Teilen: merken

Beim Seelen-TÜV

Cornelia Fanselow aus Gersdorf berät Menschen in Krisensituationen. Lösungsorientiert und manchmal mit Hypnose.

© René Plaul

Von Ina Förster

Gersdorf. Ab 35 geht man aller zwei Jahre zu allen möglichen Gesundheitschecks. Man lässt Blutzucker- und Cholesterin ermitteln. Den Urin testen, Blutdruck messen und spricht mit seinem Hautarzt. „Wenn der Mensch körperliche Probleme hat, tut er das eben. Das ist ganz normal. Hat er Zahnschmerzen, geht er zum Zahnarzt. Kommt sein Auto in die Jahre, bringt er es zum TÜV. Aber was, wenn die Seele schwächelt oder gar schreit? Da tun die meisten nichts. Weil sie sich nicht trauen. Oder sich schämen. Dabei ist gerade diese Achtsamkeit für sich selbst so wichtig.“

Symbolbild Anzeige
Anzeige

Sachsen in ihrem Element

Das eigene Bundesland per Film bereisen? Diese Kurzfilmreihe macht es möglich!

Die das sagt, ist Cornelia Fanselow. 49 Jahre alt. In Gersdorf aufgewachsen und dageblieben. Mutter einer erwachsenen Tochter. Frau eines Mannes. Warmherzig, aufmerksam. Mit dem besonderen Blick für Menschen. Die diplomierte Kauffrau arbeitet früher als Führungskraft in einer großen Bank, später im Jobcenter Kamenz. Das tut sie noch immer. Aber nach Feierabend bekommt sie oft Besuch. Von Klienten, die in ihre Praxis kommen und psychologische Beratung oder ein Coaching in Krisensituationen benötigen. „Eigentlich habe ich als Kind schon gespürt, dass ich gut mit Menschen kann. Dass ich helfen möchte. Ich konnte immer gut zuhören. Vielleicht wäre ich auch eine gute Ärztin geworden“, sinniert sie heute. Doch manchmal erreicht man sein Ziel nur über Umwege.

„Als ich 2012 eigentlich eher zufällig auf ein besonders Programm stieß, war ich sofort begeistert und von der Wirksamkeit der angewandten Interventionen absolut überzeugt“, sagt sie. Cornelia Fanselow entscheidet sich also, noch einmal berufsbegleitend ein Studium zu beginnen. „Das war wie eine Offenbarung für mich“, sagt sie. Der Abschluss ist ein ziemliches Wortungetüm: zertifizierter Coach für Integrierte Lösungsorientierte Psychologie (ILP®) nach Dr. Friedmann. So darf sie sich seitdem nennen. Was dahinter steckt, ist komplex, aber einfach. Und einleuchtend! Wenn man sich darauf einlässt.

Und vor allem jüngere Leute tun das. Im lichtdurchfluteten Zimmer mit Fernblick aufs Feld hinterm Haus, sitzen sie. Paare, die sich nichts mehr zu sagen haben. Deren Alltag aus Kindererziehung, Arbeit und nochmals Arbeit besteht. Die lange nicht achtsam waren mit sich selbst. Die sich entfremdet anschauen und hören, was der andere sagt, es aber schon lange nicht mehr verstehen. Oder die Manager großer Unternehmen. Mit einem riesigen Druck auf den Schultern, der sie nachts nicht mehr gut schlafen lässt. Mit quälenden Fragen, ob sie ihre Mitarbeiter in einem Jahr noch bezahlen können. Kurz vor dem Burnout.

Prüfungsangst und Überforderung

Oder es kommen die überforderten jungen Menschen mit riesiger Prüfungsangst. Deren letzte Hoffnung eine Hypnose-Stunde bei Cornelia Fanselow ist. Manchmal will auch jemand einfach nur mit dem Rauchen aufhören. Oder ein paar Kilos abspecken. „Die Gründe sind so unterschiedlich wie die Menschen, die zu mir kommen. Und gerade das macht natürlich großen Spaß“, sagt die Gersdorferin. Bevor sie mit ihren Sitzungen beginnt, stellt sie sich allein mit sich auf den Raum und die Beratung ein. Kerzen, Räucherstäbchen und angenehm gedimmtes Licht gehören dazu. Ein indisches Wandbild sticht ins Auge. Was ein bisschen nach Esoterik klingt, ist viel mehr. „Meine Klienten kommen aus dem kühlen Dunkel in ein warmes Licht. Die meisten reagieren darauf und öffnen sich schnell“, weiß sie. Ein langes Anfangsgespräch gehört dazu. Ziele müssen gesteckt werden. Hier geht es um Selbstwertgefühl. Cornelia Fanselow versucht, die Menschen als Ganzes zu sehen. Sie hört zu. Und spricht, wenn nötig. „Da sind schon Leute raus gegangen mit dem Spruch: So hat noch nie jemand mit mir geredet! Danke.“ Diese Dankbarkeit trägt die Beraterin durch die Zeiten. Auch durch schwere. Manchmal fühlt sie sich nach den Sitzungen selber nicht gut. „Dann ist es so, als ob die Klienten meine komplette Energie mitgenommen haben“, erklärt sie. Doch meistens erfüllt sie die Arbeit mit Freude. „Ich bin keine Therapeutin im üblichen Sinne, darf auch keine Heilversprechen geben. Doch ich sehe, dass ich den Menschen durchaus etwas geben kann. Das genügt!“ Ihnen und ihr.

Sicherlich muss die 49-Jährige vor einer mehrwöchigen Beratung genau schauen, wohin die Reise überhaupt geht. Menschen mit schweren Depressionen wird sie wahrscheinlich nicht helfen können. Das musste sie dem ein oder anderen dann auch schon so deutlich sagen. Oft aber sind es die einfachen Dinge, an denen die Klienten im Alltag scheitern. Sie funktionieren nur noch, statt zu leben. Beziehungen werden auf den Prüfstand gestellt, ohne eigentlich zu wissen, wie man sie reparieren könnte. „Manchmal brauche ich den Paaren nur einen klitzekleinen Denkanstoß zu geben“, sagt sie. Gemeinsam mit Cornelia Fanselow versuchen sie, aus dem Mt. Everest den gut erklimmbaren Hutberg zu machen. Oft liegen die gemeinsamen Probleme in den Problemen des Einzelnen mit sich selbst begründet. Dies gilt es herauszufiltern.

Drei bis vier Mal kommen die Klienten in der Regel. Zum Teil wird eine Beratung mit Hypnose unterstützt. Die Ausbildung dazu legte Cornelia Fanselow nach. Damit erarbeitete sie sich ein Alleinstellungsmerkmal. Induktion, Tiefenentspannung, Ausleitung und ein Nachgespräch gehören dazu. Ganz leicht fühlen sich die meisten nach so einer Sitzung. Und klar im Geist. „Wir müssen alle wieder lernen, mehr im Jetzt zu leben. Entweder hängen wir in der Vergangenheit fest oder haben Angst vor der Zukunft. So gelingt Leben nicht!“