merken

Beim Autotunnel geht es britisch zu

Ein externer Moderator soll das Streitgespräch zu dem Großenhainer Bauprojekt leiten. Er setzt auf Methoden aus London.

© Archiv/Klaus-Dieter Brühl

Von Birgit Ulbricht

Großenhain. Zunächst wird Andreas Tietze im Alberttreff für Zustände wie im britischen Parlament sorgen. Weg mit dem Podium. Fort mit den frontalen Sitzreihen. Stattdessen ein Halbkreis aus Stühlen und in der Mitte ein Forum. „Alle müssen sich ansehen, wenn sie reden“, so Tietze. Der junge Mann startet kein besonderes Theaterprojekt, sondern moderiert die Infoveranstaltung zum Thema „Braucht Großenhain einen Autotunnel an der Berliner Straße ?“

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Andreas Tietze bringt durch sein Studium „Internationale Beziehungen“ auch ein wenig diplomatisches Geschick mit.
Andreas Tietze bringt durch sein Studium „Internationale Beziehungen“ auch ein wenig diplomatisches Geschick mit. © privat

Die Stadt hat bewusst auf einen Externen gesetzt, um Befindlichkeiten herauszunehmen. Um eben jene Emotionen geht es bei solch einer Moderation zuerst, bestätigt Andreas Tietze, der seit 2013 bei der Landeszentrale für politische Bildung mit einem der Moderatorenteams landauf, landab unterwegs ist. 13 solcher Moderatoren gibt es im Projekt „Kommune im Dialog“ und die haben nicht nur ab 2015 mit dem Überschwappen des Themas Asyl gut zu tun. Schon 2013 war Tietze mit dem Initiator dieser Vermittlungs- und Gesprächsform, Frank Richter, in Großenhain. Asyl, Bau- und Umweltthemen, Stadtentwicklung – vieles war in Kommunen schon umstritten. „Es ist mir eigentlich egal, wer spricht und worüber, es geht darum, Kontroverse als Stärke einer Gesellschaft zu begleiten und alle nachvollziehbar zu Wort kommen zu lassen“, erklärt Tietze. Das kann manchmal ungemütlich werden, aber nach demokratischen Spielregeln, betont er. Und da habe man selbst erst lernen müssen, gibt er unumwunden zu.

Ganz wichtig ist, eben nicht von einer erhobenen Warte aus auf die Bürger herab zu sprechen und das schlimmstenfalls noch in ewigen Monologen. 30 zu 60 oder 30 zu 90  lautet die Minuten-Regel stattdessen. Ob Stadtverwaltung oder Planungsbüro, ja, es gibt eine informative Einführung ins Thema – aber der Großteil der Zeit gehört dem Gespräch. „Die Menschen haben das Bedürfnis nach Aussprache, sie wollen nicht bevormundet werden“, so Tietze. Dieses Bedürfnis zu erfüllen, ist keine Formsache oder notwendiger Anschein, sondern ein Grundgefühl, das eine Stadt letztlich zusammenhält. Dieser Zusammenhalt ist für Künftiges sogar wichtiger, als die eigene Meinung durchzusetzen.

Der sogenannte Beutelsbacher Konsens fasst das alles in drei Prinzipien der Gesprächsführung zusammen: Überparteilich handeln, Kontroversen aushalten und Verantwortung weitergeben. Sprich, letztlich die anderen eine Entscheidung finden lassen, denn als Moderatoren seien sie weder Interessenvertreter der Stadt noch irgendwelcher Investoren, zum Beispiel bei Großprojekten. Am 11. Juni 19 Uhr im Großenhainer Alberttreff soll das Thema Autotunnel auf diese Weise moderiert werden.

Weiterführende Artikel

Eine Idee auf Augenhöhe

Eine Idee auf Augenhöhe

Ein externer Moderator soll das Streitgespräch zu dem Großenhainer Bauprojekt leiten. Er setzt auf Methoden aus London – Birgit Ulbricht über die Antwort auf die Tunnel-Frage.

Andreas Tietze wurde 1988 in Wippra, Sachsen-Anhalt, geboren. Er ist verheiratet, Kaufmann für Bürokommunikation und hat „Internationale Beziehungen“ in Rhein-Waal studiert. Seit 2013 ist er Moderator der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung.