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Hier ist versteckte Baruther Geschichte zu sehen

Bevor der Neubau für die Oberschule startet, wurden jetzt die Grundmauern des abgerissenen Schlosses freigelegt. Wird ein Teil davon sichtbar bleiben?

Blick in die Vergangenheit: Bei Bauarbeiten zum Neubau einer Sporthalle wurden in Baruth die Fundamente des ehemaligen Schlosses freigelegt. Sie stammen teilweise aus dem 13.Jahrhundert.
Blick in die Vergangenheit: Bei Bauarbeiten zum Neubau einer Sporthalle wurden in Baruth die Fundamente des ehemaligen Schlosses freigelegt. Sie stammen teilweise aus dem 13.Jahrhundert. © SZ/Uwe Soeder

Malschwitz. In Baruth lässt sich derzeit Geschichte betreten. Durchquert man dort am Markt das historische Eingangsportal zum Schlossgarten, steht man kurze Zeit später auf den Überresten jener historischen Turmburg, die im späteren Verlauf der Geschichte zum Baruther Schloss umgebaut wurde. Im Herbst 1949 wurde das zugunsten der demokratischen Erneuerung unter der russischen Besatzungsmacht dem Erdboden gleichgemacht.

In der vergangenen Woche trafen sich am ehemaligen Standort des herrschaftlichen Gebäudes drei Personen, die ihre Leidenschaft für diesen Ort nur schwer verbergen können: Da wäre Hagen Lippe-Weißenfeld, der heute in Düsseldorf wohnt, sich der Region aber stets verbunden fühlte. Denn seine Mutter, Margarete Hamer-Prinzessin zur Lippe-Weißenfeld, verbrachte ihre Kindheit in dem Schloss, das 1808 in den Besitz der Familie überging. Da ist außerdem Sylvia-Verena Michel, die Baruther Ortsvorsteherin, die mit einem dicken Stapel Unterlagen zum Standort der Baruther Grundschule geradelt ist. Und da ist Hans-Peter Vietze, der seit dem 17. Mai die historischen Grundmauern von Schloss Baruth wieder zum Vorschein gebracht hat.

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Hagen Lippe-Weißenfeld ist dem Ort, an dem seine Mutter ihre Kindheit verbrachte, sehr verbunden. Ihm ist es wichtig, dass ein Verweis auf den geschichtsträchtigen Ort trotz Überbauung erhalten bleibt.
Hagen Lippe-Weißenfeld ist dem Ort, an dem seine Mutter ihre Kindheit verbrachte, sehr verbunden. Ihm ist es wichtig, dass ein Verweis auf den geschichtsträchtigen Ort trotz Überbauung erhalten bleibt. © SZ/Uwe Soeder

Hans-Peter Vietze, der hier im Auftrag des Sächsischen Landesamtes für Archäologie arbeitet, erklärt das Bild, das sich Besuchern derzeit im Baruther Schlosspark bietet: Die hufeisenförmige Ringmauer stamme vermutlich aus dem 13. Jahrhundert. Zahlreiche Erweiterungen des einst als Turmburg errichteten Gemäuers seien jüngeren Datums. Rings um die Außenmauern sei einst ein Burggraben verlaufen, der sicher noch viele Geheimnisse berge: "Schwerter, Pfeile, Bärenschädel - was in die Gräben hineingefallen war, konnte man nicht mehr herausholen", erklärt Vietze.

Und unter dem Heizhaus aus den 1960er-Jahren, dessen Abriss bereits beschlossen ist, verberge sich die "Urburg" in Form eines künstlich errichteten Turmhügels, der interessante Details zur Bauweise von Schloss Baruth liefern dürfte.

Aus der ehemaligen Turmburg entwickelte sich im Lauf der Jahre ein herrschaftliches Schloss. In den Besitz der Familie Lippe-Weißenfeld gelangte es im Jahr 1808.
Aus der ehemaligen Turmburg entwickelte sich im Lauf der Jahre ein herrschaftliches Schloss. In den Besitz der Familie Lippe-Weißenfeld gelangte es im Jahr 1808. © Archiv: Alke Knobloch

Denn das Schloss - und das hat Vietze während zahlreicher Führungen auch allen Schülern der Grundschule und einer großen Zahl an Baruthern erklärt - wurde an einem Ort errichtet, an dem im 13. Jahrhundert noch tiefstes Sumpfgebiet war: "Hier wurde alles mit der Spitzhacke urbar gemacht", erklärt er und zeigt sich beeindruckt: "Was ist das für eine große Kunst, solch einen Untergrund zu meliorieren!"

Was Vietze meint, ist die tiefgründige Verbesserung des Bodens - in diesem Fall durch Entwässerung. Laut alten Überlieferungen war die erfolgreich: "Das Schloss wurde angeblich nicht ein einziges Mal überschwemmt. Demgegenüber rätseln wir heute noch, wie man an diesen Ort etwas von Bestand bauen kann. Da können wir noch etwas lernen", sagt Vietze.

Blick in die Historie durch ein archäologisches Fenster

Damit spricht der Archäologe an, worauf der Nachkomme derer zur Lippe-Weißenfeld hofft: „Die Wunde, die der völlig unnötige und rein politisch motivierte Schloss-Abriss dem Ort Baruth und der Oberlausitz zugefügt hat, lässt sich niemals heilen. Wohl aber kann ein sorgsamer Umgang mit der 800-jährigen Geschichte dieses bedeutenden Ortes eine neue Perspektive für künftige Generationen schaffen", sagt Hagen Lippe-Weißenfeld.

Dass die historischen Schlossmauern, die als Bodendenkmal deklariert sind, im kommenden Jahr mit einer neuen Turnhalle, später auch mit einer neuen Oberschule überbaut werden sollen, stellt Lippe-Weißenfeld nicht infrage. Nachdenklich stimmt ihn aber, dass mit der Überbauung nach derzeitigem Stand jede Erinnerung an diesen historischen Ort getilgt werden soll: Keine Ausstellung, nicht einmal der Name der Oberschule soll an das Baruther Schloss erinnern.

Dabei, so Lippe-Weißenfeld weiter, sei es ihm eine Herzensangelegenheit, "dass die Schüler der neuen Schule sehen, erleben und verstehen, auf welch geschichtsträchtigem Boden sie hier für ihr Leben lernen. Die Herausforderung besteht jetzt darin, die Historie in geeigneter Form sichtbar in den Schulneubau zu integrieren."

In den Jahren 1949/50 wurde das Schloss abgerissen, um am selben Ort eine neue Schule zu errichten. Der russischen Besatzungsmacht sei es aber vor allem darum gegangen, Erinnerungen an das "Junkertum" zu beseitigen, berichten historische Quellen.
In den Jahren 1949/50 wurde das Schloss abgerissen, um am selben Ort eine neue Schule zu errichten. Der russischen Besatzungsmacht sei es aber vor allem darum gegangen, Erinnerungen an das "Junkertum" zu beseitigen, berichten historische Quellen. © Archiv: Martin Leschber

Unterstützt wird der Erbe der Schlossherren dabei vom Baruther Ortschaftsrat, denn auch Ortsvorsteherin Sylvia-Verena Michel findet: "Das hier ist unsere Geschichte. Sie muss sichtbar bleiben." Ihr und ihren Mitstreitern schwebt ein sogenanntes archäologisches Fenster im Boden des neu zu errichtenden Schulgebäudes vor, das per begehbarem Panzerglas einen Blick in die Vergangenheit erlaubt.

Schlossmauern werden konserviert

Das Bautzener Landratsamt reagiert auf den Vorschlag verhalten, aber nicht abweisend: Sollte der Landkreis als Bauherr und Schulträger sich für einen baulichen Einblick in die Vergangenheit entscheiden, heißt es von dort, würde man solch ein archäologisches Fenster eher im Schulneubau statt in der Turnhalle integrieren. Die Machbarkeit sei aber auch bei einer positiven Entscheidung noch zu prüfen und zu planen. In jedem Fall würden zusätzliche Planungs- und gegebenenfalls auch Baukosten entstehen. Deren Übernahme durch Dritte müsste im Vorfeld geklärt werden.

Immerhin: Wie Dr. Christoph Heiermann, Sprecher des Sächsischen Landesamtes für Archäologie, erklärt, sei es Auflage der Behörde, die Grundmauern des Schlosses als Bodendenkmal unter dem Neubau zu erhalten: "Wir sind Bewahrer. Was im Boden bleiben kann, soll dort auch bleiben. Für uns ist wichtig, das wir die Fläche fotografiert und vermessen haben und für die Zukunft erhalten", sagt Heiermann.

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Gegründet wird die neue Turnhalle nach Angaben des Bautzener Landratsamtes auf Bohrpfählen. Nach dem Bau der Halle beginnt der Schulbau voraussichtlich im Jahr 2023. Reichlich 16 Millionen Euro investiert der Landkreis nach jetzigem Stand in den Schulstandort. Ist die Turnhalle fertig, wird auch das Landesamt für Archäologie wieder vor Ort sein. Dann nämlich weicht das alte Heizhaus - und die Grundmauern der Urburg werden zum Vorschein kommen.

Weitere Informationen zur Geschichte von Schloss Baruth:

Baruth in Sachsen 1945 – 1950, 192 Seiten, erhältlich im DDV-Lokal oder bei Hans Dieter Krenz in Baruth, Tel.: (035932) 30691.

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