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Bautzenerin berichtet aus dem Krisengebiet Kasachstan

Edda Schlager aus Bautzen arbeitet seit 17 Jahren als Korrespondentin in Zentralasien. Gerade ist sie eine gefragte Gesprächspartnerin für viele Medien.

Von Theresa Hellwig
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Bilder von den Unruhen in Kasachstan laufen derzeit durch alle Medien. Immer wieder als Expertin angefragt wird dabei die Bautzenerin Edda Schlager.
Bilder von den Unruhen in Kasachstan laufen derzeit durch alle Medien. Immer wieder als Expertin angefragt wird dabei die Bautzenerin Edda Schlager. © Fotos: dpa/Wladimir Tretjakow, ZDF

Bautzen. Die Bilder der schweren Unruhen in Kasachstan machen fassungslos. Ein Schießbefehl gegen die Protestierenden, Dutzende Tote, mehr als 1.000 Verletzte: Alle Welt schaut derzeit auf das Land, in dem die Bevölkerung gegen das autoritäre Regime protestiert. Eine, die sich dort auskennt, ist Edda Schlager. Die Bautzenerin berichtet mittlerweile seit 2005 als Zentralasien-Korrespondentin aus Kasachstan, konkret aus der Stadt Almaty. Gerade ist sie deshalb eine gefragte Interviewpartnerin. Was die Lage in dem Land für sie bedeutet.

Frau Schlager, Sie waren in den letzten Tagen auf Heimaturlaub in Deutschland, haben Weihnachten in Bautzen verbracht. Sie sind also gerade nicht in Kasachstan. Was haben Sie empfunden, als Sie von der Lage im Land erfahren haben?

In den letzten Tagen habe ich nur funktioniert. Gestern war der verrückteste Tag meiner journalistischen Karriere bisher. Ich habe es nicht einmal geschafft, auf E-Mails zu antworten. Heute hatte ich einen ganz kleinen Moment zum Durchschnaufen. Ich musste mich aber auch entscheiden, wie ich weitermache. Versuche ich, rüber zu fliegen – ja oder nein?

Ich hatte Kontakt zu Freunden vor Ort, und ihre Nachrichten haben mich ganz schön aus der Bahn geworfen. Mir ist bewusst geworden: Die Stadt, die ich Ende November für meinen Weihnachtsurlaub verlassen habe, in die werde ich so nicht mehr zurückkehren. Die Stadt wird anders sein. Sie wird anders aussehen. Überall kaputte Gebäude, kaputte Straßen. Sicherlich wird man aufräumen, aber das ist ein Trauma für die Stadt. Die friedliche, fast mediterrane Atmosphäre, wie ich sie von dort kenne, wird es nicht mehr geben. Wenn ich daran denke, fange ich wieder an zu heulen.

"Reaktion anfangs war ruhig für kasachische Verhältnisse"

Ihr Zuhause dort ist auch nicht mehr sicher?

Meine Wohnung in Almaty ist genau in der Schusslinie. Ich würde gerne dorthin zurückkehren. Gerade heißt es aber, die Grenzen seien nur offen für Kasachen, Kirgisen und Russen – nicht für Ausländer. Realistisch gesehen komme ich gerade nicht nach Kasachstan. Man muss aber dazu sagen: Ich habe auch eine Wohnung in Deutschland.

Wann der nächste Flug geht, ist also völlig ungewiss?

Mein eigentlicher Flug ist umgebucht worden. De facto gibt es aber gerade keine Flüge. Ich werde es dennoch weiter versuchen.

Wie kam es zu den gewaltsamen Protesten?

Vorweg: Es strömen ständig neue Informationen auf mich ein, die Faktenlage ändert sich ständig. Es ist da aber ganz wichtig zu differenzieren. Nach aktuellem Stand gehe ich davon aus, dass das friedliche Demonstrationen waren, mit denen das Ganze begonnen hat. Die Reaktion der Behörden anfangs war relativ ruhig für kasachische Verhältnisse. Normalerweise werden dort Proteste immer sofort mit Festnahmen beantwortet.

Das hat dieses Mal anfangs nicht in großem Maße stattgefunden. Möglicherweise haben die Behörden die Massivität der Demonstrationen unterschätzt. Erinnern wir uns an die Bilder, die durch die Medien gingen. Da sind Demonstranten auf gekaperten Armee-Fahrzeugen durch Almaty gefahren. Und dann entwickelte sich das – vor allem in Almaty – plötzlich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen.

Unter uns Zentralasien-Beobachtern herrscht da mittlerweile die Meinung, dass das Gruppen waren, die das eskaliert haben. Die Frage ist: Wer waren diese Leute? Es gibt die Idee, dass Regierungskreise das angeheizt haben, um die anfangs friedlichen Proteste zu diskreditieren – und um die harte Reaktion, den Hilferuf nach Russland und dessen schnelle Intervention zu rechtfertigen. Beweisen können wir das aber nicht.

"Das Durchschnittsgehalt liegt bei 350 Euro"

Zu Beginn hieß es, dass es um die Gaspreise geht…

Das ist jetzt nicht mehr das Thema. Es ging um Liquified Petroleum Gas, LPG abgekürzt. Das ist Flüssiggas. Und es ist der Treibstoff, mit dem Autos in Kasachstan betrieben werden. Die Preise waren von der Regierung freigegeben worden, damit sie sich durch den Markt regulieren. Unter den großen Playern in diesem Gasgeschäft gab es vermutlich welche, die diese Preise manipuliert haben. Sicher nicht, um die Proteste auszulösen – sondern um daran zu verdienen. Die Leute in Kasachstan sind aber auf das LPG angewiesen. Und der Preis stieg wirklich stark: Von umgerechnet zwischen zehn und 20 Cent pro Liter auf das Doppelte. Zur Einordnung: Das Durchschnittsgehalt in Kasachstan liegt bei umgerechnet 350 Euro – da schlägt das gewaltig zu Buche.

Kam das überraschend?

Was hochkochte, war der Unwillen über das autoritäre Regime, der schon seit Jahren vorhanden ist. Ich habe das schon früher erwartet. Zum Beispiel im Dezember, zum 30-jährigen Unabhängigkeitsjubiläum in Kasachstan. Außerdem gab es am 16. Dezember 1986 große Studenten-Aufstände in Almaty mit vielen Todesopfern. Und 2011 wurden Ölarbeiter erschossen, die gegen schlechte Lebensbedingungen protestiert hatten. Schon vor Monaten haben viele Kasachen gesagt, dass sie nur darauf warten, dass sie sich wehren können. Das Ausmaß war überraschend für mich – dass es passiert aber nicht.

"Russland wird Kasachstan Bedingungen diktieren"

Der Rücktritt der Regierung ist mittlerweile bekannt gegeben worden. Wie schätzen Sie es ein – wie geht es jetzt weiter?

Der Rücktritt der Regierung ist in meinen Augen einer der unwichtigsten Schritte. Die ist auswechselbar in Kasachstan. Ein größeres Zeichen ist es, dass der ehemalige Präsident, Nursultan Nasarbajew, den Vorsitz des Sicherheitsrates abgegeben hat, weil das das mächtigste Amt in Kasachstan ist. Auch, dass der jetzige Präsident Kassym-Jomart Tokayev in Russland Hilfe erbeten hat, ist ein deutlicheres Zeichen. Rücktritte passieren in Kasachstan alle Nase lang.

Ich bin jedenfalls fest der Meinung, dass es in Kasachstan keinen demokratischen Umschwung geben wird. Es wird vermutlich einen Elitenaustausch geben. Russland wird Kasachstan Bedingungen diktieren und an Einfluss gewinnen. Ich fürchte ethnische Auseinandersetzungen zwischen Kasachen und Russen. Kasachstan wird sich möglicherweise in Richtung Polizeistaat entwickeln. Die Leute müssen sich jetzt sicherlich auf ein sehr, sehr hartes Regime einstellen. Ich würde gerne etwas anderes sagen, aber die Situation ist leider wirklich so dramatisch.