er als Lehrer. Eine Arztpraxis war schnell gefunden. Er, der zuletzt in einem Kinderheim gearbeitet hatte, fragte bei der Schulverwaltung des Kreises nach einer Lehrerstelle.

Stattdessen wurde ihm etwas Anderes angeboten: Ob er die Touristenstation in Burk übernehmen wolle? "Das fand ich schon ganz reizvoll", erinnert er sich. Aber es war auch eine Zeit, in der viele Einrichtungen geschlossen wurden. Andreas Stelzmann fürchtete, der Rotstift könnte auch die sehr auf Camping ausgerichtete Touristenstation nahe der Bautzener Talsperre streichen.

Beim Verband Deutscher Schullandheime bekam er einen Rat, der fortan sein ganzes Berufsleben veränderte: Er solle einen Verein gründen, der die Touristenstation als Schullandheim weiterbetreibt. Gehört, getan. Andreas Stelzmann entwickelte ein Konzept nach dem Vorbild westdeutscher Schullandheime. Vom Freistaat Sachsen bekam er Fördergelder und machte so aus der ehemaligen Touristenherberge in Burk ein modernes Schullandheim.

Heime für 1,5 Millionen Euro modernisiert

Weil das so gut lief, hielt der Verein Ausschau nach weiteren geeigneten Häusern. Und fand sie beispielsweise in Halbendorf/Spree, wo eine frühere Jugendherberge leerstand. Mit Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Andreas Skomudek ließ der Verein das denkmalgeschützte Gebäude um- und ausbauen.

In Sohland/Spree wurde aus einem leerstehenden Kinderkurheim das nächste Schullandheim. Mit den Jahren kamen noch Häuser in Neukirch/Lausitz und Grüngräbchen bei Schwepnitz hinzu. In die Modernisierung der Heime flossen unterm Strich etwa 1,5 Millionen Euro Fördergelder, meist vom Freistaat. "Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Stelzmann.

Heute betreibt der Verein im Landkreis Bautzen fünf Schullandheime, in denen insgesamt etwa 300 Betten stehen. Darin schlafen nicht nur Schulklassen, sondern beispielsweise auch Chöre, Vereine auf gemeinsamer Reise oder die Teilnehmer von Familienfeiern. Denn auch Familien entdecken Landheime als einen Ort, wo sich beispielsweise ein runder Geburtstag begehen lässt und dann alle gleich schlafen können.

Corona-Gelder halfen beim Überleben

Knapp 30 Mitarbeiter kümmern sich in den fünf Heimen darum, dass sich alle Gäste gut ver- und umsorgt fühlen. Mitarbeiter, die es ohne Corona-Hilfen vom Staat nicht mehr gäbe. "Wir hatten ja etwa eineinhalb Jahre lang kaum Einnahmen", berichtet Stelzmann. Mit den Hilfsgeldern hielt sich der Verein über Wasser. Und um Kosten zu sparen, installiert er jetzt nach und nach auf allen Häusern Solaranlagen. Sie sollen für Strom und warmes Wasser sorgen.

Die Schulklassen und Reisegruppen kommen längst nicht mehr nur aus der näheren Umgebung. "Wir haben immer mehr Klassenfahrten aus den westdeutschen Bundesländern zu uns", freut sich Andreas Stelzmann. Dass viele jetzt die Oberlausitz als Reiseziel entdecken, liegt vielleicht auch daran, dass in Corona-Zeiten Fahrten ins Ausland entweder unmöglich oder weniger gefragt sind.

Um den Besuchern erlebnisreiche Tage zu ermöglichen, arbeitet der Verein mit mehreren Partnern zusammen. Der langjährige Geschäftsführer nennt als Beispiele die Naturschutzstationen im Landkreis, die Ranger im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, den Bautzener Türmer oder auch die Betreiber des Kletterparkes am Stausee.

Nachfolgerin seit zehn Jahren im Verein

Vor Feriencamps, die der Verein regelmäßig anbietet, werden die Kinder gefragt, worauf sie Lust haben. Und wer jetzt meint, das Interesse gelte vor allem dem Smartphone, der irrt gewaltig. "Die Kinder wünschen sich Camps mit Kochen und Backen, Erste-Hilfe-Kurse oder auch Entdeckungen auf den Spuren der Wissenschaft. Ganz hoch im Kurs stehen Harry-Potter-Camps mit Wanderungen in den verbotenen Wald und magischen Wettkämpfen. Wir sind eine Ideenfabrik", sagt Nicole Yücel.

Die 50-Jährige ist die Nachfolgerin von Andreas Stelzmann. Eigentlich aus dem Raum Aschaffenburg stammend, führten sie vor gut zehn Jahren familiäre Bande nach Bautzen. Seit einem Jahrzehnt arbeitet sie beim Schullandheim-Verein mit und kümmerte sich hier zunächst vor allem um das Kinderreisebüro. "Für viele Kinder sind unsere Reisen die einzige Möglichkeit im Jahr, mal rauszukommen und andere Bilder zu sehen."

Jetzt laufen alle Fäden also bei Nicole Yücel zusammen. Und was macht Andreas Stelzmann? Er könnte es sich im Schaukelstuhl gemütlich machen, den ihm der Verein zum Abschied schenkte. "Aber ich mach' schon hier noch bisschen mit, bei einzelnen Projekten", sagt der Ex-Chef. So ganz kann und will er von den Schullandheimen nicht lassen.