merken
PLUS Bautzen

Oberlausitz: Noch 450 Lehrstellen unbesetzt

Nicht alle Unternehmen im Landkreis Bautzen konnten für das aktuelle Ausbildungsjahr genügend geeignete Leute finden. Corona verschärft die Situation.

Benita Ullrich arbeitet jetzt als Prozessingenieurin bei der Bischofswerdaer Firma Schoplast. Das Unternehmen nutzt vor allem das Internet, um junge Leute für eine Ausbildung zu gewinnen.
Benita Ullrich arbeitet jetzt als Prozessingenieurin bei der Bischofswerdaer Firma Schoplast. Das Unternehmen nutzt vor allem das Internet, um junge Leute für eine Ausbildung zu gewinnen. © SchoPlast Plastic GmbH

Bautzen. Benita Ullrich wirkt rundum glücklich. „Das Unternehmen hat mich jederzeit gut unterstützt, und jetzt bin ich mit offenen Armen aufgenommen worden“, freut sich die junge Ingenieurin. Mit dem Unternehmen meint sie Schoplast Plastic in Bischofswerda. Hier lernte sie die Praxis kennen. Das theoretische Rüstzeug für ihre Arbeit holte sie sich an der Berufsakademie Bautzen (BA). Duales Studium heißt diese Form der Ausbildung, die Benita Ullrich seit Kurzem hinter sich hat.

Schoplast fertigt in Bischofswerda und dem nahen Wölkau Kunststoffteile, die vor allem in der Elektrotechnik gebraucht werden. Zu den 185 Mitarbeitern gehören acht Lehrlinge und auch in diesem, gerade begonnenen Ausbildungsjahr wieder ein BA-Student. „Wir bilden unseren Fachkräftenachwuchs selbst aus“, sagt Geschäftsführerin Annett Pischel.

Anzeige
Blasenentzündung - Was hilft?
Blasenentzündung - Was hilft?

Harnwegsinfektionen können Wohlbefinden und Lebensqualität erheblich einschränken. Frauen sind davon etwa viermal häufiger betroffen als Männer.

Personalreferentin Nicole Mikus erklärt, wie Schoplast junge Leute findet: „Wir können nicht warten, bis die Jugendlichen von selbst kommen. Wir müssen auf sie zugehen, und das funktioniert vor allem im Internet.“ So findet schon mal ein Vorstellungsgespräch als Videokonferenz statt, das geht bequem von zu Hause aus. Gerade im Corona-Jahr bewährten sich solche Wege, um Kontaktbeschränkungen zu überbrücken.

Bewerber für Ausbildungsplätze fehlen

Die Verantwortlichen bei Schoplast und in vielen anderen Unternehmen haben längst erkannt: Vorbei sind die Zeiten, da sich ausbildende Firmen aus einem Stapel von Bewerbungen die besten herauspicken konnten. Vor zwei Jahrzehnten kamen, statistisch gesehen, auf eine freie Lehrstelle in der Oberlausitz fünf Bewerber. Jetzt gehen ganze Belegschaften nach und nach in Rente, während nicht genügend junge Leute nachwachsen, um die Lücken zu füllen. Das hat zur Folge, dass sich Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt mittlerweile fast die Waage halten.

In diesem Jahr baten bisher 3.146 junge Leute aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz die Arbeitsagentur oder die regionalen Jobcenter um Unterstützung bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Das waren 158 weniger als 2019. Firmen und Behörden meldeten 2.936 Lehrstellen, 43 mehr als vor einem Jahr. In dieser Statistik kommen all jene Bewerber und Unternehmen nicht vor, die sich selbst kümmern, also weder die Agentur noch ein Jobcenter in Anspruch nehmen.

„Der Ausbildungsmarkt in der Region bietet gute Chancen für junge Menschen, hier eine Lehrstelle zu finden“, erklärt Kathrin Groschwald, die Chefin der Arbeitsagentur Bautzen. Ende September waren 450 Ausbildungsplätze noch unbesetzt, die meisten davon in den zum Zerspanungsmechaniker, Konstruktionsmechaniker, Industriemechaniker, Elektroniker Energie-/Gebäudetechnik oder Koch.

Corona erschwerte Berufsorientierung

Gleichzeitig gab es Ende September noch 105 unversorgte Bewerber, die weder eine Lehrstelle noch eine Alternative wie weiterführende Schule hatten. „Um sie kümmern sich unsere Berufsberater“, versichert Kathrin Groschwald. „Bei vielen unversorgten Bewerbern passen Berufswunsch und Lehrstellenangebot nicht optimal zusammen.“

Wahrscheinlich wären ohne Corona nicht mehr so viele Stellen frei und junge Leute unversorgt. Doch die Beschränkungen durch das Virus erschwerten die Berufsorientierung. Im Frühjahr, wenn sich sonst viele junge Leute für einen Beruf entscheiden, konnten diesmal Unternehmer und Agentur-Berater nicht wie sonst in die Schulen gehen. Messen, Tage der offenen Tür und vieles mehr fielen aus.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie die Handwerkskammer fassen das in Zahlen zusammen. So wurden in Industriebetriebe und Handelseinrichtungen in diesem Jahr acht Prozent weniger Ausbildungsverträge als 2019 unterschrieben, berichtet Torsten Köhler, Geschäftsführer Bildung bei der IHK Dresden. 

Verkäufer ist Berufswunsch Nummer eins

Im Landkreis Bautzen schlossen IHK-Mitgliedsbetriebe vor einem Jahr 709 Lehrverträge, jetzt waren es 653. „Wir spüren eine deutliche Zurückhaltung sowohl bei Unternehmen als auch bei Schülern“, sagt Köhler. Mehr junge Leute als sonst hätten sich statt für eine Lehre erst einmal für eine Alternative wie Freiwilliges Soziales Jahr oder weiterführende Bildung entschieden.

Handwerksbetriebe im Landkreis Bautzen schlossen im Vorjahr bis Ende September insgesamt 453 Lehrverträge. In diesem Sommer starteten bisher erst 405 junge Leute eine Ausbildung im Handwerk. Sabine Gotscha-Schock, die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Bautzen, nennt einige Beispiele: 2019 starteten 49 Kfz-Mechatroniker-Lehrlinge, in diesem Jahr waren es 41. Bei Friseuren sank die Zahl von 23 auf 17, bei Tischlern von 35 auf 25. Hingegen gebe es Zuwachs in Bauberufen.

Wer jetzt noch eine Lehrstelle sucht, sollte sich am besten gleich zu Beginn eines möglichen Gesprächs erkundigen, für welche Berufe noch Chancen bestehen. Einige Ausbildungsrichtungen sind überlaufen, zum Beispiel Verkäufer: Hier meldeten Ausbildungsbetriebe 179 Stellen, aber 313 junge Leute gaben dies als Berufswunsch Nummer eins an. Besser stehen die Chancen schon bei der um ein Jahr längeren Ausbildung zur Kauffrau bzw. zum Kaufmann im Einzelhandel: Hier stehen 133 Bewerber 167 Stellen gegenüber.

Weiterführende Artikel

Oberlausitz: Mehr als 1.000 freie Lehrstellen

Oberlausitz: Mehr als 1.000 freie Lehrstellen

Weniger Bewerber als im Vorjahr, aber mehr Ausbildungsplätze - so stellt sich die Lage in den Landkreisen Bautzen und Görlitz dar.

Wo es noch freie Lehrstellen gibt

Wo es noch freie Lehrstellen gibt

Im Landkreis Bautzen sind mehr Ausbildungsplätze unbesetzt, als Schüler dafür infrage kommen. Was die Firmen erwarten - und was sie zu bieten haben.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Bautzen